Nur Pin­sel war ges­tern

Die Jun­ge Kunst­hal­le zeigt sich jetzt ganz „form­los“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Me­la­nie Schnau­fer

Die Rän­der des Recht­ecks hemm­ten ihn, durch For­ma­te fühl­te er sich ein­ge­engt. Ir­gend­wann spann­te der Ma­ler Ger­hard Hoeh­me die Lein­wand nicht mehr auf das Ge­rüst ei­nes Keil­rah­mens, leg­te statt­des­sen Lei­nen aus und ent­schied sich erst nach Voll­en­dung des Bil­des für ein For­mat. „Mei­ne Bil­der wol­len ge­le­sen wer­den“, sag­te er über sei­ne Wer­ke. Ist das ein Pfeil? Ver­birgt sich hier ei­ne Bot­schaft? Die Erst- und Zweit­kläss­ler der Karls­ru­her Renn­bu­ckel­schu­le ver­su­chen im Aus­stel­lungs­saal Hoeh­mes rät­sel­haf­tem Wirr­warr auf den Grund zu ge­hen. Mit „form­los. Kunst nach 1945“wid­met sich die Jun­ge Kunst­hal­le Karls­ru­he den ei­gen­wil­li­gen Ma­lern des In­for­mel, der ge­gen­stands­lo­sen, abs­trak­ten Kunst und zeigt bis zum 14. Au­gust Bil­der so­wie zwei Plas­ti­ken der 50er und 60er Jah­re aus der ei­ge­nen Samm­lung. Von gro­ßem Frei­heits­den­ken be­seelt, ex­pe­ri­men­tier­ten Ma­ler wie Ernst Wil­helm Nay, Karl Ot­to Götz, Mar­kus Pra­chens­ky, K. R. H. Son­der­borg und Bild­hau­er wie Nor­bert Kricke und Ot­to Her­bert Ha­jek in den Nach­kriegs­jah­ren mit neu­en Tech­ni­ken. Ab­ge­wandt von der streng ra­tio­na­len geo­me­tri­schen Ab­strak­ti­on hin zu ei­nem spon­ta­nen Schaf­fens­pro­zess, in dem Far­be, Ma­te­ria­li­tät und Dy­na­mik im Vor­der­grund stan­den. „Es ist sehr be­ein­dru­ckend, wie jün­ge­re Kin­der so spon­tan, di­rekt und vor­ur­teils­frei auf die Kunst­wer­ke re­agie­ren“, schwärmt Mu­se­ums­päd­ago­gin Pe­tra Er­ler-Strie­bel. Im In­for­mel sieht sie ei­ne Mög­lich­keit, mit Kin­dern, Ju­gend­li­chen, aber auch Er­wach­se­nen ins Ge­spräch zu kom­men und sich in „le­ben­di­gen, kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen“aus­zu­tau­schen. Ne­ben den aus­ge­stell­ten Bil­dern rü­cken auch die Künst­ler in den Fo­kus: Ber­nard Schult­ze, der sich beim Ma­len ak­tiv ab­len- ken woll­te und Freun­de ein­lud – Mar­kus Pra­chensksy, der auf Rei­sen In­spi­ra­ti­on fand – oder K. R. H. Son­der­borg, der ger­ne auf Hilfs­mit­tel wie Schei­ben­wi­scher und Ra­sier­klin­ge zu­rück­griff – in Schub­la­den sor­tiert fin­den sich zu je­dem Künst­ler Kurz­tex­te, Mu­sik­stü­cke, Werk­zeu­ge oder Ge­rü­che, um de­ren krea­ti­ve Ar­beit mit al­len Sin­nen er­leb­bar zu ma­chen. „Nur Pin­sel war ges­tern“heißt es beim Auf­gang in die obe­ren Mal-Werk­stät­ten, die in Zu­sam­men­ar­beit mit Stu­den­ten der Staat­li­chen Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te ent­stan­den sind. „Es wird nicht wie sonst nur an Ti­schen mit Pin­seln und Stif­ten ge­ar­bei­tet“, ver­rät Pe­tra Er­ler-Strie­bel. „Je­der Raum hat ein ei­ge­nes Ge­sicht be­kom­men.“Mit Mu­sik cho­reo­gra­fisch, tän­ze­risch in gro­ßen Be­we­gun­gen Li­ni­en aufs Pa­pier brin­gen; mit Hil­fe von Ra­keln, Farb­rol­len, Schei­ben­wi­schern, Schwäm­men oder Be­sen Far­be auf­tra­gen; Raum­plas­ti­ken mit bieg­ba­ren Ele­men­ten in­di­vi­du­ell ge­stal­ten – hier kön­nen die jun­gen Be­su­cher ver­schie­de­ne Aus­drucks­mög­lich­kei­ten ken­nen­ler­nen und ei­ge­ne Ide­en ent­wi­ckeln. Die Wer­ke der Aus­stel­lung die­nen da­bei als In­spi­ra­ti­on: In An­leh­nung an Ber­nard Schult­zes Re­lief-Bil­der wer­den im „Reich der Fan­ta­sie“Ma­te­ria­li­en wie Kor­ken, Äs­te und Mu­scheln auf Spann­plat­ten ge­klebt und dick mit Far­be be­gos­sen. In der „Mal-Are­na“ent­ste­hen, wie bei Karl Ot­to Götz, die Kunst­wer­ke auf dem Fuß­bo­den. Das lee­re Pa­pier an der Wand fi­xie­ren, Be­cher mit Far­be fül­len, den He­bel be­tä­ti­gen – die Farb­ge­schos­se flie­gen durch die Luft, klat­schen an die Wand und hin­ter­las­sen will­kür­li­che, dem Zu­fall über­las­se­ne Mus­ter auf dem Blatt Pa­pier. Der „Ma­schi­nen­raum“bie­tet mit dem Farb­ka­ta­pult und an­de­ren Pin­sel­ma­schi­nen ganz neue Mög­lich­kei­ten der Gestal­tung. „So kön­nen sich Kin­der auf Ma­te­ria­li­tät ein­las­sen und oh­ne Zwän­ge et­was ent­ste­hen las­sen“, fin­det Stu­dent Ralf Wirz, der al­le Ma­schi­nen selbst kon­zi­piert hat. Auf dem Bo­den der „Mal-Are­na“ver­teilt, ar­bei­ten die Grund­schü­ler der Renn­bu­ckel­schu­le mitt­ler­wei­le selbst­ver­ges­sen an ih­ren ei­ge­nen Bil­dern. Abs­trakt, dy­na­misch, in sat­ten Far­ben – wie die gro­ßen Vor­bil­der.

Das Farb­ka­ta­pult und an­de­re Pin­sel­ma­schi­nen ent­wi­ckel­te der Stu­dent Ralf Wirz.

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