Franz Benz: Der Win­zer und die Ha­gel­ab­wehr

Er­wei­ter­tes Schutz­ge­biet: Jetzt wer­den auch Ge­wit­ter­wol­ken über Karls­ru­he „ge­impft“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Ka­trin Kö­nig

Das Wein­gut der Fa­mi­lie von Franz Benz be­steht seit dem 18. Jahr­hun­dert. Idyl­lisch liegt der Hof in Bot­ten­au bei Ober­kirch, die Obst­bäu­me blü­hen, es be­steht kein Han­dy­emp­fang und man fühlt sich zu­rück­ver­setzt in ei­ne fer­ne Ver­gan­gen­heit. Na­tür­lich ist das nur ein ers­ter Ein­druck: Ver­än­dert ha­ben sich die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, die Auf­ga­ben­be­rei­che der Land­wir­te, ih­re Ver­net­zung mit Han­del und In­dus­trie. Und nicht nur das: Auch das Kli­ma, so Benz, ha­be sich ge­wan­delt. Sein Va­ter er­in­ne­re sich nur an ei­nen ein­zi­gen, mit gro­ßen Ern­te­ein­bu­ßen ver­bun­de­nen Ha­gel­schau­er, wäh­rend er das Gut führ­te: „Ich ha­be drei in fünf Jah­ren er­lebt.“Das Kli­ma wer­de zu­neh­mend hei­ßer und tro­cke­ner – und da­mit durch­aus güns­ti­ger für den Obst- und Wein­an­bau –, in der Kon­se­quenz stei­ge aber auch die Ge­wit­ter­nei­gung. „Wir muss­ten et­was un­ter­neh­men“, sagt Benz. Wenn der Win­zer „wir“sagt, spricht er als Or­ten­au-Be­reichs­vor­sit­zen­der des Ba­di­schen Wein­bau­ver­bands, des­sen Vi­ze­prä­si­dent er zu­dem ist. „Wir in­for­mier­ten uns un­ter an­de­rem bei ei­ner Initia­ti­ve in der Süd­pfalz, wel­che Mög­lich­kei­ten der Ha­gel­ab­wehr es gibt“, blickt er ins Jahr 2013 zu­rück. Dar­über hin­aus sei auf ihn zu­ge­kom­men, Pi­lot bei der Ha­gel­ab­wehr des Rems-Murr-Krei­ses, die dort seit den 1970er Jah­ren er­folg­reich im Ein­satz sei und vom zu­stän­di­gen Land­rats­amt ge­tra­gen wer­de. „Auf ei­ner Ta­gung er­hiel­ten wir Ein­blick in ver­schie­dens­te Mög­lich­kei­ten der Ha­gel­ab­wehr und ka­men auch auf­grund der po­si­ti­ven Bi­lanz des Rems-Murr-Krei­ses zu dem Er­geb­nis, dass für un­se­re Re­gi­on der Ein­satz ei­nes Flug­zeugs ef­fi­zi­en­ter ist als Ha­gel­ka­no­nen und Ha­gel­ra­ke­ten, wie sie et­wa in der Schweiz üb­lich sind.“Franz Benz trug das The­ma in den Un­ter­aus­schuss „Länd­li­cher Raum“des Land­krei­ses Or­ten­au, wel­cher be­schloss, das Gan­ze als Leucht­turm­pro­jekt an­zu­ge­hen. Im Sep­tem­ber 2014 wur­de der Ver­ein „Ha­gel­ab­wehr Or­ten­au“un­ter Benz’ Vor­sitz ge­grün­det, per­so­nell un­ter­stützt vom Land­rats­amt. Für die Fi­nan­zen zeich­nen die Mit­glie­der ver­ant­wort­lich: „Das sind ver­schie­dens­te Or­ga- ni­sa­tio­nen, et­wa der Obst­groß­markt Mit­tel­ba­den, die Win­zer­ge­nos­sen­schaf­ten der Or­ten­au, Wein­gü­ter und der Lan­des­ver­band ba­den-würt­tem­ber­gi­scher Ta­bak­pflan­zer“, sagt Benz. „Aus dem Pool der Mit­glieds­bei­trä­ge wur­de ein Ha­gelf lug­zeug an­ge­mie­tet.“Kos­ten­punkt: 150 000 Eu­ro pro Jahr. Als Ge­schäfts­stel­le nutzt der Ver­ein Räu­me ei­nes wei­te­ren Mit­glieds, des Ma­schi­nen­rings Or­ten­au. „Es geht nicht nur um den Schutz land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen. Auch Ge­wer­be und In­dus­trie pro­fi­tie­ren. Wir ge­win­nen zu­neh­mend In­ter­es­sen­ten aus die­sem Be­reich“, sagt Franz Benz. An­fang die­ses Jah­res wur­de das Un­ter­neh­men BGV Ba­di­sche Ver­si­che­run­gen mit Sitz in Karls­ru­he Mit­glied – dank die­ses „Schwer­ge­wichts“kann