„Halb­tier“aus der kir­gi­si­schen Step­pe

Der Kal­mück in Karls­ru­he: Goe­the hät­te den ba­di­schen Hof­ma­ler Feo­dor Iwa­no­witsch gern „aus­ge­stopft“ge­se­hen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Er kam als Frem­der aus der kir­gi­si­schen Step­pe – und ein Frem­der soll­te Feo­dor Iwa­no­witsch sein Le­ben lang blei­ben. Dass er in Karls­ru­he zum Künst­ler aus­ge­bil­det wur­de, dass der be­rühm­te Bau­meis­ter Fried­rich Wein­bren­ner sein Freund war, dass sein Ta­lent weit über Deutsch­land hin­aus Auf­merk­sam­keit er­reg­te, dass er zum ba­di­schen Hof­ma­ler er­nannt wur­de, dass das vom wohl­ha­ben­den Pu­bli­kum be­vor­zug­te „Jour­nal des Lu­xus und der Mo­den“über ihn be­rich­te­te – nichts konn­te et­was da­ran än­dern: Feo­dor Iwa­no­witsch blieb in den Au­gen sei­ner Zeit­ge­nos­sen der „Kal­mück“, ei­ne Art Halb­tier. So ur­teil­te Jo­hann Cas­par La­va­ter (1741–1801), ein am Karls­ru­her Hof ver­keh­ren­der Phi­lo­soph, nach­dem er die Ge­sichts­zü­ge des „jun­gen cal­mu­cken“stu­diert hat­te: Feo­dor sei „wie al­le sei­ner Art, ein son­der­ba­res Ge­misch der feins­ten Fer­tig­kei­ten und der un­ters­ten Tier­heit“. Wer­ke des Feo­dor Iwa­no­witsch ha­ben sich in zahl­rei­chen eu­ro­päi­schen Mu­se­en und Samm­lun­gen er­hal­ten, wo­bei ne­ben dem Bri­tish Mu­se­um in Lon­don die Staat­li­che Kunst­hal­le Karls­ru­he den größ­ten Be­stand ver­wahrt. Aber wer kennt heute noch den Künst­ler, der au­ßer in Karls­ru­he un­ter an­de­rem in Rom, Kon­stan­ti­no­pel, At­hen, Lon­don und Pa­ris ge­ar­bei­tet hat? „Er glich ei­nem Ko­me­ten, der un­ver­se­hens am Ho­ri­zont er­schien, lan­ge leuch­te­te und lang­sam er­losch. Dass man ihn dann ver­gaß, hat vie­le Grün­de“, schreibt Jo­han­nes Wer­ner in sei­nem eben er­schie­nen Buch mit dem Ti­tel „Der Kal­mück“. Mit dem Band möch­te der pro­mo­vier­te Ger­ma­nist und Ang­list zei­gen, dass es noch viel mehr – und bes­se­re – Grün­de ge­be, sich wie­der an 1832 in Karls­ru­he ge­stor­be­nen Feo­dor Iwa­no­witsch zu er­in­nern. Wie nä­hert man sich ei­nem ge­heim­nis­um­wit­ter­ten Künst­ler? Ei­nem, der nicht ein­mal sei­nen ei­gent­li­chen Na­men kann­te, der als Kind von Ko­sa­ken ver­schleppt und an den Za­ren­hof ge­bracht wur­de? Den Kat­ha­ri­na die Gro­ße dann als Gast­ge­schenk an die Land­grä­fin von Hes­sen-Darm­stadt wei­ter­reich­te? Den Ama­lie, die Toch­ter der Land­grä­fin, mit nach Karls­ru­he brach­te, als sie den ba­di­schen Erb­prin­zen Karl Lud­wig hei­ra­te­te? Jo­han­nes Wer­ner hat sich für ei­ne er­zäh­le­ri­sche Darstel­lung ent­schie­den, bei der nicht das Werk des Künst­lers, son­dern sein Schick­sal im Mit­tel­punkt steht. Col­la­gen­ar­tig möch­te man die Wei­se nen­nen, wie der in Ras­tatt ge­bo­re­ne Au­tor die bio­gra­fi­schen Da­ten mit Zi­ta­ten von Feo­dors Zeit­ge­nos­sen ver­knüpft und das Le­bens­bild mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen aus­leuch­tet. Die­se Form er­mög­licht es auch Le­sern, die mit den Ge­pflo­gen­hei­ten des spä­ten 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­derts we­nig ver­traut sind, die Ge­scheh­nis­se ein­zu­ord­nen und die Tra­gik von Feo­dors Le­ben nach­zu­emp­fin­den. Da ist et­wa die Be­geg­nung mit Goe­the bei des­sen Auf­ent­halt in Karls­ru­he 1815. Der Hof­ma­ler Feo­dor Iwa­no­witsch, der oft ei­nen Schluck über den Durst trank, soll auch bei dem Tref­fen ho­no­ri­ger Her­ren vor dem Na­tu­ra­li­en­ka­bi­nett nicht ganz nüch­tern ge­we­sen sein. Goe­the, ob­gleich selbst ein Freund ed­ler Trop­fen, zeig­te sich, so ein Zeit­zeu­ge, „nicht sehr an­ge­nehm be­rührt“und er­wi­der­te des Kal­mü­cken „über­herz­li­che Be­grü­ßung mit zu­ge­mes­sen ma­jes­tä­ti­scher Höf­lich­keit“. Als Feo­dor un­er­war­tet zum Groß­her­zog be­foh­len wur­de und sich flu­chend ver­ab­schie­de­te – nicht oh­ne sei­ne bal­di­ge Rück­kehr ins Na­tu­ra­li­en­ka­bi­nett an­zu­kün­di­gen, be­merk­te Goe­the: „Aus­ge­stopft müss­te er sich dort gut aus­neh­men.“Der Dich­ter­fürst ha­be da­bei ge­lä­chelt, heißt es. War es nur der ge­schmack­lo­se Scherz ei­nes be­rühm­ten Man­nes? Jo­han­nes Wer­ner ver­weist auf erns­te Hin­ter­grün­de. Denn kei­ne 20 Jah­re, be­vor Goe­the in Karls­ru­he den frag­wür­di­gen Spruch von sich gab, war in Wi­en tat­säch­lich ein Mensch aus­ge­stopft und im kai­ser­li­chen Na­tu­ra­li­en­ka­bi­nett aus­ge­stellt wor­den: An­ge­lo Soli­man aus dem heu­ti­gen Ni­ge­ria. Der Afri­ka­ner war eben­falls als „Ge­schenk“nach Eu­ro­pa ge­bracht wor­den und hat­te als Prin­zen­er­zie­her Be­rühmt­heit er­langt. Ob An­ge­lo Soli­man oder Feo­dor Iwa­no­witsch – sie er­staun­ten mit ih­ren Leis­tun­gen. Und doch blie­ben sie für ih­re Mit­men­schen ein Le­ben lang Frem­de, Halb­tie­re. Wie bit­ter das sein muss – man ahnt es bei der Lek­tü­re von Jo­han­nes Wer­ners le­sens­wer­ten Buch.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.