Wett­fahrt ge­gen die Zeit

Fahr­rad­t­a­xis dro­hen von Ph­nom Penhs Stra­ßen zu ver­schwin­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Un­er­schro­cken steu­ert Poi auf die gro­ße Kreu­zung zu. Au­tos ste­hen quer, Mo­peds schie­ßen vor­bei, Tuktuks um­kur­ven rechts und links die Hin­der­nis­se. Mit sei­nen 65 Jah­ren ist Poi ei­ner der äl­tes­ten Cy­clo-Fah­rer von Ph­nom Penh – das schafft Ver­trau­en, schließ­lich hat er den mör­de­ri­schen Ver­kehr bis­lang über­lebt. Trotz­dem sind die Cy­clos, die kam­bo­dscha­ni­schen Fahr­radrik­schas, vom Auss­ter­ben be­droht: Zu lang­sam, zu ko­lo­ni­al, so das Ur­teil vie­ler Tou­ris­ten und Ein­hei­mi­scher. Für die Fah­rer ist der Kampf ums Über­le­ben ein Wett­ren­nen ge­gen die Zeit. Vor zehn Jah­ren noch hat es über tau­send Fahr­rad­t­a­xis in Ph­nom Penh ge­ge­ben, mitt­ler­wei­le sind es nicht ein­mal mehr halb so vie­le. Nicht nur die Kun­den blei­ben aus, auch an den Rä­dern selbst nagt der Ver­fall: Al­le Ge­fähr­te stam­men noch aus den 1960er Jah­ren, neue Rik­schas wer­den schon lan­ge nicht mehr pro­du­ziert. Im Cy­clo Cen­ter, vor dem ein wah­rer Fried­hof vol­ler ros­ti­ger grü­ner Rä­der liegt, ver­sucht die „Cy­clo Con­ser­va­ti­on & Ca­re­ers As­so­cia­ti­on“seit 2009 den Len­ker noch ein­mal her­um­zu­rei­ßen – als zen­tra­le An­lauf­stel­le für Bu­chun­gen, als Er­satz­teil­la­ger und Werk­statt, aber auch als Trai­nings­zen­trum mit kos­ten­lo­sen Eng­lisch- und Ver­kehrs­si­cher­heits­kur­sen. Poi hat schon ei­nen Sprach­kurs ab­sol­viert. „Ma­dame, Roy­al Pa­lace“, ruft er auf­ge­regt und steu­ert das qu­iet­schen­de Rad im Schne­cken­tem­po an den Stra­ßen­rand. Ei­ne Stadt­rund­fahrt mit dem Cy­clo, die schon ab fünf Dol­lar zu ha­ben ist, ver­schont zwar nicht vor den Ab­ga­sen, doch er­öff­net sie un­ter dem klei­nen, schwar­zen Son­nen­dach ei­ne viel ru­hi­ge­re Sicht auf die schup­pi­gen, bun­ten Dä­cher des Kö­nigs­pa­las­tes. De­tails, die sonst vor­bei­rau­schen, wer­den plötz­lich sicht­bar: die Frau­en, die am leb­haf­ten Fluss­ufer Blu­men ver­kau­fen, die mo­bi­le Stra­ßen­bar, hin­ein­ge­baut in ei­nen win­zi­gen Bus, die Mitt­fünf­zi­ger, die sich am frü­hen Abend zum öf­fent­li­chen Ae­ro­bic im Park tref­fen. Poi ent­blößt mit ei­nem brei­ten Grin­sen ei­nen ein­zi­gen Schnei­de­zahn in sei­nem Mund – Frei­zeit­sport, den hat er nun wirk­lich nicht nö­tig. Die ver­blie­be­nen 150 bis 200 Cy­clo-Fah­rer, die meist an drei oder vier Märk­ten auf fuß­mü­de Ein­käu­fer hof­fen, ge­hö­ren zu den Ärms­ten der Ar­men in der kam­bo­dscha­ni­schen Haupt­stadt. „Ich weiß, dass vie­le Leu­te Mit­leid mit den Fah­rern ha­ben, bei der Hit­ze“, sagt Ver­bands­lei­ter Im Sam­bath und be­tont, dass al­le Rad­ler voll­jäh­rig sei­en. „Bau­ar­bei­ter ha­ben es auch nicht leich­ter, und wenn man die Cy­clos nicht be­nutzt, ha­ben die Fah­rer kein Ein­kom­men.