Ganz be­son­de­re De­cken

Chris­ti­na Utsch ist Pa­ra­men­ti­ke­rin / Vor Os­tern hat­te sie sehr viel zu tun

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

Ver­kno­te­te Schnür­sen­kel ma­chen Är­ger. Doch Chris­ti­na Utsch hat­te als Kind ge­schick­te Fin­ger und brach­te auch die nö­ti­ge Ge­duld beim Kno­ten lö­sen und Wie­der­ein­fä­deln auf. „Des­halb ka­men mei­ne jün­ge­ren Ge­schwis­ter ir­gend­wann nur noch zu mir, da­mit ich ih­nen die Schu­he bin­de“, er­in­nert sie sich la­chend. Was das Mäd­chen da­mals noch nicht ahn­te: Aus der Be­ga­bung, den Fa­den nicht zu ver­lie­ren, wur­de ein schö­ner Be­ruf. Chris­ti­na Utsch ist Pa­ra­men­ti­ke­rin. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen vor Os­tern hat­te sie viel zu tun. Pa­ra­men­te hei­ßen ge­wo­be­ne oder ge­stick­te Tex­ti­li­en in ei­ner Kir­che, ei­nem Wand­be­hang ver­gleich­bar. Ein Pa­ra­ment be­fin­det sich an je­dem Al­tar, an der Kan­zel oder am Le­se­pult, wo der Pfar­rer sei­ne Pre­digt hält, manch­mal so­gar am Tauf­stein. Es gibt sie nur in evan­ge­li­schen Kir­chen. Bei den Ka­tho­li­ken tra­gen die Pries­ter Pa­ra­men­te am Kör­per, als fest­li­che Sto­la zum Ta­lar. Je nach An­lass im Kir­chen­jahr wech­selt ei­ne Ge­mein­de ih­re Pa­ra­men­te: Heute, an Os­tern, sind sie weiß oder gelb. Die Far­ben ste­hen für das Licht der Au­fer­ste­hung Je­su. Mal se­hen die Os­ter-Pa­ra­men­te aus Chris­ti­na Utschs Werk­statt aus wie ei­ne auf­ge­hen­de Son­ne, mal wie ei­ne Bie­nen­wa­be. Be­wusst lässt sie meh­re­re Deu­tun­gen zu: „Die Ge­mein­de schaut sie schließ­lich den gan­zen Got­tes­dienst lang an.“Da kann viel pas­sie­ren. Chris­ti­na Utsch woll­te zu­nächst We­be­rin wer­den. „In­zwi­schen sagt man Tex­til­ge­stal­te­rin im Hand­werk“, räumt sie ein. Nach dem Abitur in Bonn sah sie sich die jun­ge Frau nach ei­nem Aus­bil­dungs­platz um und fand ihn in Darm­stadt. „Mei­ne Groß­tan­te war Hand­ar­beits­leh­re­rin, sie hat­te mich ge­prägt“, er­zählt sie, „mei­ne Mut­ter war auch sehr gut in Hand­ar­bei­ten. Bei uns zu Hau­se stand so­gar ein Web­stuhl. Dar­auf ha­be ich mir als Zwölf­jäh­ri­ge ei­nen Pon­cho ge­macht. Den ha­be ich auf­ge­ho­ben! Er wür­de mir so­gar noch pas­sen. Aber mei­ne Töch­ter ver­zie­hen das Ge­sicht, wenn ich da­mit an­kom­me.“Chris­ti­na Utsch lacht. Bö­se ist sie den Mäd­chen des­halb nicht. Wäh­rend die 52-Jäh­ri­ge er­zählt, blei­ben ih­re Au­gen kon­zen­triert auf ih­re Hän­de und die Lein­wand­ket­te ge­rich­tet, so hei­ßen die senk­recht im Web­stuhl ein­ge­spann­ten Fä­den. Sie bil­den das Ge­rüst des Pa­ra­ments. Zu Be­ginn ih­rer Aus­bil­dung lernt ei­ne Pa­ra­men­ti­ke­rin so­gar, die Fä­den selbst zu spin­nen und die Wol­le, mit der sie ar­bei­tet, zu fär­ben! Et­wa vier Fä­den pro Zen­ti­me­ter misst die Ket­te. 1 600 Fä­den nimmt der Web­stuhl ma­xi­mal auf. Die­ses Mal sind es um die 200. Chris­ti­na Utsch webt bun­te Wol­le waag­recht hin­durch. Pe­da­le am Web­stuhl be­we­gen die Fä­den ab­schnitts­wei­se vor und zu­rück. Da­durch webt es sich schnel­ler. Rot wird der ent­ste­hen­de Al­t­ar­be­hang wer­den. „Ro­te Pa­ra­men­te kom­men an kirch­li­chen Fest­ta­gen wie Pfings­ten und Kon­fir­ma­ti­on zum Ein­satz“, ver­rät Chris­ti­na Utsch. Noch im­mer dreht sie dem Gast den Rü­cken zu. Das ist nicht un­höf­lich, das fer­ti­ge Pa­ra­ment soll schließ­lich gleich­mä­ßig sein und pünkt­lich fer­tig wer­den. Ein Jahr im Vor­aus müs­sen Ge­mein­den bei der Pa­ra­men­ti­ke­rin ih­re Wün­sche an­ge­ben. „Für ei­nen Qua­drat­me­ter Tex­til brau­che ich 100 St­un­den Zeit.“Ei­ne ein­heit­li­che Grö­ße ha­ben ih­re Pa­ra­men­te nicht. Je­de Kir­che be­kommt ih­ren ein­zig­ar­ti­gen Al­t­ar­be­hang. Wört­lich ge­nom­men ih­re Tisch­de­cke, denn das la­tei­ni­sche Wort