nun ein zwei­tes Flug­zeug fi­nan­ziert und das Schutz­ge­biet um das Stadt­ge­biet Karls­ru­he er­wei­tert wer­den: Bis­her reich­te es von der Or­ten­au, dem süd­li­chen Land­kreis Ras­tatt und Ba­den-Ba­den bis nach Et­ten­heim. Kon­kret funk­tio­niert die Ha­gel­ab­wehr so: Der Ver­ein wird täg­lich von Me­teo­ro­lo­ge Her­mann Gy­si über die ak­tu­el­le Wet­ter­la­ge in­for­miert. Die­ser nutzt ei­nen Ra­dar des Karls­ru­her In­sti­tuts für Tech­no­lo­gie (KIT), sei­ne Pro­gno­sen be­zeich­net Benz als sehr zu­tref­fend. „Wenn wäh­rend der Sai­son, von Mit­te April bis Mit­te Ok­to­ber, ein Ge­wit­ter droht, wis­sen die Pi­lo­ten das et­wa 24 St­un­den vor­her; kon­kre­ti­siert sich die Ge­wit­ter­nei­gung, müs­sen sie am be­tref­fen­den Tag in Be­reit­schaft am Flug­zeug sein. Das be­fin­det sich am Flug­ha­fen in Söl­lin­gen.“ Benz nimmt ei­ne Skiz­ze von ei­ner Ha­gel­wol­ke samt Auf­wind­zo­nen zur Hand: „Die Pi­lo­ten flie­gen qua­si vor dem Ge­wit­ter her und imp­fen die Wol­ke über Rauch­gas­ge­ne­ra­to­ren mit ei­ner Sil­ber-Jo­did-Mi­schung.“Ha­gel ent­ste­he durch Par­ti­kel in der Luft, der Ef­fekt der „Be­hand­lung“mit zu­sätz­li­chen Par­ti­keln sei auch dank der an­zie­hen­den Wir­kung des Sil­bers die Bil­dung von mehr, aber klei­ne­ren Ha­gel­kör­nern, die beim Her­ab­fal­len eher schmel­zen. „Die­se um­welt­tech­nisch un­be­denk­li­che Me­tho­de wird in Deutsch­land schon seit den 1960ern ge­nutzt.“In den USA zum Bei­spiel seit noch län­ge­rer Zeit –so­gar per Jets. Es ge­be zwar kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Be­weis in frei­er Na­tur, dass die Schä­den auf­grund die­ser Art der Ha­gel­ab­wehr ge­rin­ger blie­ben, räumt Franz Benz ein. „Die Er­fah­rungs­wer­te im In- und Aus­land wie auch Un­ter­su­chun­gen in Kli­ma­kam­mern spre­chen al­ler­dings da­für. Man geht von ei­ner 50-pro­zen­ti­gen Scha­dens­min­de­rung aus.“Für die zwei Pi­lo­ten, die die Be­reit­schaft für die Ha­gel­ab­wehr Or­ten­au über­neh­men, sei der Job ei­ne span­nen­de Her­aus­for­de­rung: Bei den ers­ten Flü­gen sei­en sie je­weils von ei­nem er­fah­re­nen Ha­gel­flie­ger be­glei­tet wor­den; nun, auf­grund des zwei­ten Flug­zeugs, wer­de ein drit­ter Pi­lot en­ga­giert. „Die Ma­schi­ne steht noch in Ös­ter­reich in der Werft, soll aber die­sen Mo­nat fer­tig sein.“Denn, be­merkt Benz mit ei­nem Blick auf den Ka­len­der: „Wir ste­hen am Be­ginn un­se­rer zwei­ten Sai­son.“

Foto: Kö­nig

Das Wein­gut von Franz Benz bei Ober­kirch be­steht seit dem 18. Jahr­hun­dert. Weil sich In den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ern­te­ein­bu­ßen durch Ha­gel­schau­er häuf­ten, be­schlos­sen er und an­de­re Obst- und Wein­bau­ern aus der Or­ten­au, et­was zu un­ter­neh­men.

Foto (2): Ha­gel­ab­wehr Or­ten­au

Pi­lot Frank Kas­pa­rek in­spi­ziert ei­nen Rauch­gas-Ge­ne­ra­tor: Mit die­ser „Sprit­ze“wer­den Ge­wit­ter­wol­ken ge­impft. Ei­ne Sil­ber-Jo­di­dMi­schung soll da­für sor­gen, dass sich klei­ne­re Ha­gel­kör­ner bil­den, die we­ni­ger zer­stö­re­risch wir­ken.

Start in die zwei­te Sai­son: Am Flug­ha­fen in Söl­lin­gen ist das Ha­gel­flug­zeug sta­tio­niert. An Ta­gen mit Ge­wit­ter­nei­gung ste­hen die Pi­lo­ten dort be­reit, um je­der­zeit ab­he­ben zu kön­nen.

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