Pe­tra Weß­be­cher: Pro­jekt­lei­te­rin der Kul­tur­lot­sen

Das Pa­ten­schafts­pro­jekt „Kul­tur­lot­sen“will Kin­der mit Kul­tur ver­traut ma­chen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Melanie Schnau­fer

Wenn ich nicht weiß, was ich ma­len soll, spin­ne ich ein­fach rum – das macht am meis­ten Spaß“, sagt Mehr­dad Zae­ri und krit­zelt un­ter den Au­gen sei­ner Zu­schau­er blind ein paar will­kür­li­che Li­ni­en auf ein lee­res Blatt Pa­pier. „Was seht ihr da­rin?“, fragt der Il­lus­tra­tor und grinst: „Je­der Er­wach­se­ne wür­de jetzt den­ken, oh Gott, das ist ja voll­kom­men durch­ein­an­der.“Er be­trach­tet das Bild, wen­det es, über­legt kurz. Mit Leich­tig­keit und Ele­ganz tanzt der Filz­stift über das Pa­pier, mit schwung­vol­len Be­we­gun­gen ver­wan­delt er das wil­de Ge­krit­zel in die zar­ten Ge­sichts­zü­ge ei­ner Frau, formt Au­gen, Mund, Na­se, Haa­re – je­de noch so wi­der­spens­ti­ge Li­nie er­gibt plötz­lich ei­nen Sinn. Es ist still im Raum – die 14 Kurs­teil­neh­mer bli­cken ge­bannt auf Mehr­dad Zae­ri, der vor ih­nen auf dem Bo­den kniet und spon­tan ein Kunst­werk ent­ste­hen lässt. „Ich fan­ge ein­fach an, oh­ne zu wis­sen, was da­bei her­aus­kommt.“Zu Gast im Jun­gen Staats­thea­ter in Karls­ru­he gibt der Künst­ler Mehr­dad Zae­ri bei ei­nem Work­shop Ein­bli­cke in sei­ne krea­ti­ve Ar­beit. Ein­ge­la­den sind Kin­der und Er­wach­se­ne, die an ei­nem be­son­de­ren Pa­ten schafts­pro­jekt des Ba­di­schen Staats thea­ters und der Stif­tung Hän­sel+Gre­tel, den „Kul­tur­lot­sen“, teil­neh­men. „Wir wol­len Kin­dern zwi­schen sechs und zwölf Jah­ren aus al­len Ge­sell­schafts schich­ten ei­nen Zu­gang zu Kul­tur er­mög­li­chen“, er­klärt Pro­jekt­lei­te­rin Pe­tra Weß­be­cher das Kon­zept. Ein­mal im Mo­nat un­ter­neh­men die Kul­tur­lot­sen mit ih­ren Schütz­lin­gen Be­su­che ins Thea­ter oder ins Mu­se­um – und sind da­bei, in Ab­spra­che mit den El­tern, fle­xi­bel in der Zeit­pla­nung. Zu den mitt­ler­wei­le 75 Tan­dems ge­hö­ren seit De­zem­ber 2014 auch die sie­ben­jäh­ri­ge Ali­na und die 30-jäh­ri­ge Eva-Ma­ria. „Ich ha­be Nach­barn und Freun­din­nen, die auch bei den Kul­tur­lot­sen teil­neh­men – da woll­te ich das auch ma­chen“, ver­rät die Grund­schü­le­rin, die „am liebs­ten ins Thea­ter geht“. Eva-Ma­ria ist über das In­ter­net auf das Pro­jekt auf­merk­sam ge­wor­den. Be­reits seit vier Jah­ren da­bei sind Er­zie­he­rin Jut­ta und die neun­jäh­ri­ge Roy­em. „Ich ha­be in der Zei­tung da­von ge­le­sen“, er­in­nert sich Jut­ta, die Roy­em be­reits aus dem Kin­der­gar­ten kann­te. Den Work­shop fin­det die Grund­schü­le­rin be­son­ders span­nend: „Ich ma­le ger­ne.“Nach ei­ner klei­nen Pau­se mit Ge­trän­ken, Obst und Kek­sen geht es wei­ter. Von An­re­gun­gen zum krea­ti­ven Ma­len („Nicht gleich den Ra­dier­gum­mi ver­wen­den. Durch Feh­ler wird ein Kunst­werk erst in­ter­es­sant“) zum Schrei­ben von Na­men in per­si­scher Schrift („im­mer von rechts nach links“), schlägt der Künst­ler ei­nen Bo­gen zu sei­ner un­ge­wöhn­li­chen Fa­mi­li­en­ge­schich­te. „Mei­ne Lieb­lings­ja­cke, ein Tim-und-Strup­piBand und ein Heft mit mei­nen schöns­ten Zeich­nun­gen“– das ist al­les, was Mehr­dad Zae­ri bei sich hat, als er mit sei­ner Fa­mi­lie vor dem Krieg aus sei­ner Hei­mat Iran nach Deutsch­land flieht. Über 30 Jah­re ist das nun schon her und doch schei­nen die Er­in­ne­run­gen dar­an wach und le­ben­dig, wenn der heu­te 45-Jäh­ri­ge da­von er­zählt. Von ei­ner Rei­se in ein frem­des Land, ei­ner Un­ter­brin­gung in Hei­men in Ber­lin und Karls­ru­he, bis die Fa­mi­lie in Hei­del­berg ei­nen Neu­be­ginn wa­gen kann. „ Am An­fang konn­te ich gar kein Deutsch. Ich wuss­te nicht mal, was ja oder nein heißt“, er­in­nert er sich. „Wenn in der Un­ter­richts­pau­se je­mand ei­nen Witz er­zählt hat, hab ich erst­mal das Wör­ter­buch raus­ge­holt.“Doch mit Hil­fe sei­nes Zei­chen­ta­l­ents fin­det der Ju­gend­li­che An­schluss in der Schu­le und Freun­de, die ihm beim Deutsch­ler­nen hel­fen. Auf der Stra­ße er­lebt Mehr­dad Zae­ri da­ge­gen häu­fig Ab­leh­nung: „Ich war 14 und wur­de oft von Frem­den be­schimpft“, er­in­nert er sich. Ei­ne schreck­li­che Zeit, in der sein Selbst­be­wusst­sein schwer ge­lit­ten ha­be. „Heu­te weiß ich, je­der Mensch ist gleich viel wert.“Mitt­ler­wei­le ist Mehr­dad Zae­ri ein ge­frag­ter Zeich­ner, des­sen Bil­der in Zeit­schrif­ten, auf Pla­ka­ten oder in Bü­chern zu fin­den sind und der mit sei­nem Büh­nen­pro­gramm „Kopf­ki­no“oder bei Le­sun­gen die Zu­schau­er mit im­pro­vi­sier­ten Zeich­nun­gen auf dem Over­head-Pro­jek­tor be­geis­tert. Ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter, der Kin­der­buchau­to­rin Mehr­nousch Zae­ri-Es­fa­ha­ni, hat er be­reits meh­re­re Ge­schich­ten ver­öf­fent­licht, in de­nen die Flucht aus der Hei­mat im­mer wie­der ei­ne Rol­le spielt. In „Das Mond­mäd­chen“, im März in zwei­ter Auf­la­ge er­schie­nen, wer­den die ei­ge­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen mit ei­ner ma­gi­schen Fan­ta­sie­welt ver­wo­ben. „Zu Hau­se ha­be ich ein Zim­mer vol­ler Far­ben“, schwärmt Mehr­dad Zae­ri. „Es sieht ein biss­chen aus wie ein Kin­der­zim­mer.“Voll mit Kin­der­bü­chern, Bunt­stif­ten, Filz­ma­lern und ton­nen­wei­se Pa­pier, das „über­ein­an­der ge­sta­pelt bis zur De­cke rei­chen wür­de.“Dann greift er wie­der zum Stift. „Mein Traum ist es, je­den Tag Bil­der zu ma­len. Wenn ich das schaf­fe, bin ich ein glück­li­cher Mensch.“

