Stadt mit „Meis­ter­schuss“

Sch­wet­zin­gen und sein Spar­gel: My­thos und Rea­li­tät

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher

Ein Stra­ßen­lo­kal reiht sich ans an­de­re. Die Gäs­te schau­en läs­sig auf die Tou­ris­ten, die an die Kas­sen des ocker­far­be­nen Schlos­ses und des be­rühm­ten Parks zu­stre­ben. Was für Karls­ru­he der Lud­wigs­platz, ist in Sch­wet­zin­gen der Schloss­platz. Der an­ge­sag­te Ort zum Se­hen und Ge­se­hen wer­den. Für Ein­hei­mi­sche und jun­ge oder jung­ge­blie­be­ne Fla­neu­re aus der gan­zen Re­gi­on. Bis spät in die Nacht hin­ein. Schi­cke Au­tos kann man au­ßer­dem aus- und vor­füh­ren. In Schritt­ge­schwin­dig­keit, die meist so­gar ein­ge­hal­ten wird. Die Wa­gen müs­sen schlei­chen. Fuß­gän­ger ha­ben hier beim Über­que­ren der ver­län­ger­ten Carl-Theo­dor­Stra­ße tat­säch­lich Vor­rang. An der Kreu­zung mit der He­bel- und der Karls­ru­her Stra­ße hat die Spar­gel­frau ih­ren

