Die Kat­ze aus dem Sack ge­las­sen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Dass bei Nacht al­le Kat­zen grau sind, ist be­kannt. Aber ha­ben Kat­zen sie­ben oder neun Le­ben? Dar­über kann man strei­ten. In Deutsch­land geht man tra­di­tio­nell von sie­ben Le­ben aus, in En­g­land hin­ge­gen von neun. Dar­über dürf­te ei­ne bri­ti­sche Kat­zen­be­sit­ze­rin ziem­lich froh sein. Denn wä­re ih­re Siam­kat­ze „Cup­ca­ke“we­ni­ger zäh ge­we­sen, gä­be es in En­g­land jetzt ei­nen Stu­ben­ti­ger we­ni­ger. Und zwar, weil Cup­ca­ke nicht – wie bei ih­ren Art­ge­nos­sen üb­lich – um den hei­ßen Brei her­um­ge­schli­chen ist, son­dern um ein Pa­ket, in dem Frau­chen DVDs ver­sen­den woll­te. Ir­gend­wie ist die Kat­ze in das Pa­ket hin­ein­ge­ra­ten, das von Corn­wall in die Graf­schaft Sussex ab­ge­schickt wur­de. Knapp 420 Ki­lo­me­ter sind es bis dort­hin, ei­gent­lich ein Kat­zen­sprung – doch das Pa­ket war acht Ta­ge un­ter­wegs. Die Kat­ze war aus dem Haus – ob die Mäu­se ge­tanzt ha­ben, ist nicht über­lie­fert. Bei Frau­chen aber, das ver­geb­lich nach der Mie­ze fahn­de­te, war der Kat­zen­jam­mer groß. Doch es gab ein Wie­der­se­hen: Cup­ca­ke hat ih­re un­ge­plan­te Rei­se über­lebt – stark de­hy­driert zwar, aber im­mer­hin. Cap­ca­kes Ge­schich­te hat Tier­freun­de weit übers Kö­nig­reich hin­aus ge­rührt: Wenn es nicht ge­ra­de Kat­zen ha­gelt, er­freu­en sich die Stu­ben­ti­ger näm­lich gro- ßer Be­liebt­heit. Auch li­te­ra­risch. So fin­den in den USA der­zeit Ku­schel­kri­mis, die die Kat­ze aus dem Sack las­sen, ei­ne be­geis­ter­te Le­ser­schaft: Vor­wie­gend weib­li­che Ama­teur-Er­mitt­ler ver­trau­en in die­sen Bü­chern auf den In­stinkt von Kat­zen, wenn es dar­um geht, Bö­se­wich­ter zu ent­lar­ven, die ame­ri­ka­ni­sche Klein­städ­te in Angst und Schre­cken ver­set­zen. Um die Ver­stän­di­gung zwi­schen den Men­schen und den Hilfs­she­riffs auf Samt­pfo­ten zu er­leich­tern, ver­lei­hen ei­ni­ge Kri­miAu­to­ren den Kat­zen so­gar die Fä­hig­keit, zu spre­chen. Das al­ler­dings sorgt in der „Cat’s Wri­ters As­so­cia­ti­on“, ei­nem rund 300 Mit­glie­der zäh­len­den Ver­ein von Au­to­ren, die über Kat­zen schrei­ben, für hef­ti­ge De­bat­ten: Et­li­che Mit­glie­der sind of­fen­bar der Mei­nung, dass zwar ein Mensch schon mal ver­ka­tert sein darf, Kat­zen aber kei­nes­falls ver­mensch­licht wer­den soll­ten. Was ja al­ler Eh­ren wert ist, aber bei Leu­ten, die mit dem ges­tie­fel­ten Ka­ter oder sei­nen eben­falls spre­chen­den Art­ge­nos­sen wie Mi­kesch und Fin­dus auf­ge­wach­sen sind, ein ge­wis­ses Un­ver­ständ­nis her­vor­ruft. Doch wenn’s um Literatur geht, sind Dis­kus­sio­nen ja meist oh­ne­hin für die Katz. Ein Trost bleibt den Be­den­ken­trä­gern: Kat­zen wür­den kei­nen Kri­mi kau­fen.

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