Mit Kilt und Du­del­sack

Die­se Her­ren ti­cken et­was an­ders…

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Ul­rich M. Ste­js­kal

Ver­knei­fen Sie sich die Fra­ge, wenn Nor­man Welz wei­ter­hin ver­schmitzt über sei­nen Bril­len­rand bli­cken soll. Nein, er wird es Ih­nen nicht sa­gen: Was und ob er über­haupt et­was un­ter sei­nem Kilt trägt, bleibt sein Ge­heim­nis. Der Ban­ker aus dem Ba­den-Ba­de­ner Stadt­teil Sandwei­er hält nichts von Plat­ti­tü­den. Was ihn seit Kind­heit um­treibt, ist der Klang des Du­del­sacks, der seit über 3 000 Jah­ren die Mensch­heit in zwei La­ger spal­tet: Man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Nor­man Welz mag ihn, sehr so­gar, und mit ihm noch acht wei­te­re ge­stan­de­ne Man­nen, die sich un­ter dem klang­vol­len Na­men „Ci­ty of Ba­den-Ba­den Pi­pes and Drums“zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­ben. Ei­nes ha­ben al­le ge­mein­sam: Sie ti­cken et­was an­ders als an­de­re. Je­den­falls spä­tes­tens dann, wenn sie den 18 Li­tern Luft, die sie im Sack der Pfei­fe be­vor­ra­tet ha­ben, mit­tels Kör­per und Ar­men je­nen 0,05 bar star­ken und vor al­lem gleich­mä­ßi­gen Druck ver­pas­sen, da­mit die Bor­dun­pfei­fen ih­re ty­pi­schen Brumm­tö­ne ab­ge­ben und zu­dem noch die Me­lo­di­en­pfei­fe, sprich „Chan­ter“, be­dient wer­den kann. Wer an­fängt, muss durch­hal­ten, ein An­hal­ten ge­stat­tet ein Du­del­sack nicht. Da­durch, dass im Luft­sack im­mer ein Luft­vor­rat ist, kann aber be­lie­big ge­at­met wer­den, oh­ne dass beim Spie­len ei­ne Atem­pau­se ent­steht. 46 Li­ter Luft strö­men so in ei­ner Mi­nu­te durch das In­stru­ment und sor­gen gleich­zei­tig für ei­ne Laut­stär­ke bis zu 115 De­zi­bel. Wen wun­dert es da, wenn der Mensch von heute plötz­lich in­mit­ten ba­di­scher Wäl­der al­te schot­ti­sche Du­del­sack­me­lo­di­en hört. „Ich übe zwar auch da­heim, doch in der frei­en Na­tur ist es am schöns­ten“, sagt Welz und be­teu­ert, „die Nach­barn ha­ben nichts ge­gen mein Hob­by ein­zu­wen­den“. Lan­ge hat­te er auf die Er­fül­lung sei­nes Trau­mes war­ten müs­sen. Schon als Vier­jäh­ri­ger war er von den Du­del­sä­cken der schot­ti­schen Re­gi­men­ter be­geis­tert, zu de­ren Pa­ra­den ihn sein Va­ter in Frankfurt mit­nahm. Da­nach ließ ihn der Ge­dan­ke an die „Bag­pipe“nicht mehr los. Doch erst zu sei­nem 25. Ge­burts­tag ge­lang es ihm, sich sei­nen Wunsch zu er­fül­len. Über ein Jahr hat­te die Lie­fer­zeit des da­mals rund 6 000 Deut­sche Mark teu­ren In­stru­men­tes ge­dau­ert, das ei­gens für ihn in Schott­land an­ge­fer­tigt wur­de – zu­sätz­lich 700 DM Steu­er und Zoll­ge­bühr. Als Au­to­di­dakt nä­her­te sich Welz dem ei­ge­nen Du­del­sack, doch als er 1993 bei sei­ner Hoch­zeit ei­nen pro­fes­sio­nel­len Pfei­fer auf­spie­len ließ, be­gab er sich an­schlie­ßend in des­sen Hand und ab­sol­vier­te an der „Gre­at High­land Bag­pipe“ei­ne klas­si­sche Aus­bil­dung. Knapp zehn Jah­re spä­ter, des Al­lein­pfei­fens satt, schar­te Welz mu­si­ka­li­sche Ge­sin­nungs­freun­de um sich, die Grup­pe „Ci­ty of Ba­den-Ba­den Pi­pes and Drums“ward ge­bo­ren. Zu­erst le­dig­lich fünf „Pi­pers“und „Drum­mers“, dann 16 und heute neun. Auch der Phy­sio­the­ra­peut Uwe Spä­te aus Sandwei­er ist da­bei, er stu­dier­te Mu­sik und Ge­sang. 45 Jah­re ge­hör­te sein Herz den Blas­mu­sik­or­ches­tern, dann ge­riet Nor­man Welz we­gen ei­nes Zip­per­leins un­ter sei­ne fach­kun­di­gen Hän­de und we­nig spä­ter tausch­te Spä­te die Kon­zert­pau­ke mit der so ge­nann­ten „Sna­re“, ei­ner knall­hart ge­spann­ten Trom­mel, de­ren Tö­ne wie Schüs­se klin­gen. Dem Tromm­ler, dem rhyth­mi­schen Rück­grat der Band, ob­liegt die Dra­ma­tur­gie des Zu­sam­men­spiels und da­bei muss er noch ge­gen die Tak­tung spie­len. „So et­was lernt man nicht auf dem Kon­ser­va­to­ri­um“, sagt Spä­te, des­sen pracht­vol­ler Bart sei­nen ei­ge­nen per­sön­li­chen Wie­der­er­ken­nungs­wert be­acht­lich stei­gert. Den Kilt trägt der Mo­tor­rad­freak lie­bend gern auch in der Frei­zeit. „Frei­heit eben“, sagt er und schmun­zelt, „aber fra­gen Sie mich nicht…“„Bei al­ler Freu­de, die wir ha­ben, wir sind kei­ne Spaß­trup­pe. Vi­el­leicht Kilt und Du­del­sack tra­gen­de Exo­ten, aber wir er­fül­len kei­ne Kli­schees“. Auch der Leh­rer Andre­as Mohr aus Mug­gen­sturm lebt sei­ne Af­fi­ni­tät zu Schott­land aus, ver­hehlt nicht, dass ihm ne­ben der Mu­sik auch das au­ßer­ge­wöhn­li­che Outfit viel Freu­de be­rei­tet. Wert legt der im Rang ei­nes Pi­pe-Ma­jors agie­ren­de, wie all sei­ne Mit­strei­ter, vor al­lem auf Au­then­ti­zi­tät. Fast­nachts­ver­an­stal­tun­gen oder Be­triebs­fei­ern sind des­halb für die Band schon lan­ge ta­bu, denn man will sich nicht zum Clown ma­chen las­sen. Der Du­del­sack sei ein an­stren­gen­des In­stru­ment und nö­ti­ge ei­ni­gen Re­spekt ab. Al­lein die asym­me­tri­sche Hal­tung, die die „Bag­pipe“ver­lan­ge und die Ko­or­di­na­ti­on der stets aus­wen­dig ge­spiel­ten Stü­cke, er­for­der­ten stets höchs­te Sorg­falt. Le­dig­lich fünf bis zehn Auf­trit­te ab­sol­viert die Grup­pe im Jahr, die im Üb­ri­gen kein Ver­ein ist und auch nicht sein will. Ob in der Ku­lis­se des Al­ten Schlos­ses Ho­hen­ba­den oder zur Er­öff­nung der Gro­ßen Wo­che auf der If­fez­hei­mer Renn­bahn, ob bei Ge­burts­ta­gen, Hoch­zei­ten oder Be­er­di­gun­gen, Andre­as Mohr spielt nicht des Gel­des we­gen. Auch nicht Pe­ter Max­well aus dem el­säs­si­schen Dru­sen­heim, der ein­zi­ge ech­te Schot­te in ih­ren Rei­hen. Und auch nicht Ki­li­an Käs­ham­mer aus Ot­ten­hö­fen, Stef­fen Rees aus Karls­ru­he, Mar­kus Wahl aus Lan­dau oder Andre­as Ko­rell und Max Spä­te aus Sandwei­er. Wenn der ur­al­te Sound der Sack­pfei­fe ruft, schlüp­fen sie al­le in die tra­di­tio­nel­le schot­ti­sche Hoch­land-Klei­dung und tau­chen in ei­ne an­de­re Welt ein. Der Ap­plaus der an­de­ren ist ih­nen si­cher – oder auch nicht. Ein Kom­pro­miss scheint so exo­tisch wie die Ak­teu­re selbst.

Fo­to: Welz

So et­was sieht und hört man nicht all­zu oft im Al­ten Schloss in Ba­den-Ba­den. Die „Ci­ty of Ba­den-Ba­den Pi­pes and Drums“ge­ben mit ih­ren Du­del­sä­cken und Trom­meln ein Gast­spiel, das man eher aus Schott­land ge­wohnt ist. Ganz links Nor­man Welz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.