Milch­manns Zu­kunft

5 000 Män­ner und Frau­en hal­ten die bri­ti­sche Tra­di­ti­on hoch: „Das Ge­heim­nis ist Pünkt­lich­keit“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN -

Er ge­hört zum Kli­schee von En­g­land wie die ro­ten Brief­käs­ten: der Milch­mann. Noch An­fang der 80er Jah­re wur­den neun von zehn in Groß­bri­tan­ni­en ver­kauf­ten Milch­fla­schen im Mor­gen­grau­en an die Haus­tür ge­lie­fert. Heu­te sind es nur knapp drei Pro­zent der Milch, die auf die­sem Weg zu den Kun­den ge­lan­gen. Doch et­wa 5000 Milch­män­ner und -frau­en hal­ten die bri­ti­sche Tra­di­ti­on hoch. Der 57-jäh­ri­ge Neil Gar­ner ist ei­ner von ih­nen. Seit 1994 be­lädt er mit­ten in der Nacht sei­nen of­fe­nen Lie­fer­wa­gen, um dann um zwei Uhr mor­gens mit sei­ner Tour durch St Alb­ans nörd­lich von London zu be­gin­nen. „Heu­te be­lie­ferst du nicht mehr so vie­le Häu­ser in ei­ner Stra­ße“, sagt er. Trotz­dem macht er sich kei­ne Sor­gen um sei­ne Bran­che: „Die Zu­kunft ist ro­sig“, meint Gar­ner, der 2015 zum Milch­mann des Jah­res ge­wählt wur­de. Sein Ge­schäft läuft gut, weil er längst nicht mehr nur Milch in den ty­pi­schen Halb­li­ter­fla­schen im An­ge­bot hat. Brot, But­ter, Eier, Speck und Mar­me­la­de stellt er recht­zei­tig zum Früh­stück vor die Tür. Wer möch­te, kann bei Gar­ner on­li­ne so­gar Kat­zen­fut­ter oder Toi­let­ten­pa­pier bestellen. „Das In­ter­net hat uns ei­nen gro­ßen Auf­schwung be­schert“, freut sich Gar­ner. Abends te­le­fo­nisch oder per In­ter­net be­stellt, am frü­hen Mor­gen ge­lie­fert – für die­sen Ser­vice sind die Kun­den be­reit, mehr zu zah­len. Ein hal­ber Li­ter Milch kos­tet im Su­per­markt et­wa 50 Pence (65 Cent), beim Milch­mann sind es 81 Pence. So­gar spon­ta­ne Um­be­stel­lun­gen bei der Lie­fe­rung sind mög­lich. „Heu­te kei­ne Milch“steht auf ei­nem Zet­tel, den Gar­ner vor ei­ner Haus­tür fin­det. Lei­se rollt der elek­tri­sche Lie­fer­wa­gen durch die dunk­len Stra­ßen. „Das ist die bes­te Zeit des Tages: Die Luft ist frisch und sau­ber und es gibt kei­nen Ver­kehr“, sagt Gar­ner. „Egal ob Schnee, Glät­te oder Hoch­was­ser – in 22 Jah­ren bin ich kei­nen Tag we­gen des Wet­ters aus­ge­fal­len.“Sei­ne Rou­te führt ihn über schma­le

Mor­gens um 2 Uhr be­ginnt die Tour Die Kun­den zah­len ein paar Pence mehr

Feld­we­ge, vor­bei an Land­häu­sern und zu gro­ßen Wohn­blocks. Auch ei­ne Gar­ten­lau­be und Schu­len be­lie­fert der Milch­mann. „Das Ge­heim­nis ist Pünkt­lich­keit“, ver­rät er. „Die Leu­te ha­ben es eben gern, wenn die Milch je­den Mor­gen zur glei­chen Zeit da ist.“„Ei­ne Mi­nu­te zu früh heu­te“, ruft ihm ein Fahr­rad­fah­rer ent­ge­gen, dem Gar­ner Mor­gen für Mor­gen be­geg­net. „Der Milch­mann ge­nießt Re­spekt, die Leu­te se­hen dich wie ei­nen Freund“, sagt Gar­ner. „Äl­te­re freu­en sich über ei­nen Plausch und für sie wechs­le ich auch mal ei­ne Glüh­bir­ne aus.“Um halb acht Uhr ist die letz­te Milch­fla­sche aus­ge­lie­fert. Durch den mor­gend­li­chen Be­rufs­ver­kehr fährt Gar­ner zu­rück zum La­ger. „Milch­män­ner sind Teil un­se­rer Tra­di­ti­on“, sagt er. „Und die wol­len die Men­schen nicht ver­lie­ren.“Ro­bin Mil­lard

Egal, ob ein schö­ner Früh­lings­tag be­vor­steht, es reg­net oder schneit: Im Mor­gen­grau­en lie­fert Neil Gar­ner in London die Milch an sei­ne Kun­den. Foto: AFP

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