Fo­tos: Tan­ja Mo­ri Mon­tei­ro

Wie schreibt man den ei­ge­nen Vor­na­men auf per­sisch und wie sieht das Zu­hau­se ei­nes rich­ti­gen Künst­lers aus? Zeich­ner Mehr­dad Zae­ri ist zu Gast im Jun­gen Staats­thea­ter in Karls­ru­he und gibt den Teil­neh­mern sei­nes Work­shops Ein­bli­cke in den, wie er sagt, „schöns­ten Be­ruf der Welt“.

„Am liebs­ten ge­he ich ins Thea­ter“, ver­rät die sie­ben­jäh­ri­ge Ali­na, die ein­mal im Mo­nat mit ih­rer Kul­tur­lot­sin Eva-Ma­ria in Karls­ru­her Mu­se­en und Thea­tern un­ter­wegs ist.

So­gar mit ei­nem ein­fa­chen Git­ter las­sen sich fas­zi­nie­ren­de Mus­ter und Be­we­gun­gen auf dem Over­head­Pro­jek­tor bil­den. Ale­j­na, Ali­na, Roy­em, Jut­ta und Ta­bea stau­nen.

Pro­jekt­lei­te­rin Pe­tra Weß­be­cher hat im­mer ein of­fe­nes Ohr für ih­re Kul­tur­lot­sen.

Zeich­net aus­schließ­lich mit Stif­ten: Il­lus­tra­tor Mehr­dad Zae­ri.

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