“In der Hoch­sai­son sind et­wa 30 Rik­schas pro Tag mit Tou­ris­ten un­ter­wegs, ein Fah­rer kann dann et­wa 150 Dol­lar im Mo­nat ver­die­nen. In der Ne­ben­sai­son be­kom­men im Durch­schnitt le­dig­lich fünf Fah­rer pro Wo­che ei­nen Auf­trag. „Die meis­ten Cy­clo-Fah­rer kom­men vom Land und sind ei­gent­lich Far­mer“, er­klärt Sam­bath. „Hier in der Stadt ha­ben sie kei­ne Fa­mi­lie, ih­re Rik­schas sind ihr Zu­hau­se, sie schla­fen so­gar in ih­nen.“Die 50 000 Riel, um­ge­rech­net gut zehn Eu­ro, die je­der Fah­rer mo­nat­lich als Mit­glieds­bei­trag an den Ver­band be­zahlt, rei­chen nicht aus, um ne­ben ärzt­li­cher Be­hand­lung für die Fah­rer und Er­satz­tei­len für die Rä­der auch noch ei­ne Über­nach­tungs­mög­lich­keit zu fi­nan­zie­ren. Des­halb hat der 42-Jäh­ri­ge so­gar ei­nen Brief an den Kö­nig ge­schrie­ben und um Un­ter­stüt­zung für ei­ne neue Ge­mein­schafts­un­ter­kunft ge­be­ten – bis­her oh­ne Er­folg. Mit Weh­mut denkt Im Sam­bath an die Zeit zu­rück, als noch die uni­for­mier­ten Fah­rer auf ih­ren Rä­dern und kei­ne mo­to­ri­sier­ten Tuktuks das Stra­ßen­bild der Haupt­stadt präg­ten. Cy­clos gibt es in Ph­nom Penh schon seit den 1930er Jah­ren, ei­ne Hin­ter­las­sen­schaft der fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­her­ren. Un­ter der Schre­ckens­herr­schaft der Ro­ten Kh­mer droh­te den Rik­schas erst­mals das Aus, weil die Kom­mu­nis­ten die Stadt­be­völ­ke­rung aufs Land ver­trie­ben. „Wir soll­ten das his­to­ri­sche Er­be be­wah­ren, den Fah­rern ih­re Jobs las­sen und die Stadt da­mit ein biss­chen sau­be­rer hal­ten“, ver­weist der Ver­bands­lei­ter auf die Vor­tei­le der Rä­der. „ Aber wenn es so wei­ter­geht, wer­den die Cy­clos bald von den Stra­ßen der Haupt­stadt ver­schwin­den.“Poi denkt dar­über lie­ber im Schat­ten ei­nes Bau­mes nach. Er streckt kurz sei­ne O-Bei­ne, klet­tert auf das wei­che Fahr­gast-Pols­ter sei­nes Cy­clos und schiebt den Ang­ler­hut in die Stirn. Sein deut­lich jün­ge­rer Kol­le­ge war zwar et­was schnel­ler am Ziel, doch der japst im­mer noch nach Luft.

Ei­ner der letz­ten sei­ner Art: Cy­clo-Fah­rer Poi vor dem Kö­nigs­pa­last in Ph­nom Penh, wo er fast je­den Tou­ris­ten hin­fährt. Die ein­hei­mi­sche Kund­schaft fährt lie­ber mit mo­to­ri­sier­ten Ta­xis als mit ei­ner alt­mo­di­schen Rik­scha. Fo­to: Cont­zen

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