Staats­gren­ze in der Gast­stu­be

Die ru­hi­gen Sei­ten­tä­ler des Wipp­tals

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Ni­ko­laus Sie­ber

Ei­ne be­zau­bernd schö­ne Ge­birgs­land­schaft um­gibt das Wipp­tal. Wer nun meint, die­sen Na­men noch nie ge­hört zu ha­ben, kennt das Tal wahr­schein­lich doch. Es liegt näm­lich auf dem Weg nach Sü­den über den Bren­ner: zwi­schen der Ti­ro­ler Lan­des­haupt­stadt Inns­bruck und der Fran­zens­fes­te in Süd­ti­rol, je­ner be­ein­dru­cken­den Fe­s­tung, die ih­ren Da­seins­zweck nie er­füllt hat. Es war nicht im­mer so, dass im Wipp­tal ei­ne Staats­gren­ze ver­lief. Erst durch das Frie­dens­ab­kom­men von 1919, das den Ers­ten Welt­krieg be­sie­gel­te, än­der­te sich dies; Ita­li­en be­kam mit Süd­ti­rol und Tren­ti­no sei­ne ver­spro­che­ne „Kriegs­beu­te“. Im un­te­ren Wipp­tal er­hebt sich im­po­sant die Eu­ro­pa­brü­cke über al­le Ab­grün­de. Sie über­spannt die al­te Bren­ner­stra­ße, die Glei­se der Bren­ner­bahn und die Sill im Tal­grund. „Das Wipp­tal ist das Tal der Kon­tras­te“sagt Hel­ga Beer­meis­ter vom Tou­ris­mus­ver­band. „Das Haupt­tal war schon im­mer vom Ver­kehr ge­prägt, und die Sei­ten­tä­ler, al­le mit wun­der­schö­ner Na­tur- und Kul­tur­land­schaft, bie­ten vie­le Aus­gangs­punk­te für tol­le Wan­der-und Berg­tou­ren.“

