M. Zae­ri-Es­fa­ha­ni: Vom Flücht­lings­kind zur Päd­ago­gin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Es wa­ren en­ga­gier­te Leh­rer, die uns Flücht­lings­kin­dern da­mals Mut ge­mach­ten für das Le­ben in Deutsch­land – ob­wohl sie wuss­ten, dass wir vi­el­leicht gar nicht blei­ben dür­fen. Aber sol­che Men­sch­lich­keit zu er­fah­ren, lohnt sich im­mer. Auch wenn je­mand wie­der zu­rück­ge­schickt wer­den müss­te“, ist Mehr­nousch Zae­ri-Es­fa­ha­ni über­zeugt. Tief ein­ge­prägt ha­ben sich ih­re deut­sche Schul­zeit vor 30 Jah­ren und all die jun­gen Er­fah­run­gen im neu­en Land, des­sen Spra­che sie, ih­re drei Ge­schwis­ter und die El­tern nicht be­herrsch­ten. Im Iran ge­hör­te ihr Va­ter als Ge­hirn­chir­urg zur ge­ho­be­nen Schicht. Aber die Re­pres­sio­nen des is­la­mi­schen Re­gimes mit stän­di­gen Denun­zia­tio­nen und dro­hen­der Kriegs­dienst der Söh­ne lie­ßen den Ge­dan­ken rei­fen, von ei­ner Rei­se nach Istan­bul 1985 nicht mehr in die Hei­mat Is­fa­han zu­rück­zu­keh­ren. Oh­ne Ab­schied, wie schon die jun­ge Mehr­nousch be­dau­er­te. Dass Deutsch­land zum Exil wur­de hing mit merk­wür­di­gen Zu­fäl­len zu­sam­men, ur­sprüng­lich war an En­g­land ge­dacht. Im Fe­bru­ar 1986 lan­de­ten Zae­ri-Es­fa­ha­ni und ih­re Fa­mi­lie in der „Zen­tra­len An­lauf­stel­le für Flücht­lin­ge Karls­ru­he.“Als „dunk­les, trau­ri- ges Loch“be­schreibt sie die­se ZAST in ih­rem ge­ra­de er­schie­ne­nen prä­zi­sen Flucht­buch aus Mäd­chen­sicht „33 Bo­gen und ein Tee­haus.“Nach ei­nem Mo­nat durf­ten die ira­ni­schen Asyl­be­wer­ber in ei­ne klei­ne Hei­del­ber­ger So­zi­al­woh­nung zie­hen. Die In­ter­na­tio­na­le Ge­samt­schu­le in Rohrbach nahm Mehr­nousch und ih­re Ge­schwis­ter auf. „Dort ver­brach­te ich je­de freie Mi­nu­te in der Bi­b­lio­thek und ver­schlang al­les. Da war ich al­lein in ei­nem gro­ßen Raum, nicht wie zu Hau­se in ei­nem ein­zi­gen Zim­mer mit den Ge­schwis­tern“, er­zählt die heute 41-Jäh­ri­ge Zae­ri-Es­fa­ha­ni. Ob Ro­ma­ne mit Pfer­den oder Sach­bü­cher, sie las und las, ir­gend­wann al­les auch in Eng­lisch und Fran­zö­sisch. Das war ein Schritt zum Schul­er­folg und zur In­te­gra­ti­on. Vie­le Mo­sa­ik­stein­chen ka­men hin­zu. Die Be­wun­de­rung des Auf­nah­me­lands et­wa und die Dank­bar­keit, die die Fa­mi­lie hier emp­fand. Trotz Wid­rig­kei­ten: Es dau­er­te 14 Jah­re bis der Auf­ent­halt ge­si­chert war. Der Va­ter konn­te we­gen des lan­gen Ver­fah­rens nicht mehr als Arzt ar­bei­ten. Er wur­de Al­ten­pfle­ger und spä­ter Heil­prak­ti­ker mit ei­ge­ner Pra­xis. „Von mir dach­ten al­le, ich wür­de et­was mit Spra­chen ma­chen nach dem Abitur, aber dann wur­de es plötz­lich So­zi­al­päd­ago­gik.“Die en­er­gie­ge­la­de­ne Frau ar­bei­te­te ab 1999 für die evan­ge­li­sche Kir­che in Ba­den bei der Be­treu­ung von Asyl­be­wer­bern. Der eins­ti­ge kind­li­che Flücht­ling half spä­ter min­der­jäh­ri­gen Mi­gran­ten in Karls­ru­he und en­ga­giert sich lan­des­weit beim Flücht­lings­rat. In­zwi­schen ist Zae­ri-Es­fa­ha­ni in Teil­zeit Be­ra­te­rin für Kom­mu­nen in Flücht­lings­fra­gen und bil­det Hel­fer wei­ter. Da­mit kann sie auch das Schrei­ben ins Le­ben in­te­grie­ren. Ih­re jüngs­ten Bü­cher, „Das Mond­mäd­chen“und die „33 Bo­gen“, stellt sie am Di­ens­tag­abend, 19. April, in der Stadt­bi­blio­thek Karls­ru­he vor. In­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Kul­tur­ta­ge zu „Wan­de­run­gen“und zu­sam­men mit ih­rem Bru­der Mehr­dad Zae­ri, ei­nem in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Il­lus­tra­tor.

Einst war die er­folg­rei­che Au­to­rin selbst ein Flücht­ling, nun ist sie seit vie­len Jah­ren in der Flücht­lings­hil­fe tä­tig – prak­tisch und be­ra­tend: Mehr­nousch Zae­ri-Es­fa­ha­ni. Fo­to: bil­der­lau­be.de

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