Buf­fa­lo Bill auf der Spur

Cow­boy & In­dia­ner – ma­de in Ger­ma­ny

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um zeigt erst­mals ei­ne gro­ße Fa­mi­li­en­aus­stel­lung – mit vie­len Spiel­mög­lich­kei­ten für Kin­der

Es war schon ein er­grei­fen­der Mo­ment, als Win­ne­tou mit Old Shat­ter­hand Bluts­brü­der­schaft schloss. Im Ro­man von Karl May (1842 bis 1912) trin­ken der Apa­che und der „West­mann“aus Deutsch­land je­weils vom Blut des an­de­ren. Dem Ki­no­pu­bli­kum aber woll­te man in den 1960er Jah­ren die Vor­stel­lung die­ses sehr spe­zi­el­len Ge­trän­kes of­fen­bar er­spa­ren – im Film wer­den Pier­re Bri­ce und Lex Bar­ker Bluts­brü­der, in­dem sie ih­re auf­ge­ritz­ten Un­ter­ar­me ge­gen­ein­an­der press­ten. Die Fra­ge, wie ech­te In­dia­ner das Ri­tu­al zu hand­ha­ben pfleg­ten, ist mü­ßig – die Ur­ein­woh­ner Nord­ame­ri­kas kann­ten die­se Form der Ver­brü­de­rung gar nicht. Sie ent­sprang der Fan­ta­sie des schrift­stel­lern­den We­ber­soh­nes aus dem Erz­ge­bir­ge, der

sich als bes­ter Freund des Apa­chen­häupt­lings ver­kauf­te, die Schau­plät­ze sei­ner Best­sel­ler tat­säch­lich aber erst als al­ter Mann be­reis­te. „Ver­mut­lich ori­en­tier­te sich Karl May bei der Bluts­brü­der­schaft an ei­nem Brauch der al­ten Ger­ma­nen“, er­fährt der Be­su­cher im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um. Macht aber gar nichts. Denn die Fa­mi­li­en­aus­stel­lung, die bis zum 3. Ok­to­ber im Karls­ru­her Schloss zu se­hen ist, ver­steht sich nicht als eth­no­lo­gi­sche Schau, die den Wil­den Wes­ten so dar­zu­stel­len sucht, wie er wirk­lich war. Viel­mehr dreht sich – wie der Ti­tel „Cow­boy & In­dia­ner – Ma­de in Ger­ma­ny“er­ah­nen lässt – al­les um das Bild, das sich die Deut­schen von sel­bi­gen ge­macht ha­ben, um Kli­schees und um Wunsch­vor­stel­lun­gen. „Wir ha­ben das Pferd so­zu­sa­gen von hin­ten auf­ge­sat­telt“, er­läu­tert Mu­se­ums­di­rek­tor Eck­art Köh­ne. Er kann – wie Aus­stel­lungs­ku­ra­tor Andre­as Seim – selbst auf ei­ne be­weg­te Cow­boy- und In­dia­ner-Kind­heit zu­rück­bli­cken. Be­wegt geht es auch im Wil­den Wes­ten ma­de in Karls­ru­he zu. Mit dem For­mat ei­ner gro­ßen Fa­mi­li­en- und Er­leb­nis­aus­stel­lung hat das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um Neu­land be­tre­ten. Es kann in den Räu­men des Schlos­ses schon mal ziem­lich laut wer­den – die ge­wohn­te kul­tur­be­flis­sen-ge­dämpf­te Mu­se­ums­at­mo­sphä­re dürf­te sich in der seit ges­tern fürs Pu­bli­kum ge­öff­ne­ten Schau je­den- falls nur sel­ten ein­stel­len. Wer will, kann in die Aus­stel­lung re­gel­recht hin­ga­lop­pie­ren: In der „Buf­fa­lo Bill Are­na“la­den Plüsch-Mustangs auf Rol­len zum Aus­ritt ein. Das kleins­te Po­ny ist für den In­dia­ner-Nach­wuchs mit ma­xi­mal 25 Ki­lo Kör­per­ge­wicht be­stimmt, das größ­te Pferd er­mög­licht es auch Cow­boys, die ge­wichts­mä­ßig eher zu Hoss Cart­w­right ten­die­ren, sich in den Sat­tel zu schwin­gen. Das spie­le­ri­sche Mo­ment zieht sich durch die gan­ze Aus­stel­lung – hier lädt ein Klet­ter­fel­sen zu Er­kun­di­gun­gen ein, dort kann man in ei­nem Ti­pi lüm­meln, im Bü­ro des She­riffs stö­bern oder im Sa­loon die Whis- key- Fla­schen klir­ren las­sen. Doch die Aus­stel­lung ver­kommt nicht zum mu­sea­len Ver­gnü­gungs­park: Mit vie­len in­ter­ak­ti­ven Sta­tio­nen rich­tet sich die Schau an al­le Ge­ne­ra­tio­nen – vom Kin­der­gar­ten- übers Schul­kind bis zu El­tern und Groß­el­tern, die in Er­in­ne­run­gen schwel­gen. Die Ak­ti­ons­an­ge­bo­te sind in ei­ne wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Prä­sen­ta­ti­on ein­ge­bun­den, wel­che die klei­nen und gro­ßen Be­su­cher mit oft ver­blüf­fen­den In­for­ma­tio­nen über ein Phä­no­men der Po­pu­lär­kul­tur be­lie­fert, das ei­gent­lich je­der zu ken­nen glaubt. Und beim Be­trach­ten von Film­aus­schnit­ten und rund 200 Ex­po­na­ten merkt man rasch, dass der hie­si­ge Um­gang mit Cow­boys und In­dia­nern im Grun­de im­mer ein spie­le­ri­scher ge­we­sen ist. Da­von zeu­gen auch Plas­tik-Colts und Kar­ne­vals­ver­klei­dun­gen so­wie Wes­tern­ver­ei­ne, von de­nen es im Süd­wes­ten Deutsch­lands be­son­ders vie­le gibt. Und lach­te im Jahr 2001 nicht das gan­ze Land über Bul­ly Her­bigs Karl-May-Film-Par­odie „Der Schuh des Ma­ni­tu“? Den zieht sich das Lan­des­mu­se­um bei sei­ner ers­ten Fa­mi­li­en­aus­stel­lung ger­ne an.

Fo­to: @ BLM / Uli Deck / Mon­ta­ge: SO

Fo­to: @ BLM

Des Apa­chen­Häupt­lings adret­tes Schwes­ter­lein: Das Film­fo­to zeigt Ma­rie Ver­si­ni und Todd Arm­strong in ei­ner Sze­ne von „Win­ne­tou und sein Freund Old Fi­re­hand“.

Fo­to: @ BLM

Die Kunst­schüt­zin An­nie Oak­ley über­rasch­te das deut­sche Pu­bli­kum bei der Buf­fa­lo-Bill-Show mit ih­rer Treff­si­cher­heit.

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