Weiß und Gelb für die Au­fer­ste­hung Je­su

Pa­ra­ment be­deu­tet sinn­ge­mäß „den Tisch vor­be­rei­ten“. Da­mit ihn die Gäs­te ge­deckt vor­fin­den und sich wohl­füh­len. Aber: „Bloß nicht das Pa­ra­ment wie ei­ne Tisch­de­cke be­han­deln und in der Wasch­ma­schi­ne wa­schen, sonst ver­filzt es und geht ein“, warnt die Kunst­hand­wer­ke­rin. „ Aus­schüt­teln oder ab­sau­gen reicht völ­lig aus.“Seit elf Jah­ren hat Chris­ti­na Utsch ih­re ei­ge­ne Werk­statt in Ber­lin. Die Räu­me ge­hö­ren zu ei­nem ehe­ma­li­gen Kran­ken­haus, das von Schwes­tern des Dia­ko­nis­sen­or­dens ge­führt wur­de. „Für mein Hand­werk gibt es kei­ne bes­se­re Ver­bin­dung, denn Pa­ra­men­te wur­den frü­her nur in Klös­tern her­ge­stellt.“Dar­an er­in­nert der Na­me ei­ner auf­wän­di­gen Stick­tech­nik für die Kir­chen­tex­ti­li­en: Non­nen­stich. Könn­te auch ein le­cke­rer Ku­chen sein!

100 St­un­den Ar­beit für ei­nen Qua­drat­me­ter

Chris­ti­na Utsch zeigt ein Os­ter-Pa­ra­ment in den Far­ben Weiß und Gelb. Die Form der Em­po­re in der Kir­che ha­be sie zu dem Mus­ter in­spi­riert, er­zählt die 52-Jäh­ri­ge. Die Pfar­re­rin rief beim An­blick des Al­t­ar­be­hangs: „Ah! Ein hal­bes Ei!“Recht­zei­tig zu Os­tern wur­de das Pa­ra­ment fer­tig. Fo­to: Tan­ja Ka­sisch­ke

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