Prinz Da­ni­el: Was denkt er übers Le­sen?

Der schwe­di­sche Prinz Da­ni­el be­such­te ei­ne Aus­stel­lung über Kin­der­li­te­ra­tur

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tan­ja Ka­sisch­ke

Mer­le und Leo­nie sit­zen im Klas­sen­zim­mer. Sie müs­sen die Köp­fe ein­zie­hen, so nied­rig ist die De­cke. Der Raum ist Teil ei­ner Aus­stel­lung über schwe­di­sche Kin­der­li­te­ra­tur und so ge­baut, dass nur Kin­der hin­ein­pas­sen. Mer­le schlägt ein Buch auf und liest laut ein paar Sät­ze auf Schwe­disch, al­le Bü­cher in der Aus­stel­lung sind auf Schwe­disch. Ge­zeigt wird die Schau in der Schwe­di­schen Bot­schaft in Berlin, der Ver­tre­tung des skan­di­na­vi­schen Lan­des in Deutsch­land. Es gibt auch Tex­te in deut­scher Über­set­zung. Mer­le pro­biert es trotz­dem mit dem Ori­gi­nal, denn sie kennt das Buch: „De­tek­tiv­bü­ro Las­seMa­ja ist mei­ne Lieb­lings­se­rie“, sagt die Acht­jäh­ri­ge. „Auf Schwe­disch klingt der Text aber wie Chi­ne­sisch.“Ei­ner, der den schwe­di­schen Text flüs­sig vor­le­sen könn­te, ist Prinz Da­ni­el. Er be­sucht an die­sem Nach­mit­tag die Aus­stel­lung und be­rich­tet den Be­su­chern von sei­ner Lie­be zu Bü­chern. Dass er vor­liest, ge­hört lei­der nicht da­zu. „Ob­wohl er ei­ne schö­ne Stim­me hat. Es klingt, als wür­den die Wor­te in sei­nem Mund auf und ab hüp­fen“, wird Leo­nie spä­ter sa­gen, nach­dem sie sei­ne Re­de ge­hört hat. „Ei­nen ech­ten Prin­zen stel­le ich mir trotz­dem an­ders vor, mit Kro­ne und ei­nem fun­keln­den Ring am Fin­ger. Ich hab nur ei­ne gro­ße Arm­band­uhr an sei­nem Hand­ge­lenk ge­se­hen.“Das Mäd­chen fand Prinz Da­ni­el trotz­dem nett. „Mei­ne Ma­ma hat mir er­zählt, das er nicht im­mer Prinz war, son­dern Fit­ness­trai­ner.“Sie hat recht! Seit sechs Jah­ren ist Prinz Da­ni­el mit Kron­prin­zes­sin Vic­to­ria von Schwe­den ver­hei­ra­tet. Als Kind hat­te er mit dem Kö­nigs­haus nichts zu tun. Da­ni­el, der bis zur Hoch­zeit Da­ni­el West­ling hieß, ist 1973 ge­bo­ren. In den 1970er Jah­ren konn­ten sei­ne El­tern noch kei­ne Kin­der­bü­cher übers In­ter­net bestellen, und ei­nen Buch­la­den hat­te sein klei­ner Hei­mat­ort Ockel­bo nicht. Da­für gab es in Schwe­den da­mals ei­ne an­de­re tol­le Mög­lich­keit, an neue Ge­schich­ten zu kom­men: Das Buch des Mo­nats. Auch Da­ni­els El­tern wa­ren re­gis­triert. „Ein­mal pro Mo­nat lag ein neu­er Ti­tel in der Post. Mei­ne Schwes­ter und ich konn­ten es kaum er­war­ten, bis es wie­der so­weit war. Am liebs­ten woll­ten wir, dass un­ser Va­ter uns so­fort vor­liest. Das ging aber nicht, er muss­te ja ar­bei­ten. Um­so mehr ha­ben wir es ge­nos­sen, wenn er Zeit hat­te. Vor­le­sen war ein Fa­mi­li­en­aben­teu­er.“In­zwi­schen ist der Sohn er­wach­sen und selbst zwei­fa­cher Va­ter. Prinz Os­car ist erst vor ein paar Wo­chen ge­bo­ren, doch die vier­jäh­ri­ge Prin­zes­sin Estel­le hö­re be­geis­tert zu, wenn er vor­le­se, sagt Da­ni­el. „Noch mehr Spaß hat sie aber, wenn sie ein neu­es Wort be­merkt, fragt, was es be­deu­tet und es dann selbst ver­wen­det.“

„Ein­mal pro Mo­nat gab’s frü­her ein Buch“

Ob­wohl er Prinz ist, muss Da­ni­el auch ar­bei­ten. Er lei­tet ei­ne Stif­tung oder reist viel durch Schwe­den und den Rest Eu­ro­pas, um das Kö­nigs­haus zu ver­tre­ten. „Ich ver­ste­he, dass sich El­tern die Zeit zum Vor­le­sen manch­mal rich­tig neh­men müs­sen. Vor­le­sen ist nicht selbst­ver­ständ­lich, aber wich­tig. Kin­der grei­fen nur dann selbst zu Bü­chern, wenn ih­re El­tern le­sen.“Leo­nie und Mer­le im Pu­bli­kum ni­cken. „Als ich Le­sen ge­lernt ha­be, schenk­te mir mei­ne Ma­ma ein Buch, das sie als Kind sehr moch­te“, er­zählt Leo­nie. „auch ein Schwe­di­sches, aber na­tür­lich in deut­scher Über­set­zung: Ron­ja Räu­ber­toch­ter von As­trid Lind­gren.“Schwe­dens be­kann­tes­te Kin­der­buch­au­to­rin ist in der Aus­stel­lung aber nicht ver­tre­ten. Es geht nur um ak­tu­el­le Au­to­ren.

Foto: Bern­hard Lu­de­wig/Schwe­di­sche Bot­schaft

Prinz Da­ni­el aus Schwe­den (rechts) be­such­te die Aus­stel­lung über schwe­di­sche Kin­der­li­te­ra­tur in der Schwe­di­schen Bot­schaft in Berlin. Er sagt: Vor­le­sen ist nicht selbst­ver­ständ­lich, aber wich­tig. Kin­der grei­fen nur dann selbst zu Bü­chern, wenn ih­re El­tern le­sen.“

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