Ma­thi­as Beer: Ex­per­te für Mi­gra­ti­on

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Ma­thi­as Beer | Tho­mas Liebs­cher

Nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs 1945 nahm das Ge­biet von Ba­denWürt­tem­berg 1,7 Mil­lio­nen Ver­trie­be­ne und Flücht­lin­ge auf. Sie ka­men aus den Ost­ge­bie­ten des Rei­ches so­wie aus deutsch­spra­chi­gen Sied­lungs­ge­bie­ten von Un­garn, Ju­go­sla­wi­en oder Ru­mä­ni­en. Zu­dem ge­lang­ten vie­le Ost­preu­ßen über Um­we­ge nach Süd­ba­den. In ganz Deutsch­land zähl­te man 12,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge. „Die Ein­glie­de­rung die­ser Men­schen voll­zog sich als Kon­flikt­ge­mein­schaft von Alt- und Neu­bür­gern. Die In­ten­si­tät der jah­re­lan­gen Kon­flik­te über­all in der Ge­sell­schaft kann man sich heute kaum noch vor­stel­len. Bei­spiels­wei­se wa­ren Hei­ra­ten zwi­schen Flücht­lin­gen und Ein­hei­mi­schen im Süd­wes­ten in den 1950er-Jah­ren am sel­tens­ten“, sagt der Tü­bin­ger His­to­ri­ker Ma­thi­as Beer. Seit Jahr­zehn­ten be­fasst er sich mit Zwangs­mi­gra­tio­nen, 2011 hat er ein Stan­dard­werk über die Ver­trei­bung der Deut­schen ge­schrie­ben und zur Zu­wan­de­rungs­ge­schich­te Ba­den-Würt­tem­bergs pu­bli­ziert. Um den Ge­schich­ten in der Ge­schich­te noch nä­her zu kom­men, nutzt er nicht nur amt­li­che Qu­el­len, son­dern auch Er­in­ne­run­gen, In­ter­views und Brie­fe. „Pri­vat­brie­fe ha­ben ei­ne ver­schlun­ge­ne Über­lie­fe­rung und bie­ten ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Zu­gang zur Ver­gan­gen­heit und sei­nen Men­schen“, meint der For­scher. Er fin­det Brie­fe in Nach­läs­sen oder auf Floh­märk­ten. Selbst­zeug­nis­se von Ver­trie­be­nen in der neu­en Hei­mat wer­den am Mitt­woch, 13. April im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he vor­ge­stellt (18 Uhr in der Nörd­li­che Hilda­pro­me­na­de). Schau­spie­ler le­sen bei­spiels­wei­se, was ei­ne Frau 1947 aus Haß­mers­heim über die schwe­re Ar­beit im Ze­ment­werk schrieb und dann bi­lan­ziert „man­che Leu­te ha­ben sel­ber nichts, des­halb sind sie gut zu uns.“Ma­thi­as Beer stellt bei der sze­ni­schen Le­sung die Zeug­nis­se der Ent­wur­zel­ten in den­his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang. Er selbst kam nach 1980 aus Ru­mä­ni­en nach Ba­den-Würt­tem­berg – zu sei­ner deut­schen Frau. Beer ge­hör­te in Her­mann­stadt zur klei­nen deutsch­spra­chi­gen Min­der­heit der „Sie­ben­bür­ger Land­ler“. Sie wur­den im 18. Jahr­hun­dert aus dem ka­tho­li­schen Ös­ter­reich ver­trie­ben – we­gen ih­res pro­tes­tan­ti­schen Glau­bens. Wenn Beer er­zählt, hört man noch ein we­nig Al­pen­län­di­sches im schö­nen süd­ost­eu­ro­päi­schen Deutsch. Noch län­ger als die In­te­gra­ti­on de Ver­trie­be­nen dau­er­te es, bis Ba­den-Würt­tem­berg ein um­fang­rei­ches wis­sen­schaft­li­ches do­n­au­schwä­bi­sches In­sti­tut auf­bau­te. Dort und an der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen ar­bei­tet Beer. Er ist ein lei­den­schaft­li­cher Läu­fer und hat vor ei­ni­gen Jah­ren in Frei­burg die le­gen­dä­ren 42 Ki­lo­me­ter in drei­ein­halb St­un­den ab­sol­viert, „al­ler­dings oh­ne dass ich vom Ma­ra­thon­fie­ber be­fal­len wor­den wä­re.“Nicht aus­blei­ben darf die Fra­ge nach dem Ver­gleich der Flücht­lings­the­men heute und 1945. Beers Er­geb­nis: „Wel­chen Pa­ra­me­ter man auch im­mer her­an­zieht, es gibt kei­ne Ge­mein­sam­kei­ten“. Aber man kön­ne Schlüs­se zie­hen: Es braucht ein Zu­wan­de­rungs­ge­setz, ei­nen lang­fris­ti­gen Mi­gra­ti­ons­plan und Geld. „Und dann sind Alt- und Neu­bür­ger auf­ge­for­dert, In­te­gra­ti­on durch All­tags­be­geg­nung zu le­ben.“

Fo­to: Hen­drik Gass­mann

Flucht und Ver­trei­bung der Deut­schen hat der His­to­ri­ker Ma­thi­as Beer er­forscht. Am Mitt­woch stellt er wäh­rend der eu­ro­päi­schen Kul­tur­ta­ge in Karls­ru­he Brief­do­ku­men­te von Flücht­lin­gen vor.

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