Nichts für die Mas­sen

Das Mu­se­um der Har­mo­nie in Gerns­bach ist ein ganz be­son­de­rer Ort

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Ka­trin Kö­nig

Wer das „Mu­se­um der Har­mo­nie“im Al­ten Rat­haus Gerns­bach mit der Vor­stel­lung be­tritt, hier schlicht­weg ei­ne wert­vol­le Kunst­samm­lung zu be­trach­ten, wird schnell ei­nes Bes­se­ren be­lehrt. Es geht bei der Samm­lung des 2004 ver­stor­be­nen Jan Brau­ers ei­ner­seits um Phi­lo­so­phie– u mei­ne teils wis­sen­schaft­lich-ma­the­ma­tisch, teils mys­tisch be­grün­de­te Per­spek­ti­ve auf die Welt und ih­re „Ord­nung“, ab­ge­lei­tet aus dem Grie­chen­land der An­ti­ke. Auf der an­de­ren Sei­te er­ahnt man beim zwei­ten Samm­lungs schwer­punkt, zu­dem die ers­ten Mu­sik­au­to­ma­ten, Gram­mo­pho­ne und ih­re Vor­läu­fer oder auch Pia­no­las zäh­len, ei­ne gera­de­zu kind­li­che Neu­gier und Freu­de an all je­nen Er­fin­dun­gen, die in der mo­der­nen Mu­sik­wie­der­ga­be mün­de­ten. Wenn Wolf­gang Jac­ques, Se­kre­tär der JanBrau­ers-Stif­tung, die die Samm­lung be­treibt, auf ru­hi­ge und er­fah­re­ne Wei­se von Ob­jekt zu Ob­jekt führt, be­schreibt er al­so nicht nur Her­kunft und Wert ei­ner Bron­ze­fi­gur, ei­nes In­stru­men­tes oder ei­nes Ge­mäl­des, son­dern er be­müht sich, den Be­su­cher in das Den­ken und Wir­ken von Jan Brau­ers ein­zu­füh­ren, wes­halb das Ge­fühl ent­steht, stets auch von die­sem be­glei­tet zu wer­den. Zwei Be­grif­fe sind un­ab­ding­bar, um den aus Nie­der­sach­sen stam­men­den Un­ter­neh­mer und sei­ne Samm­ler­lei­den­schaft in ei­nem uni­ver­sel­len Kon­text zu ver­ste­hen, nicht et­wa als schnö­de Pas­si­on für das Ma­te­ri­el­le: Die „Har­mo­nie“und, als ihr Sym­bol, die „Ly­ra“. Die Har­mo­nie, auf die Brau­ers sich be­zog und über die er so­gar Bü­cher schrieb, geht wie er­wähnt ins al­te Grie­chen­land zu­rück: „Der Har­mo­nie­be­griff der Grie­chen er­wuchs aus dem, was man heute Ma­the­ma­tik nennt“, sagt Jac­ques. „Sie sa­hen ei­ne har­mo­ni­sche, gött­li­che Ord­nung in der Welt, führ­ten auch na­tur­wis­sen­schaft­li­che Phä­no­me­ne auf gött­li­ches Wir­ken zu­rück. Es ging um Ge­setz­mä­ßig­keit.“Bis ins 17. Jahr­hun­dert hin­ein ha­be dies in­so­fern ei­ne Rol­le im Welt­ge­sche­hen ge­spielt, als be­sag­te Ord­nung „von den Mäch­ti­gen be­nutzt wur­de, um da­mit die ei­ge­ne Herr­schaft zu le­gi­ti­mie­ren“. In dem Ma­ße, wie wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nis­se wuch­sen, ha­be die­se Phi­lo­so­phie ihr En­de ge­fun­den. Die Ly­ra wie­der­um ist ein Mo­tiv, das sich in al­len Ge­gen­stän­den der Har­mo­nie-Samm­lung wie­der­fin­det und gleich­sam als Bin­de­glied für die sehr un­ter­schied­li­chen Ob­jek­te dient: Sie taucht als In­stru­ment auf, in Form ei­ner Äols­har­fe, aber auch als De­ko­ra­ti­on von Uh­ren, Bü­gelei­sen, Glo­ben oder Stüh­len. Und dann gibt es da noch die Zeich­nun­gen von Leo­pold Vor­rei­ter: Der Ös­ter­rei­cher fand sei­ne Ly­ra­mo­ti­ve auf Mün­zen in al­ler Welt. Wäh­rend die Har­mo­nie-Samm­lung et­was Im­po­san­tes, Ver­rückt-Ge­nia­les hat, be­rei­ten die Mu­sik­au­to­ma­ten ein­fach nur Ver­gnü­gen: Fünf Pfen­nig – und die hält Jac­ques be- reit – kann man et­wa in ei­nen sol­chen, über 100 Jah­re al­ten Ap­pa­rat wer­fen, dann er­klingt fröh­li­ches Spiel. Auch dies hüllt Jac­ques in his­to­ri­sche Zu­sam­men­hän­ge: „Mu­sik war lan­ge den obe­ren Ge­sell­schafts­schich­ten vor­be­hal­ten, sie wur­de an Hö­fen oder in Thea­tern ge­spielt.