Es tropft und tropft …

Höh­len sind fas­zi­nie­rend / In der Her­manns­höh­le im Harz war­tet man auf Nach­wuchs

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Gibt es in ein paar Wo­chen ei­ne Sen­sa­ti­on in der Her­manns­höh­le im Harz? Seit 84 Jah­ren le­ben dort in ei­nem un­ter­ir­di­schen See Grot­te­nol­me, das sind Lur­che, die wie Mi­ni-Dra­chen aus­se­hen. Vom Kopf bis zur Schwanz­spit­ze mes­sen die Grot­te­nol­me 20 Zen­ti­me­ter und kön­nen bis zu 100 Jah­re alt wer­den. Zum ers­ten Mal über­haupt, seit­dem es sie im Harz gibt, er­war­ten die Tie­re Nach­wuchs! Im Fe­bru­ar ent­deck­ten Höh­len­for­scher Olm-Eier im See und sind seit­dem ge­spannt, ob dar­aus Ba­by-Ol­me schlüp­fen. Et­wa 120 Ta­ge dau­ert das, ab Fe­bru­ar ge­rech­net müss­te es bald so­weit sein! Die Grot­te­nol­me leb­ten zu­erst in ei­ner Tropf­stein­höh­le in der Slo­wa­kei. Weil sich Wis­sen­schaft­ler aber si­cher wa­ren, dass die Le­bens­be­din­gun­gen in der Her­manns­höh­le ver­gleich­bar sind, wag­ten sie im Jahr 1932 das Ex­pe­ri­ment, ei­ni­ge der 20 Gramm leich­ten Tie­re um­zu­sie­deln. Vor 60 Jah­ren ka­men wei­te­re hin­zu. Ob die Ol­me den Um­zug be­merk­ten? Im­mer­hin sind sie blind, leb­ten hier wie dort in völ­li­ger Dun­kel­heit und im­mer un­ter Wasser. Da­für ge­hen sie kein Ri­si­ko ein, ge­fres­sen zu wer­den. Durchs Wasser kom­men sie auch an Nah­rung, die in die Höh­le ge­spült wird oder mit dem Tropf­was­ser durch die De­cke si­ckert. Das Zu­hau­se der Harzer Grot­te­nol­me ist ei­ne Tropf­stein­höh­le, die vor 1,5 Mil­lio­nen Jah­ren ent­stand. Ent­deckt wur­de die Her­manns­höh­le vor 150 Jah­ren bei Stra­ßen­bau­ar­bei­ten. Da­mit zählt sie zu den äl­tes­ten Schau­höh­len in Deutsch­land, die äl­tes­te ist die be­nach­bar­te Bau­manns­höh­le, sie ist seit über 300 Jah­ren für Be­su­cher zu­gäng­lich. Aber dort gibt es kei­ne Grot­te­nol­me. Bei­de Höh­len kann man nur mit ei­ner Füh­rung be­tre­ten. Tropf­stein­höh­len ent­ste­hen, in­dem flie­ßen­des Wasser das Gestein ver­wit­tert. Der Spruch „ste­ter Trop­fen höhlt den St­ein“, bei dem es dar­um geht, Ge­duld zu ha­ben, be­zieht sich auf die­sen Vor­gang. Be­son­ders gut klappt die Höh­len­bil­dung bei Kalk­stein. Im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de spü­len ein Fluss oder ein­fach nur das Re­gen­was­ser Hohl­räu­me in den Fels. Das Wasser löst da­bei Kalk oder Mi­ne­ra­li­en aus dem St­ein und schwemmt sie mit oder la­gert sie wo­an­ders ab. In der Höh­le fließt es an der De­cke ent­lang, ver­liert da­bei an Fließ­ge­schwin­dig­keit und bil­det Trop­fen, die ei­ne Wei­le hän­gen blei­ben, ehe sie zu Bo­den fal­len. Der Kalk kris­tal­li­siert