Ma­kel­lo­se Ele­ganz

Horst P. Horst präg­te über Jahr­zehn­te die Mo­de­fo­to­gra­fie

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Susanne Forst

Das Licht fällt dra­ma­tisch. Das Pro­fil ist il­lu­mi­niert. Auf dem Arm liegt ein Leuch­ten. Horst P. Horst in­sze­niert. Er ver­bin­det Ele­men­te aus der An­ti­ke mit dem Flüch­ti­gen der Mo­de und kre­iert ele­gan­te, kühl-at­mo­sphä­ri­sche Wel­ten. Über Jahr­zehn­te präg­te der ge­bür­ti­ge Deut­sche die Mo­de­fo­to­gra­fie. Zu­nächst in Schwarz-Weiß. Spä­ter in Far­be. Ge­ra­de lebt er wie­der auf. Das NRW-Fo­rum in Düs­sel­dorf zeigt über 250 sei­ner Ar­bei­ten. Schon auf dem Ka­ta­log der vom Lon­do­ner Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­um kon­zi­pier­ten Schau springt das Fo­to ins Au­ge. Es scheint wie ein Kom­men­tar zur ak­tu­el­len Mo­de – Re­tro al­ler­or­ten, kom­bi­niert mit Klas­si­kern: die auf­fäl­li­ge Bril­le, die Strei­fen der Ta­sche, das ro­te Haar­band und der satt ro­te Lip­pen­stift. „Eye­we­ar“, Bril­len sind wie­der groß. Auch die Ba­de­mo­de des Som­mers 2016 ver­weist auf „al­te“For­men: den Neck­hol­der, das Bein­chen und das Blu­men­mus­ter. Sie zeigt freund­li­che Raf­fun­gen, schmückt sich mit Schleif­chen und Tup­fen. Bei­ne, Fleisch und Kör­per wer­den ma­ni­pu­liert. Hier ein biss­chen ver­schlankt, dort schön ge­zeich­net, mal mit mehr, mal mit we­ni­ger Kur­ven. Das kann heute je­der Hob­by­fo­to­graf mit Pho­to­shop. Und, das ge­rät leicht in Ver­ges­sen­heit – die Bild­be­ar­bei­tung hat Tra­di­ti­on. Rund 60 Jah­re um­spann­te Horsts Kar­rie­re. Sie ist eng dem Con­dé Nast Ver­lag ver­bun­den. Horst wur­de zum Haus­fo­to­gra­fen des Ma­ga­zins „Vo­gue“. Er mach­te Modefotos und Por­träts. Er be­kam Stars von Ri­ta Hay­worth bis zu Mar­le­ne Dietrich vor die Lin­se. Für sei­ne In­te­ri­eur-Auf­nah­men öff­ne­ten sich die Sa­lons und Vil­len ei­ner il­lus­tren Kli­en­tel. 1930 war Horst als 23-Jäh­ri­ger nach Pa­ris ge­kom­men. Sein Part­ner, der Fo­to­graf Ba­ron Ge­or­ge Hoy­nin­gen-Hue­ne, führ­te ihn in die Mo­de­welt ein. In den Vo­gue Stu­di­os sam­mel­te der Deut­sche, der spä­ter die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft an­nahm, ers­te Er­fah­run­gen als Fo­to­graf. Er fand sei­nen Stil und galt schnell als Meis­ter ei­ner ma­kel­lo­sen Ele­ganz. Er be­dien­te sich der An­ti­ke, streu­te ba­ro­cke Ele­men­te ein und ließ sich vom Sur­rea­lis­mus in­spi­rie­ren. Selbst­ver­ständ­lich re­tou­chier­te ei­ne Spe­zia­lis­tin Horsts Fo­tos. Auch das ori­gi­na­le Bild­for­mat war kei­nes­wegs hei­lig. Für sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen in der bri­ti­schen, ame­ri­ka­ni­schen oder fran­zö­si­schen Vo­gue wähl­te Horst Aus­schnit­te aus. Die Kör­per­ma­ni­pu­la­ti­on hat eben­falls ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Schon Horsts Man­ne­quin „Lud“leg­te sich un­ters Mes­ser, um Brust und Bei­ne zu „op­ti­mie­ren“. Über 90 Co­ver­bil­der mach­te Horst für Vo­gue. Er schaff­te den Sprung von der Schwar­zWeiß­zur sich ra­sant ent­wi­ckeln­den Farb­fo­to­gra­fie. Als im Zwei­ten Welt­krieg in Pa­ris vie­le Mo­de­ate­liers schlos­sen, in­sze­nier­te Horst in New York vor al­lem ame­ri­ka­ni­sche Mo­de: frisch und spon­tan, wie sein Ar­beit­ge­ber Con­dé Nast es wünsch­te. Horst blieb der Stu­dio­fo­to­gra­fie treu, brach­te aber Be­we­gung ins Spiel: Das Mo­del, das sich um­sieht, das Kleid, das schwingt. Be­vor der Meis­ter des Stils in die USA über­sie­del­te, sorg­te 1939 ein Klas­si­ker für Auf­re­gung: das Kor­sett. Je­an-Paul Gaul­tier hat das Kor­sett in den 1980er/90er Jah­re noch ein­mal neu her­aus ge­bracht, in zahl­rei­chen Va­ria­tio­nen. Zum Mie­der ent­schärft ist es heute ober­be­klei­dungs­taug­lich. 1990 gab es al­ler­dings ei­nen öf­fent­li­chen Auf­schrei. Ma­don­na tanz­te auf ih­rer Welt­tour­nee in Gaul­tiers Mo­dell mit Tü­ten­brüs­ten. Zu viel Mo­del­la­ge? Bei Horsts Fo­to des Main­bo­cher-Kor­setts geht es um we­ni­ge Zen­ti­me­ter, um „Luft“. Das Mo­del ist von hin­ten zu se­hen, die Schnü­rung ist ge­lo­ckert, die Bän­der hän­gen her­ab. Am lin­ken obe­ren Rand steht das Sa­tin­kor­sett ein we­nig vom Kör­per ab, Platz für Fan­ta­sie und Ob­ses­sio­nen. Horst ver­tei­digt sei­ne Vi­si­on. Die Re­dak­ti­on setzt sich durch. Auf dem ver­öf­fent­lich­ten Fo­to schließt, re­tou­chiert, der Sa­tin „sau­ber“mit dem Kör­per ab: nur ja kei­ne Pro­vo­ka­ti­on.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.