Noch sie­ben Be­trie­be bau­en das Ge­mü­se an

per­fek­ten Stand­ort, mit dem Brau­haus im Hin­ter­grund. Hier kommt fast je­der vor­bei. Et­was dun­kel ist das Ge­mü­se, das sie auf ih­rem Platz ei­nem Kind mit Korb und Hund an­bie­tet. Und das nicht nur zwi­schen April und 24. Ju­ni, wäh­rend der Sai­son des ed­len Ge­mü­ses. Die Spar­gel­frau und ih­re Ac­ces­soires sind aus Me­tall. Die rea­lis­ti­sche Skulp­tur er­in­nert an die Zei­ten, als noch Spar­gel­markt war un­ter den nicht mehr vor­han­de­nen dich­ten Kas­ta­ni­en. Noch sehr schlan­ke Lin­den be­glei­ten in­zwi­schen die Ein­bahn­stra­ße durch den Platz. Dort wer­ben hand­be­schrie­be­ne Ta­feln an den Lo­ka­len fürs Spar­gel­es­sen, viel­leicht so­gar mit Sch­wet­zin­ger Spar­gel. Das kö­nig­li­che Ge­mü­se und die Stadt am Leim­bach ge­hö­ren zu­sam­men. Zwei Wor­te, ein Mar­ken­zei­chen. Es macht Fein­schme­ckern vie­ler Ge­ne­ra­tio­nen den Mund wäss­rig. Nur gibt es gar nicht so viel „ech­ten“Sch­wet­zin­ger Spar­gel, um al­le in den Lo­ka­len satt zu ma­chen. Weil Bau­ern­hö­fe nicht wei­ter­ge­führt wer­den und die An­bau­flä­che zu­rückSch­wet­zin­gen geht. Aber im Ge­biet zwi­schen dem En­de des Schloss­gar­tens und Ketsch oder Brühl, wo man schon das Mann­hei­mer Groß­kraft­werk im Hin­ter­grund er­späht, da wächst das Ori­gi­nal. Meist oh­ne Fo­li­en, so hat es sich ein­ge­bür­gert bei den sechs Aus­sied­ler­hö­fen, dar­un­ter ei­nem Bio­hof. Es kann dann län­ger dau­ern, bis ge­nug sprießt, aber die Kun­den mö­gen es, wenn sie vom An­bau oh­ne Plas­tik­dach hö­ren. Der Pfäl­zer Kur­fürst Karl Lud­wig ließ 1668 – ne­ben Gur­ken und Ar­ti­scho­cken – den ers­ten „Spar­gen“bei sei­nem noch be­schei­de­nen Jagd­schloss an­bau­en. Da­mit rühmt sich Sch­wet­zin­gen das äl­tes­te Spar­gel­an­bau­ge­biet in Deutsch­land zu be­sit­zen. Es dau­er­te aber ziem­lich lan­ge, bis nicht nur der kur­pfäl­zer Adel das harn­trei­ben­de und über­haupt als heil­sam ge­lob­te Ge­mü­se ge­kocht ver­kos­ten durf­te. Nach­dem das aus­ge­bau­te Schloss samt groß­ar­ti­gem Park in ba­di­schen Be­sitz über­ge­gan­gen wa­ren, ließ Gar­ten­di­rek­tor Zey­er um 1820 den Spar­gel­an­bau wie­der for­cie­ren. Die Stadt­bür­ger mit Äckern merk­ten, dass man in Mann­heim gu­tes Geld da­mit ver­die­nen konn­te. Auf die welt­weit ers­te Spar­gel­ge­nos­sen­schaft 1853 folg­te ab 1870 der groß­flä­chi­ge An­bau, auch für den Ex­port. Schwie­ri­ger als die jähr­li­che Pro­duk­ti­on war die Züch­tung von er­trag­rei­chen Sor­ten. Sie soll­ten per­fekt an Bo­den und Kli­ma an­ge­passt sein. Jahr­zehn­te pro­bier­ten die staat­li­chen Fach­leu­te aus, um 1952 für per­fek­tes Wei­ßes ins Schwar­ze zu tref­fen: Die Spar­gel­sor­te „Sch­wet­zin­ger Meis­ter­schuss“streck­te ih­ren Kopf ans Licht der Welt. Im sel­ben Jahr, als die Sch­wet­zin­ger Fest­spie­le wie­der in die Mu­sik­welt ih­ren Ton hin­ein­brach­ten. Bis vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te sich der „Meis­ter­schuss“zum Rohr­kre­pie­rer ent­wi­ckelt. Von über­all­her, auch aus Hol­land, ka­men die Spar­gel­pflan­zen. Nur nicht aus Sch­wet­zin­ger Tra­di­ti­on. Das kann man än­dern, wenn man mu­tig ist, sag­te man sich vor Jah­ren auf dem ein­zi­gen Spar­gel­hof der Sch­wet­zin­ger In­nen­stadt. „Nach ei­nem Tipp un­sers Ober­bür­ger­meis­ter Re­né Pöltl ha­ben wir Meis­ter­schuss-Pflan­zen aus Sten­dal in Sach­sen-An­halt be­kom­men“, er­zählt El­frie­de Fa­ckel-Kretz-Kel­ler. Sie ist Sozialversicherungsfachangestellte, en­ga­gier­te Ge­mein­de­rä­tin in ih­rer 22 500-Ein­woh­ner­Stadt und setzt im Ne­ben­er­werb die fa­mi­liä­re Land­wirt­schaft­s­tra­di­ti­on fort. „Der Meis­ter­schuss ist zwar ei­ne spä­te­re Sor­te, aber der Ge­schmack ist ein­deu­tig bes­ser“, ver­si­chert die lei­den­schaft­li­che Spar­gel­schä­le­rin: „Wir ha­ben noch kei­ne Ma­schi­ne da­für im Hof.“Nicht al­les was pol­ni­schen Ern­te­hel­fer aus der An­bau­flä­che von 1,5 Hekt­ar ho­len, ist Spar­gel der al­ten Sor­te. Aber sie wer­de im­mer wie­der nach­ge­pflanzt. Auch an­de­re Sch­wet­zin­ger Hö­fe ha­ben sie im An­ge­bot. Weil sich rund ums Sch­wet­zin­ger Schloss und die jet­zi­gen SWR-Fest­spie­le man­che Pro­mi­nen­te in der Stadt auf­hal­ten, ge­hen die hei­mi­schen blei­chen Stan­gen als Mit­bring­sel bis­wei­len auf wei­te Rei­se. Hei­mi­schen Spar­gel er­hielt Kö­ni­gin Sil­via in Stock­holm so­gar per­sön­lich durch Sch­wet­zin­gens Spar­gel­kö­ni­gin, Kat­ha­ri­na Be­cker. Sie ist El­frie­de Fa­ckels Toch­ter, am­tiert seit fünf Jah­ren und noch das bis zum Herbst. Wenn sie nicht beim Spar­gel­sor­tie­ren hilft oder das Ge­mü­se re­prä­sen­tiert, dann stu­diert die jun­ge Frau Che­mie am KIT in Karls­ru­he. und sein Ge­mü­se brin­gen vie­le Ge­le­gen­hei­ten für städ­ti­sche Wer­be­ak­tio­nen. Heute führt ein aus­ge­buch­ter Spar­gel­lauf durch den Schloss­park, am 23. April ist An­stich auf dem Hof Spil­ger mit ei­nem Star­koch, ein Spar­gel­fest steigt am 11. Ju­ni. Auch sonst wir­belt die Stadt gern mit Events. Zu­mal im ak­tu­el­len Jahr des 1250-jäh­ri­gen Be­ste­hens. Da wird häu­fig noch mehr los sein rund um den Schloss­platz. Wer dem Tru­bel et­was ent­flie­hen will, könn­te im „Blau­en Loch“Zuflucht fin­den – hin­ter dem un­ge­wöhn­li­chen Na­men ver­birgt sich ein et­was ver­steckt lie­gen­des Lo­kal.

Fo­to: Ima­go

Am Schloss­platz von Sch­wet­zin­gen hat ei­ne Spar­gel­ver­käu­fe­rin ei­nen fes­ten Platz. Das gan­ze Jahr über durch die rea­lis­ti­sche Skulp­tur von Franz-Wer­ner Mül­ler-St­ein­furth.

Fo­to: Tobias Schwerdt

Die schwe­ben­de Herr­sche­rin stu­diert am KIT: Kat­ha­ri­na I. , die Spar­gel­kö­ni­gin.

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