Klötz­chen statt Klot­zen

Zeit­los-nüch­ter­ne Ele­ganz: Die Bun­des­kunst­hal­le in Bonn zeigt Bau­haus-Design

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausflüge -

Sie dür­fen da­mit auch spie­len“, sagt ein Mit­ar­bei­ter der Bun­des­kunst­hal­le. Wenn das so ein­fach wä­re. Kö­nig, Da­me, Turm, Sprin­ger ... und dann? Wer nur ge­le­gent­lich Schach spielt, kann beim „Bau­haus Schach­spiel“schon mal ins Sto­cken ge­ra­ten. Die Fi­gu­ren sind so auf das We­sent­li­che re­du­ziert, dass die Zu­ord­nung mit­un­ter schwer­fällt. Als sie Jo­sef Hart­wig ent­warf, war das Schach-Know-how wohl noch et­was wei­ter ver­brei­tet als heute. Aber prak­tisch ist das Spiel, al­les passt in ei­ne klei­ne Papp­schach­tel. Es sind klei­ne Kost­bar­kei­ten wie die­se, die die Aus­stel­lung „Das Bau­haus – Al­les ist Design“zu ei­ner Rei­se in die Welt von nüch­ter­ner, sehr funk­tio­na­ler, aber auch ele­gan­ter Gestal­tung wer­den las­sen. Zu se­hen ist sie bis 14. Au­gust in der Bun­des­kunst­hal­le in Bonn. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Vi­tra Design Mu­se­um de­cken die Ma­cher die gan­ze Pa­let­te der Bau­haus-Äs­t­he­tik ab: All­tags­ge­gen­stän­de, Ar­chi­tek­tur, Fo­to­gra­fie. Iko­nen wie die Bau­haus-Leuch­te von Wil­helm Wa­gen­feld sind zu se­hen, aber auch bis­lang nur we­nig be­kann­tes. Vie­les stammt aus Pri­vat­samm­lun­gen. Die Aus­stel­lung will die Ide­en des Bau­hau­ses zu­dem auch mit zeit­ge­nös­si­schem Design ver­knüp­fen. Ne­ben den klas­si­schen Stahl­rohr­stüh­len ste­hen bun­te Neu­krea­tio­nen. Und nicht weit von den Schach-Klötz­chen ent­fernt sieht man di­gi­ta­le Klötz­chen. Ein Film in­sze­niert die Pi­xel-Op­tik, die das On­li­ne-Spiel „Mine­craft“po­pu­lär ge­macht hat. Die Spiel­fi­gur heißt „W. Gro­pi­us“. Wal­ter Gro­pi­us hat­te das Bau­haus 1919 in Wei­mar ge­grün­det. For­mal war es ei­ne Hoch­schu­le für Gestal­tung, die 1933 auf Druck der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wie­der schlie­ßen muss­te. Tat­säch­lich ver­stan­den es die Grün­der aber als Idee – von ei­ner Werk­statt, in der Or­na­ment und ideo­lo­gi­scher Bal­last ab­ge­wor­fen wer­den. Grund­satz war die Ein­heit von Funk­ti­on und äs­the­ti­scher Form. Bis heute strah­len Bau­haus-Bau­ten und Bau­haus-All­tags­ge­gen­stän­de ei­ne mo­der­ne Funk­tio­na­li­tät aus. Die Aus­stel­lungs­ma­cher wis­sen, dass das La­bel Bau­haus heute ziem­lich aus­ge­franst ist. „Wir sa­hen die­se Aus­stel­lung auch als ei­ne Mög­lich­keit, mit Kli­schees auf­zu­räu­men“, sagt Ma­teo Kries, Di­rek­tor des Vi­tra Design Mu­se­ums, wo die Schau zu­vor im klei­ne­ren Rah­men zu se­hen war. „Wenn man heute „Bau­haus-Design“ir­gend­wo liest, dann ist da meis­tens nichts Gu­tes drin.“Kaum sei et­was recht­wink­lig, ver­chromt oder mit schwar­zem Le­der be­zo­gen, wer­de es schnell als „Bau­haus-Stil“feil­ge­bo­ten. Kunst­his­to­ri­ker be­schrei­ben es ähn­lich. „Das Eti­kett ,Bau­haus’ wird heute zum Teil miss­braucht. Es ist ei­ne tol­le Wer­be­maß­nah­me“, sagt Cars­ten Ruhl von der Uni Frank­furt. „Bau­haus-Stil“sei da­bei aber per se ein eher kon­stru­ier­ter Be­griff. „Das Pa­ra­do­xe ist, dass das Bau­haus ei­gent­lich gar nichts mit Stil zu tun ha­ben woll­te“, sagt Ruhl. Stil sei aus Sicht der Bau­häus­ler eher ein Be­griff der Kunst­his­to­ri­ker ge­we­sen – und da­mit ein künst­li­cher. Dass das Bau­haus-Design bis heute nach­wirkt, ist al­ler­dings un­be­strit­ten. „Nach mei­ner Be­ob­ach­tung hat es in den ver­gan­ge­nen fünf bis zehn Jah­ren in vie­len Be­rei­chen ei­ne An­nä­he­rung des De­signs an die al­ten ,Tools‘ des Bau­hau­ses ge­ge­ben“, meint Kunst­his­to­ri­ker Ro­bin Rehm von der Uni Re­gens­burg. Das Bau­haus sei ei­ne Art Werk­zeug­kas­ten, mit dem man heute wie­der be­wusst ar­bei­te. Von „Vorbild“will Rehm al­ler­dings nicht spre­chen. Was heute Bau­haus ist, ist wohl eher ei­ne Idee, als ein fest­ge­zurr­ter, end­gül­ti­ger Stil. Aus­stel­lungs-Ku­ra­to­rin Jo­lan­the Kug­ler sagt: „Ich neh­me an, wenn Gro­pi­us heute noch mal das Bau­haus-Ge­bäu­de in Des­sau bau­en wür­de, dann wür­de er es kom­plett an­ders bau­en.“

Al­les ist Design: Ein Be­su­cher sieht sich in der Bun­des­kunst­hal­le in Bonn die Vi­deo­pro­duk­ti­on „Das me­cha­ni­sche Bal­lett“aus dem Jahr 1923 an. Die Aus­stel­lung „Das Bau­haus“um­fasst ei­ne Viel­zahl sel­te­ner, teil­wei­se nie ge­zeig­ter Ex­po­na­te aus Design, Ar­chi­tek­tur, Kunst, Film und Fo­to­gra­fie. Fo­to: avs

Jo­nas-Erik Schmidt

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