Fres­sen die auch Kat­zen?

25 Jah­re Wa­ve-Go­tik-Tref­fen in Leip­zig: Ein Mu­se­um lädt ein in die Welt der Düs­ter­nis

Der Sonntag (Mittelbaden) - - FREIZEIT & AUSFLÜGE - Bir­git Zim­mer­mann

Oh­ne Sarg geht es nicht. Ein ver­zier­tes Ex­em­plar ist gleich zu Be­ginn der Aus­stel­lung „Leip­zig in Schwarz. 25 Jah­re Wa­ve-Go­tik-Tref­fen“zu se­hen – da­rin liegt ein Ske­lett, das die knö­cher­ne Hand läs­sig auf die Kan­te legt. Der Sarg in ei­ner Fried­hofs­sze­ne­rie mit Gr­ab­lich­tern kon­fron­tiert die Be­su­cher des Stadt­mu­se­ums Leip­zig mit den gän­gi­gen Vor­ur­tei­len über die Gruf­tieSze­ne: Schla­fen die al­le in Sär­gen? Fres­sen die auch Kat­zen? „Leip­zig in Schwarz“will die dunk­le Welt er­klä­ren und auf 25 Jah­re Wa­ve-Go­tik-Tref­fen (WGT) zu­rück­bli­cken. „Das ist viel­leicht die un­ge­wöhn­lichs­te Aus­stel­lung, die wir in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten hier im Mu­se­um rea­li­sie­ren konn­ten“, sagt Di­rek­tor Vol­ker Ro­de­kamp. Statt um be­deut­sa­me Er­eig­nis­se aus längst ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten geht es in der Aus­stel­lung um ein re­la­tiv jun­ges Phä­no­men, das in acht The­men­wel­ten von der Mo­de bis zum Kör­per­kult vor­ge­stellt wird: das Wa­veGo­tik-Tref­fen, das 1992 zum ers­ten Mal in Leip­zig ver­an­stal­tet wur­de und sich in­zwi­schen als ei­nes der größ­ten Sze­ne­tref­fen welt­weit mit jähr­lich 20 000 Be­su­chern eta­bliert hat. Die Wa­ve-Go­tik-Be­we­gung ent­wi­ckel­te sich En­de der 70er Jah­re aus der eng­li­schen Pun­kund New-Wa­ve-Sze­ne. „Got­hic“, wie sich die Ju­gend­be­we­gung ur­sprüng­lich nann­te, be­zeich­ne­te zu­nächst den be­son­ders düs­te­ren, dump­fen Mu­sik­stil ein­zel­ner Rock­bands. Schwar­ze Klei­dung, weiß ge­schmink­te Ge- sich­ter, auf­fäl­li­ger Sil­ber­schmuck und schril­le Fri­su­ren prä­gen heu­te das äu­ße­re Er­schei­nungs­bild der Wa­ve-Go­tik-An­hän­ger. Nicht nur äu­ßer­lich dis­tan­zie­ren sie sich be­wusst von Kon­sum und Ma­te­ria­lis­mus. Vie­le be­schäf­ti­gen sich mit Tod, Ver­gäng­lich­keit, Mys­tik und Ok­kul­tis­mus. „Wie konn­te es pas­sie­ren, dass das Wa­veGo­tik-Tref­fen so er­folg­reich ist?“– auch die­se Fra­ge wol­le „Leip­zig in Schwarz“be­ant­wor­ten, sagt Vol­ker Ro­de­kamp. Um dies zu er­grün­den, ha­ben die Aus­stel­lungs­ma­cher aus­gie­big mit Sze­ne-Ken­nern und Sze­neGän­gern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Die Ob­jek­te, die bis zum 29. Mai in der Prä­sen­ta­ti­on zu se­hen sind, stam­men von 50 Leih­ge­bern, von Pri­vat­per­so­nen oder von In­sti­tu­tio­nen. „Wir selbst hat­ten ja nichts im Be­stand“, sagt der Mu­se­ums-Chef. Zu­sam­men­ge­kom­men sind vie­le Klei­dungs­stü­cke, Fo­tos, Vi­de­os, zu­dem zwei Dut­zend Paar Schu­he und zahl­rei­che De­vo­tio­na­li­en aus ei­nen Vier­tel­jahr­hun­dert WGT-Ge­schich­te. Die Op­tik der Schau ist na­tür­lich die glei­che, die je­des Jahr zu Pfings­ten die Stadt Leip­zig do­mi­niert. Es wim­melt von Fle­der­maus-Ac­ces­soires und To­ten­köp­fen. Die ne­on­far­be­nen Sa­chen ei­nes „Cy­ber Goth“sind eben­so zu se­hen wie ein Büh­nen­out­fit der Sze­ne-Band „Goe­thes Er­ben“. Das Mu­se­um hat sei­ne Rä­um­lich­kei­ten au­ßer­dem in Schwarz ge­taucht. Selbst die Säu­len in der Aus­stel­lungs­hal­le sind in schwar­ze Bäu­me ver­wan­delt wor­den. „Wir ha­ben den his­to­ri­schen Si­cher­heits­ab­stand ver­las­sen, den Mu­se­en sonst im­mer ein­neh­men“, sagt Ku­ra­to­rin Jo­han­na Sän­ger. Die Ma­cher der Aus­stel­lung hät­ten ver­sucht, die Sze­ne zu ver­ste­hen – und nun woll­ten sie das Ver­stan­de­ne auch den Be­su­chern ver­mit­teln. Mu­se­ums-Chef Vol­ker Ro­de­kamp sagt, er hof­fe auf „vie­le Zehn­tau­send Be­su­cher“. An­ge­sichts von 20 000 Frau­en und Män­nern, die zum Wa­ve-Go­tik-Tref­fen zu kom­men pfle­gen, und ver­mut­lich noch ei­ni­gen an­de­ren In­ter­es­sier­ten dürf­te das kei­ne all­zu küh­ne Hoff­nung sein.

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