“Im 19. Jahr­hun­dert ha­be das Bür­ger­tum die Mu­sik zu­neh­mend für sich ent­deckt, sich et­wa der Haus­mu­sik ge­wid­met. „Cir­ca ab 1880 ent­stand dann die Idee, Mu­sik auch hör­bar zu ma­chen, wenn sie nicht di­rekt vom Men­schen ge­macht wur­de.“Tech­nisch sei das da­mals kei­ne Her­aus­for­de­rung ge­we­sen. Ent­spre­chen­de An­sät­ze reich­ten von Dreh­in­stru­men­ten, über ge­loch­te Papp­schei­ben ge­steu­ert, bis zu Pia­no­las. „Die Ap­pa­ra­te wa­ren ei­ne Er­run­gen­schaft, öko­no­misch et­wa für Gast­häu­ser reiz­voll, konn­ten sie doch die Ga­gen für Li­ve-Mu­si­ker re­du­zie­ren: Der An­schaf­fungs­preis war bald amor­ti­siert.“Bis heute fin­de man noch hie und da an­ti­ke Mu­sik­au­to­ma­ten in Wirt­schaf­ten. „Das, was nun die Pop­mu­sik ist, wa­ren da­mals die Gas­sen­hau­er. Mu­sik­au­to­ma­ten wa­ren die Grund­la­ge für die Mu­sik­in­dus­trie: Oh­ne sie kei­ne La­dy Ga­ga“, sagt er ver­schmitzt. An­fang des 20. Jahr­hun­derts, er­zählt er, ha­be „Wel­te & Söh­ne“das Mi­gnon- Re­pro­duk­ti­ons­kla­vier er­fun­den, das er­laub­te, das Spiel ei­nes Pia­nis­ten wie­der­zu­ge­ben: „Ein sol­ches, un­ser me­cha­ni­scher St­ein­wayFlü­gel, steht hier im Bür­ger­saal, den die Stadt für Trau­un­gen nutzt.“Er die­ne auch für die Kon­zer­te, die die Stif­tung or­ga­ni­sie­re. Mit der Ver­brei­tung von Gram­mo­phon und Ra­dio, so Jac­ques, sei­en die me­cha­ni­schen Mu­sik­in­stru­men­te in­des mehr und mehr in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Es soll noch er­wähnt wer­den, wie das Mu­se­um ins Al­te Rat­haus ge­riet: „Das Ge­bäu­de in Ba­den-Ba­den, wo sich zu­vor die Samm­lung be­fand, wur­de von der Stadt be­nö­tigt“, so Jac­ques. Die Stif­tung ha­be da­her das denk­mal­ge­schütz­te Spät­re­nais­sance-Ge­bäu­de ge­mie­tet, An­fang des 17. Jahr­hun­derts von ei­nem Murg­schif­fer er­baut, der es spä­ter der Stadt Gerns­bach schenk­te. Die Zah­len der Be­su­cher, die aus ei­nem Um­kreis von et­wa 150 Ki­lo­me­tern an­rei­sen, sind bis­her über­schau­bar: „Das ist auch un­se­re In­ten­ti­on“, sagt Jac­ques. „Wir möch­ten Men­schen durch die Samm­lung füh­ren, die ernst­haf­tes In­ter­es­se zei­gen.“Dies, sagt er nach­denk­lich, sol­le ein Ort sein, um An­re­gun­gen mit­zu­neh­men. „Die Mas­sen wer­den und wol­len wir da­mit nicht er­rei­chen.“

Wirft Stif­tungs­se­kre­tär Wolf­gang Jac­ques fünf Pfen­nig in die­sen über Schei­ben ge­steu­er­ten, über 100 Jah­re al­ten Mu­sik­au­to­ma­ten, er­klingt ei­ne fröh­li­che Me­lo­die.

Seit April 2012 ist in den obe­ren Stock­wer­ken des Al­ten Rat­hau­ses Gerns­bach das Mu­se­um der Har­mo­nie un­ter­ge­bracht. Zu se­hen sind un­ter an­de­rem In­stru­men­te und Kun­st­ob­jek­te wie Bron­ze­fi­gu­ren. Fotos: Kö­nig

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