Vom Be­ginn des lan­gen Schwei­gens

Was Frau­en und Män­ner in ei­nem ba­di­schen Dorf er­leb­ten, als im April 1945 die frem­den Sol­da­ten ka­men

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

So wie in die­sem Mo­ment hat­te Jo­chen Metz­ger sei­ne Tan­te nie zu­vor re­agie­ren se­hen. Da­bei hat­te das Ge­spräch mit der 90-Jäh­ri­gen harm­los be­gon­nen. Um den Krieg ging es, dar­um, dass er ir­gend­wann ver­lo­ren war. Der Jour­na­list sag­te: „Und dann müs­sen ir­gend­wann Sol­da­ten ge­kom­men sein, die kei­ne Deut­schen wa­ren.“Die Tan­te nick­te: „Ja, das stimmt. Das wa­ren Ma­rok­ka­ner.“Jo­chen Metz­ger stell­te dar­auf­hin ei­ne Fra­ge, die für ihn al­les ver­än­der­te, was er bis­her über das Dorf, in dem er auf­ge­wach­sen war, ge­wusst und ge­glaubt hat­te. Er frag­te: „Und wie wa­ren die Ma­rok­ka­ner so zu euch Mäd­chen?“Mit dem, was die Tan­te dar­auf­hin be­rich­te­te, be­gann für Metz­ger die Rei­se in ein frem­des Dorf, das ein­mal sei­ne Hei­mat war. Als er sei­nen Ro­man „Und doch ist es Hei­mat“schrieb, hat er die­sem Dorf, das zwi­schen Karls­ru­he und Bruch­sal liegt, auch ei­nen frem­den Na­men ge­ge­ben, „Sand­heim“nennt er das Dorf in dem Buch, das am 22. April er­scheint. Die Men­schen, die Metz­ger da­rin be­schreibt, hat es so nie ge­ge­ben. Doch was Ma­rie, Lie­se und An­to­nia, Her­mann und Hans er­le­ben, tun sie stell­ver­tre­tend für das gan­ze Dorf. Metz­gers Ro­man be­ruht auf Tat­sa­chen. Man­ches hat er aus Mi­li­tär­pro­to­kol­len, Zei­tungs­ar­ti­keln oder im Hei­mat­mu­se­um er­fah­ren. Vor al­lem aber hat der mitt­ler­wei­le in Ham­burg le­ben­de Jour­na­list mit al­ten Leu­ten im Dorf ge­spro- chen: „Man­che der Men­schen, mit de­nen ich re­de­te, spra­chen zum al­ler­ers­ten Mal über das, was sie da­mals er­lebt hat­ten“, be­rich­tet er. Fast nie­mand ha­be ihm ei­nen Korb ge­ge­ben. Und doch er­leb­te Metz­ger bei den In­ter­views im­mer wie­der Mo­men­te, in de­nen das Ta­bu die Ober­hand ge­wann. Angst, Scham und der Wunsch, dass das Le­ben wie­der nor­mal wer­den mö­ge – es gab vie­le Grün­de, war­um Men­schen über das, was ih­nen bei Kriegs­en­de wi­der­fuhr, schwie­gen. Vor al­lem, wenn sie oder ih­nen na­he­ste­hen­de Men­schen se­xu­el­le Ge­walt er­lit­ten hat­ten. Im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis sind ins­be­son­de­re „die Rus­sen“als Tä­ter ab­ge­spei­chert. Vi­el­leicht rief des­halb im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Stu­die der Kon­stan­zer His­to­ri­ke­rin Mi­ri­am Geb­hardt so viel Auf­merk­sam­keit her­vor: In dem Buch „Als die Sol­da­ten ka­men“be­rich­tet sie, dass es am En­de des Zwei­ten Welt­kriegs übe­r­all im Land zu Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen kam, auch durch fran­zö­si­sche, ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­ge – und dass die Ge­sell­schaft für die Op­fer, für zahl­lo­se Mäd­chen, Frau­en und et­li­che Män­ner, we­nig Mit­ge­fühl auf­brach­te. Jo­chen Metz­ger blickt in in sei­nem Ro­man „nur“auf ein ba­di­sches Dorf. Nüch­tern und un­ver­blümt er­zählt er, was Ma­rie, Lie­se und An­to­nia, Her­mann, Hans und vie­le an­de­re er­leb­ten. Und er er­zählt vom Be­ginn des Schwei­gens, das so lan­ge an­hielt. Auch, weil lan­ge Zeit nie­mand ge­nau wis­sen woll­te, was da­mals ge­schah.

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