an der Höh­len­de­cke oder am Bo­den. Tropf­stei­ne ent­ste­hen. Et­wa sie­ben Mil­li­me­ter wach­sen sie pro Jahr. Tropf­stei­ne, die wie Eis­zap­fen von der De­cke hän­gen, hei­ßen Sta­lak­ti­ten. Tropf­stei­ne, die vom Bo­den in die Hö­he wach­sen, hei­ßen Sta­lag­mi­ten. Wenn das Wasser im­mer auf die­sel­be Stel­le tropft, wer­den sie zu be­ein­dru­cken­den St­ein­ke­geln. Sehr al­te Tropf­stei­ne kön­nen auch zu Tropf­stein­säu­len zu­sam­men­wach­sen. Sie nennt man Sta­lagna­ten. Weil Fels ein na­tür­li­ches Ma­te­ri­al ist und das Wasser sich auch mal an­de­re We­ge durch den St­ein sucht, kön­nen statt der Tropf­stein­ke­gel wel­len­för­mi­ge Tropf­stein­vor­hän­ge ent­ste­hen. In der Her­manns­höh­le gibt es ei­nen sol­chen, 12000 Jah­re al­ten Vor­hang: das wei­ße Ge­wand. Weiß ist es we­gen des Kalks. Als na­tür­li­che Höh­le gilt ein Hohl­raum im Erd­in­nern, wenn er min­des­tens so groß ist, dass sich ein er­wach­se­ner Mensch dar­in be­we­gen kann. Das gilt auch dann noch, wenn die Per­son den Kopf ein­zie­hen oder auf al­len Vie­ren krie­chen muss. Haupt­säch­lich ma­chen das die Spe­läo­lo­gen, so hei­ßen Höh­len­for­scher in der Wis­sen­schaft. Be­su­cher der Her­manns­höh­le ha­ben Glück: Bis auf ei­ne we­ni­ge Stel­len kön­nen sie auf­recht durch den aus­ge­bau­ten Teil der Höh­le ge­hen, der zum Bei­spiel am Grot­te­nol­men­see vor­bei­führt. Schau­höh­le sagt man dann, wenn We­ge in der Höh­le be­fes­tigt und be­leuch­tet sind. Die Her­manns­höh­le ist auf ei­ner Stre­cke von 1000 Me­tern be­geh­bar. 300 Trep­pen­stu­fen muss man da­zu stei­gen, vor­bei an Tropf­stei­nen, ei­nem ver­stei­ner­ten Was­ser­fall und dem 30 000 Jah­re al­ten Ske­lett ei­nes Höh­len­bä­ren. Als vor Jahr­tau­sen­den der Grund­was­ser­spie­gel sank, zog sich das Flüss­chen Bode aus der Höh­le zu­rück. Heut­zu­ta­ge rauscht die Bode vor der Höh­le vor­bei. Da­zwi­schen ist die Stra­ße, bei de­ren Bau die Her­manns­höh­le ent­deckt wur­de. Men­schen be­wohn­ten die Höh­le nie. Die Grot­te­nol­me tei­len sie sich nur mit Fle­der­mäu­sen. Rund 50 Schau­höh­len gibt es in Deutsch­land, die Hälf­te da­von sind Tropf­stein­höh­len. Zu den be­kann­ten zäh­len ne­ben der Her­manns- und der Bau­manns­höh­le in Rü­be­land im Harz (Sach­senAn­halt) die Dra­chen­höh­le Syrau (Sach­sen), die Fe­en­grot­te Saal­feld (Thü­rin­gen), die So­phi­en­höh­le bei Bay­reuth (Bay­ern) und die Bä­ren­höh­le auf der Schwä­bi­schen Alb.

Fo­tos: Ober­harz­in­fo/Jür­gen Meu­sel

Die Her­manns­höh­le fei­ert 2016 ih­ren 150. Ge­burts­tag. Bei Stra­ßen­bau­ar­bei­ten im Jahr 1866 wur­de sie ent­deckt.

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