Im Gleich­ge­wicht

Ei­ne Waage hält die Ba­lan­ce mit dem Ziel, nie­man­den zu be­vor­zu­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

Finns On­kel Philipp spielt Fuß­ball, wie Finn. Mitt­wochs vorm Trai­ning be­sucht ihn der Jun­ge im Bü­ro, Philipp ist Ju­rist. Hat er Fei­erabend, fah­ren sie ge­mein­sam zum Sport­platz. An die­sem Nach­mit­tag muss Finn war­ten, sein On­kel te­le­fo­niert noch. Er be­wun­dert in der Zwi­schen­zeit die glän­zen­de Mi­ni-Skulp­tur im Schrank, ei­ne vor­nehm ge­klei­de­te Frau, die ei­ne klei­ne Waage hoch­hält. Sie sieht aus wie ein Preis oder Po­kal. „Hast du die mal ge­won­nen?“, fragt Finn sei­nen On­kel, als er end­lich ins Zim­mer kommt. Der schüt­telt den Kopf: „Nein, die Jus­ti­tia war ein Ge­schenk. Sie ist die rö­mi­sche Göt­tin des Rechts und der Ge­rech­tig­keit. Des­halb trägt sie die Waage und ist ei­ne Schutz­göt­tin für uns Ju­ris­ten.“Finn staunt. Er kennt Waa­gen aus der Ob­st­ab­tei­lung des Su­per­markts, von der Post oder aus dem Ba­de­zim­mer Zu­hau­se. Die se­hen al­le völ­lig an­ders aus als die Waage in der Hand der Jus­ti­tia. Dass ei­ne Waage Re­qui­sit ei­ner Schutz­göt­tin ist, hört Finn zum ers­ten Mal. Waa­gen ste­hen für Gleich­ge­wicht. Ei­ne Waage hält die Ba­lan­ce mit dem Ziel, nie­man­den zu be­vor­zu­gen oder zu be­nach­tei­li­gen. Sie sorgt für aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit. Waa­gen gibt es seit 5 000 Jah­ren, be­reits die al­ten Ägyp­ter ver­wen­de­ten sie. Übe­r­all wo Men­schen Wa­ren an­bo­ten, muss­te de­ren Men­ge und Wert ge­recht ver­han­delt wer­den. Be­zahlt wur­de die ab­ge­wo­ge­ne Men­ge, nicht mehr, nicht we­ni­ger. Bei Ge­trei­de, Ge­wür­zen oder Me­di­zin­pul­ver war das be­son­ders kniff­lig, schließ­lich konn­te man nicht je­des Körn­chen zäh­len. Aber auch bei Äp­feln, Bro­ten oder Ei­ern ging es nicht im­mer ehr­lich zu, wenn sie un­ter­schied­lich groß wa­ren und da­mit nicht gleich schwer. Ei­ne Waage half, das zu prü­fen. Auf dem Markt oder in der Apo­the­ke. Gro­ße Han­dels­städ­te hat­ten so­gar ei­ne öf­fent­li­che Stadt­waa­ge, die al­le Men­schen nut­zen konn­ten, und de­ren Waa­ge­meis­ter ge­nau hin­sah, dass al­les mit rech­ten Din­gen zu­ging beim Wie­gen. Das Bau­prin­zip der Ur-Waage war ein­fach: An bei­den En­den ei­nes frei schwe­ben­den Holz­bal­kens wur­den Scha­len an Sei­len auf­ge­hängt. Auf ei­ner Scha­le wur­de die Wa­re ab­ge­wo­gen und ih­re Men­ge durch Auf­le­gen ei­nes Ge­gen­ge­wichts in der an­de­ren Scha­le er­mit­telt. So, dass der Bal­ken waag­recht hing. Auch das Wort „waag-recht“be­schreibt die Wir­kung der Waage! Die Rö­mer ver­bes­ser­ten die so­ge­nann­te Bal­ken­waa­ge, in­dem sie ei­ne der Scha­len durch ein ver­schieb­ba­res Ge­gen­ge­wicht er­setz­ten, das bei Be­las­tung auf ei­ner Ska­la das Ge­wicht an­zeig­te. Die­se Waa­gen wa­ren schon sehr ge­nau. Ab­wei­chun­gen gab es nur, wenn die zu wie­gen­de Wa­re nicht mit­tig in die Waag­scha­le ge­legt wur­de. Das Pro­blem lös­te ein Fran­zo­se vor 350 Jah­ren: Gil­les Per­son­ne de Ro­ber­val er­fand die Ta­fel­waa­ge, de­ren Bau­prin­zip bis heu­te gilt. Schö­ne al­te Ta­fel­waa­gen, wie sie frü­her in je­dem La­den stan­den, sind mitt­ler­wei­le ge­frag­te Samm­ler­stü­cke. In Ba­lin­gen auf der Schwä­bi­schen Alb ha­ben Waa­gen so­gar ein ei­ge­nes Haus: Das Mu­se­um für Waa­gen und Ge­wicht. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass in Ba­lin­gen seit 150 Jah­ren Waa­gen ge­fer­tigt wer­den. Erst 100 Jah­re ist es her, dass die Ge­gen­ge­wich­te ins Ge­häu­se der Waage in­te­griert wur­den, so dass man sie nicht mehr sah und auch nicht mehr von Hand auf­le­gen muss­te. Da­durch wur­de das Wie­gen be­schleu­nigt. Jus­ti­ti­as Mi­ni-Bal­ken­waa­ge kä­me heu­te nicht mehr zum Ein­satz. Ih­ren sym­bo­li­schen Wert be­hält sie aber, und ent­deckt man ei­ne Fi­gur der rö­mi­schen Göt­tin mit ih­rer aus­ge­gli­che­nen schwe­ben­den Waage, ist meist ein Ge­richts­ge­bäu­de in der Nä­he, oder je­mand der mit Recht­spre­chung zu tun hat – wie Finns On­kel. Ein sel­te­nes Waage-Ex­em­plar steht im Mu­se­um von Oschatz in Sach­sen, ei­ne Stuhl­waa­ge. Sie er­mit­tel­te bis 2011 das Ge­wicht je­des Men­schen, der auf ihr Platz nahm. Ein­mal im Jahr, Mit­te De­zem­ber, tat das der ge­sam­te Stadt­rat: 26 Stadt­rä­te plus Bür­ger­meis­ter tra­ten nach­ein­an­der zum Wie­gen an. Ihr Ge­wicht wur­de no­tiert, am Schluss zu­sam­men­ge­zählt und die Sum­me in Euro für gu­te Zwe­cke ge­spen­det! In­zwi­schen ist ei­ne Nach­bil­dung der al­ten Stuhl­waa­ge im Ein­satz. 2015 ka­men 2 486 Euro beim Rats­her­ren­wie­gen zu­sam­men!

Jus­ti­tia ist der Na­me der rö­mi­schen Göt­tin der Ge­rech­tig­keit. Sie wird dar­ge­stellt mit Schwert und Waage. Da­bei sym­bo­li­siert die Waage die aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit und das Schwert die Straf­ge­walt. Fo­to: avs

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