Ge­birgs­or­te mit Cha­rak­ter

Er­staun­lich ru­hig, weil ab­ge­schie­den und fern von jeg­li­chem Ver­kehr ge­le­gen, prä­sen­tie­ren sich die Sei­ten­tä­ler. Der Na­tur­schutz sorgt für Nach­hal­tig­keit. Wan­dern und Berg­stei­gen lie­gen hier sprich­wört­lich vor der Haus­tür. Die Wan­der­schu­he schnü­ren, den Ruck­sack schul­tern und los geht’s! Durch das ro­man­ti­sche Venn­tal er­reicht man nach ei­nem drei­stün­di­gen Auf­stieg die Lands­hu­ter Hüt­te. Fan­tas­tisch plat­ziert in gran­dio­ser Ge­birgs­land­schaft, um­ge­ben von Drei­tau­sen­dern. Durch die spä­te­re Neu­zie­hung der Staats­gren­zen ver­lief die Gren­ze plötz­lich mit­ten durch die Gast­stu­be; zwei Grenz­stei­ne be­le­gen die da­mals neu­ge­schaf­fe­nen Tat­sa­chen. Nach den bei­den Krie­gen lag die Hüt­te je­weils für meh­re­re Jah­re brach. „Das hat wild ausg’schaut“er­in­nert sich Hüt­ten­wirt Hel­mut Holzer an das Jahr 1971, als er die Hüt­te über­nahm. „Ei­ne Rui­ne mit feuch­ten und ein­ge­stürz­ten Räu­men, St­a­chel­draht lag da… Der ita­lie­ni­sche Teil war noch vom Mi­li­tär be­setzt.“Erst nach Klä­rung der Be­sitz­ver­hält­nis­se und auf­wän­di­ger Re­no­vie­rung be­kam die Hüt­te im Jahr 1988 die Be­zeich­nung „Eu­ro­pahüt­te“als Sym­bol der Ge­mein­schaft der drei Län­der Deutsch­land, Ös­ter­reich und Ita­li­en. Der nächst­ge­le­ge­ne Nach­bar­gip­fel ist der Kra­xen­tra­ger, ein ver­kapp­ter Drei­tau­sen­der. Nur ein ein­zi­ger Hö­hen­me­ter fehlt ihm zur ma­gi­schen Mar­ke. Fällt ge­fühls­mä­ßig aber gar nicht auf. Sei­ne Be­stei­gung von der Hüt­te aus ist nicht zeit­auf­wen­dig, und ist man am Gip­fel­kreuz an­ge­kom­men, so ist man be­rauscht von den vie­len Berg­spit­zen und der Welt der noch exis­tie­ren­den Glet­scher. „St. Jo­dok, Schmirn- und Val­s­tal sind der Initia­ti­ve Berg­stei­ger­dör­fer bei­ge­tre­ten, ei­ner Platt­form, die ge­nau sol­che Re­gio­nen un­ter­stützt und stärkt. Na­tur­schutz­ge­biet und Hüt­ten sind vor­han­den“er­klärt Hel­ga Beer­meis­ter. Als Ge­birgs­or­te mit au­then­ti­schem Cha­rak­ter er­blü­hen sie im har­mo­nisch-fried­li­chen Rund­her­um auf der West­sei­te der Zil­ler­ta­ler und Tu­xer Al­pen. Im Tal­schluss des na­tur­ge­schütz­ten Val­ser­tals star­tet ei­ne wei­te­re Hüt­ten­wan­de­rung. Ober­halb der Tou­ris­ten­rast – ein Na­me, der auf der Zun­ge zer­geht und dem Sinn ge­recht wird, weil hier vie­le Ta­ges­aus­flüg­ler ein­keh­ren – schlän­gelt sich in zahl­rei­chen Ser­pen­ti­nen ein Steig hoch. Ein stän­di­ger Blick­fang ist der Ol­pe­rer mit sei­nen Fels- und Eis­wän­den, ist er doch mit sei­nen fast drei­ein­halb­tau­send Me­tern der höchs­te und auf­fäl­ligs­te Gip­fel im Tu­xer Kamm. In sei­nem Schat­ten liegt die Ge­ra­er Hüt­te, die seit En­de des Zwei­ten Welt­kriegs der Lands­hu­ter DAV-Sek­ti­on ge­hört. Ar­thur Lantha­ler, eben­falls ein Süd­ti­ro­ler, ma­nagt sie und steht selbst in der Küche. „Bei uns auf der Hüt­te ist der Son­nen­un­ter­gang so schön. Mit ei­nem Weit­blick nach Wes­ten über die Stu­bai­er Al­pen hin­weg“meint er. Die Hüt­te hat­te im ver­gan­ge­nen Jahr selbst Grund zum Fei­ern: den 120. Ge­burts­tag. Durch das Re­vier der Mur­mel­tie­re, von den Ein­hei­mi­schen „Mur­me­le“ge­nannt, er­reicht man auf dem Wipp­ta­ler Hö­hen­weg das nächs­te Berg­stei­ger­dorf, Schmirrn­tal. Es ist ge­nau­so still und na­tur­be­las­sen wie das Val­ser­tal. Ta­l­aus­wärts, wo bei­de Tä­ler sich ver­ei­nen, liegt St. Jo­dok. Cha­rak­te­ris­tisch für den Ort ist die 150 Jah­re al­te Bren­ner­bahn, die hier, um den Hö­hen­aus­gleich zum Pass zu meis­tern, in ei­ner gro­ßen Schlei­fe und ei­nem lan­gen Kehr­tun­nel das Dorf um­fährt und an Hö­he ge­winnt. Wer mit ihr fährt, reist ru­hig und ent­spannt zu­gleich – durch schö­ne Land­schaft der Sill ent­lang, dem rei­ßen­den Ge­birgs­bach.

Gast­freund­li­ches Re­fu­gi­um: Hin­ter der Ge­ra­er Hüt­te er­hebt sich die im­po­san­te Berg­ku­lis­se des Ol­pe­rers, der höchs­te Gip­fel des Tu­xer Al­pen­kamms. Foto: Sie­ber

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