Frau am Steu­er

Statt „toll­küh­ner Män­ner“len­ken in­zwi­schen im­mer mehr weib­li­che Pi­lo­ten gro­ße Jets

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Christian Eb­ner

Bei Andrea Am­ber­ge hat ei­ne Platz­run­de in ei­nem klei­nen Sport­flie­ger über der Lü­ne­bur­ger Hei­de die Lei­den­schaft ge­weckt. „Als wir wie­der am Bo­den wa­ren, wuss­te ich, dass ich ge­nau das ma­chen woll­te“, er­zählt die Luft­han­sa-Ka­pi­tä­nin, die heu­te re­gel­mä­ßig ei­ne Air­bus-Ma­schi­ne vom Typ A340 mit 300 Men­schen an Bord über die Ozea­ne fliegt. Die 54-Jäh­ri­ge ge­hört zu den ers­ten Frau­en, die in den Cock­pits der Kra­nich-Air­line Platz neh­men konn­ten. Sie muss­te Wi­der­stän­de bei den Kol­le­gen wie auch im fa­mi­liä­ren Um­feld über­win­den. Im April 1986, als die Luft­han­sa erst­mals jun­ge Frau­en an ih­rer Flie­ger­schu­le auf­nahm, wur­de die­ser Schritt als über­fäl­lig emp­fun­den. Die Flug­ge­sell­schaft ge­hör­te vor 30 Jah­ren kei­nes­wegs zu den Pio­nie­ren der Gleich­be­rech­ti­gung über den Wol­ken. So ist vom ehe­ma­li­gen Chef­pi­lo­ten Wer­ner Ut­ter fol­gen­des Zitat über­lie­fert: „Eher wird ei­ne Frau Bo­xwelt­meis­ter im Schwer­ge­wicht als Ka­pi­tän bei der Luft­han­sa.“Am­ber­ge hat es aus ei­ge­ner Kraft ge­schafft, wie sie stolz er­zählt –ih­re Fa­mi­lie sei gar nicht be­geis­tert von ih­ren flie­ge­ri­schen Am­bi­tio­nen ge­we­sen. Mit Ne­ben­jobs fi­nan­zier­te sie dem­nach ih­re Pi­lo­ten­schei­ne auf ei­ge­ne Faust, um schließ­lich als Quer­ein­stei­ge­rin bei der Luft­han­sa zu lan­den. Di­rek­te Dis­kri­mi­nie­rung ha­be sie nie er­lebt, be­rich­tet die ver­hei­ra­te­te Flie­ge­rin, die heu­te im Tau­nus bei Frank­furt lebt. Nur ei­ne Sa­che, die vie­le Frau­en aus ih­rem Be­rufs­le­ben ken­nen: „Ka­pi­tä­ne wie Prü­fer ha­ben im­mer be­son­ders ge­nau hin­ge­schaut, ob ich das auch rich­tig ma­che. Ich dach­te dann im­mer, ich bin wohl nur Durch­schnitt, was na­tür­lich nicht stimm­te.“Nach An­ga­ben der 1978 ge­grün­de­ten in­ter­na­tio­na­len Pi­lo­tin­nen­ge­sell­schaft ISA+21 stell­te die US-Ge­sell­schaft Cen­tral Air­lines 1934 He­len Ri­chey als ers­te Pi­lo­tin ein. Sie gab al­ler­dings ih­ren Job be­reits zehn Mo­na­te spä­ter wie­der auf, nach­dem ihr die Pi­lo­ten­ge­werk­schaft die Auf­nah­me ver­wei­gert hat­te. 1947 nahm sich die völ­lig ver­arm­te Ex-Pi­lo­tin das Le­ben. Erst spä­ter wur­den US-Ge­sell­schaf­ten wie Del­ta doch noch zu Vor­rei­tern. Die ers­ten weib­li­chen „First Of­fi­cer“(CoPi­lo­ten) der Luft­han­sa wol­len nicht mehr öf­fent­lich über ih­ren Be­rufs­start spre­chen. „Ich se­he mich nicht als Vor­kämp­fe­rin, ich lie­be ein­fach mei­nen Be­ruf“, er­klärt Flug­ka­pi­tä­nin Evi Hetz­mann­s­eder im We­bauf­tritt ih­res Un­ter­neh­mens. Zeit­gleich mit Ni­co­la Li­sy hat­te sie nach der Aus­bil­dung im Au­gust 1988 ih­ren Cock­pit-Job in Frank­furt an­ge­tre­ten. „Ich ha­be ei­gent­lich kaum ge­gen Vor­ur­tei­le kämp­fen müs­sen“, sagt ei­ne ak­tu­el­le Flug­schü­le­rin, die wie die meis­ten ih­rer Vor­gän­ge­rin­nen die Ver­kehrs­flie­ger­schu­le der Luft­han­sa in Bre­men und Pho­enix durch­lau­fen hat. Sie fin­det die Zu­sam­men­ar­beit mit Män­nern ei­gent­lich et­was ein­fa­cher, „we­gen der di­rek­ten und nicht ganz so emo­tio­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­on“. Wenn sie aber mal Kol­le­gin­nen im Cock­pit tref­fe, ge­nie­ße sie das auch sehr. „Die Ge­sprä­che sind ein biss­chen per­sön­li­cher.“Welt­weit fin­den im­mer mehr Frau­en ih­ren be­ruf­li­chen Weg in die Cock­pits der Pas­sa­gier­jets. Die Pi­lo­tin­nen­ge­sell­schaft ISA+21 schätzt ih­re Zahl auf rund 4 000 – was aber im­mer noch nur rund drei Pro­zent sämt­li­cher Ver­kehrspi­lo­ten welt­weit sind. Selbst bei der ara­bi­schen Emi­ra­tes ar­bei­ten Frau­en in­zwi­schen ganz vor­ne in den Flug­zeu­gen. Der Luft­han­sa-Kon­zern kommt mit gut 530 Pi­lo­tin­nen ak­tu­ell auf ei­nen Frau­en­an­teil von sechs Pro­zent im Cock­pit, wo­bei die Re­gio­nal­toch­ter Ci­ty­line mit ih­ren klei­ne­ren Ma­schi­nen mit 13 Pro­zent den höchs­ten An­teil aus­weist. Der Frau­en­an­teil könn­te ei­gent­lich noch stei­gen, aber zu­min­dest für die Kon­zern­ge­sell­schaf­ten Luft­han­sa und Ger­m­anwings gibt es seit 2014 ei­nen Pi­lo­ten-Ein­stel­lungs­stopp, weil sich Un­ter­neh­men und Pi­lo­ten­ge­werk­schaft nicht auf ei­nen neu­en Ta­rif­ver­trag ei­ni­gen kön­nen. Un­ter den rund 850 fast fer­tig aus­ge­bil­de­ten Nach­wuchs­kräf­ten ist et­wa je­de Zehn­te weib­lich. Ein ganz an­de­res Bild er­gibt sich in der Ka­bi­ne, wo die Frau­en im klas­si­schen Flug­be­glei­ter-Be­ruf im­mer noch vier von fünf Be­schäf­tig­ten stel­len.

Kei­nes­wegs ein Ar­beits­platz, der nur Män­nern vor­be­hal­ten ist: Luft­han­sa-Pi­lo­tin Andrea Am­ber­ge sitzt am Flug­ha­fen in Frank­furt am Main im Cock­pit ei­nes Air­bus A340. Foto: avs

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