Kers­tin En­sin­ger: Psy­cho­lo­gin im Na­tio­nal­park

Was macht ei­ne Psy­cho­lo­gin im Na­tio­nal­park Schwarz­wald?

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Patricia Klatt

Ei­ne Psy­cho­lo­gin im Na­tio­nal­park Schwarz­wald, das ist auf den ers­ten Blick eher un­ge­wöhn­lich. Wer braucht dort oben psy­cho­lo­gi­sche Be­treu­ung – und war­um? Oder geht es vi­el­leicht doch um et­was völ­lig an­de­res? „Die­se Fra­ge wird mir tat­säch­lich oft ge­stellt“, schmun­zelt die Psy­cho­lo­gin Kers­tin En­sin­ger, die im so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­be­reich des Na­tio­nal­parks Schwarz­walds tä­tig ist. Seit 2014 be­schäf­tigt sich En­sin­ger mit der gro­ßen Fra­ge­stel­lung „Mensch und Na­tur“und sie ist be­geis­tert da­von. „Die­ser Fach­be­reich ist tat­säch­lich et­was ganz Be­son­de­res“, sagt Kers­tin En­sin­ger, „und das ganz­heit­li­che Ver­ständ­nis, mit dem man hier die So­zi­alund die Na­tur­wis­sen­schaf­ten ver­knüpft, ist ein­ma­lig“. Für die Psy­cho­lo­gin steht der Mensch im Mit­tel­punkt. In der Um­welt­psy­cho­lo­gie geht man un­ter an­de­rem der Fra­ge nach, wie sich die Men­schen in der Na­tur ver­hal­ten. Wie er­le­ben die Men­schen den Na­tio­nal­park, wie er­le­ben und re­agie­ren sie auf die Wild­nis, war­um kom­men sie hier­her? Das sei ein sehr emo­tio­nal be­setz­tes The­ma, meint Kers­tin En­sin­ger. Kind­heits­er­leb­nis­se sei­en ele­men­tar für das Na­tur­ver­ständ­nis und das sei auch ei­ner der Grün­de ge­we­sen, dass es mit der Ak­zep­tanz des Na­tio­nal­parks bei den Leu­ten vor Ort nicht so ein­fach ge­we­sen ist. „Da geht es um ei­ne Wer­te­dis­kus­si­on – was ver­ste­he ich un­ter Hei­mat, wie ha­be ich den Wald er­lebt? Er war Er­näh­rungs­grund­la­ge, wur­de be­wirt­schaf­tet und jetzt soll hier ein­fach Wild­nis ent­ste­hen, das steht den in der Kind­heit ge­präg­ten Wer­ten ent­ge­gen“, er­klärt Kers­tin En­sin­ger. Wild­nis sei et­was, was uns al­len viel ab­ver­langt, sagt sie. Man stei­ge da­bei aus dem Ge­wohn­ten aus, oh­ne zu wis­sen, was man da­für be­kommt – zu­mal sich die Wild­nis hier zu­nächst im Klei­nen ab­spie­le, sagt die Psy­cho­lo­gin. Aber der Aspekt der Ak­zep­tanz ist nur ei­ner von vie­len Punk­ten im so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Ar­beits­be­reich. Wer schon im Na­tio­nal­park ge­we­sen ist, kennt an­de­re For­schungs­fel­der der Wis­sen­schaft­ler wahr­schein­lich aus ei­ge­ner Er­fah­rung: Die Na­tur hat ei­ne po­si­ti­ve Wir­kung auf uns, sie tut gut, wir sind ent­spann­ter. Der Wald ist wich­tig für die Ge­sund­heit und Er­ho­lung der Men­schen, Blut­druck und Puls sin­ken, die Kon­zen­tra­ti­on ver­bes­sert sich ge­nau­so wie die Stim­mung. Seit Jahr­zehn­ten wer­den die­se wohl­tu­en­den Ef­fek­te der Na­tur von Um­welt­psy­cho­lo­gen un­ter­sucht – die All­tags-Fer­ne spielt für die Er­ho­lung eben­so ei­ne Rol­le wie Ge­räu­sche, Far­ben oder Düf­te. Am wich­tigs­ten scheint je­doch das „Land­schafts­kri­te­ri­um“zu sein: Wir er­ho­len uns am bes­ten, wenn die Land­schaft uns fas­zi­niert, durch ei­nen Son­nen­un­ter­gang, ei­ne Blu­men- wie­se oder ei­ne Baum­grup­pe – selbst To­t­holz kann be­geis­tern. Nach Er­kennt­nis­sen der Um­welt­psy­cho­lo­gie ist ein Auf­ent­halt in der Na­tur am bes­ten ge­eig­net, um uns vom er­mü­den­den All­tag zu er­ho­len. Wald­be­su­cher brau­chen da­für kei­ne auf­wän­di­gen Events – sie sind mög­li­cher­wei­se so­gar mit ei­ner Bank zu­frie­den, von der aus sie be­ob­ach­ten und „in sich ver­sin­ken“kön­nen. „Im Wald be­tritt man qua­si ei­nen an­de­ren Raum“, er­läu­tert Kers­tin En­sin­ger: „Im Som­mer wird die Hit­ze ge­dämpft, im Win­ter hat man schein­bar end­lo­se Schnee­fel­der vor sich. Man ist al­lei­ne un­ter­wegs oder auch in Grup­pen, mit de­nen man das glei­che er­lebt, zum Bei­spiel bei ge­führ­ten Tou­ren. Die Hek­tik un­se­res All­tags bleibt aus­ge­sperrt, schon al­lei­ne da­durch, dass man im Na­tio­nal­park oft gar kei­nen Han­dy­emp­fang hat – man ist eben ein­fach nicht ver­füg­bar“. Durch Be­fra­gun­gen und Un­ter­su­chun­gen wird die­ses sub­jek­ti­ve Emp­fin­den der Ein­zel­nen von der Psy­cho­lo­gin wei­ter er­fasst. Bei ei­ner Be­su­cher­zäh­lung, die im Na­tio­nal­park im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber durch­ge­führt wur­de, wur­de nicht nur ge­zählt, son­dern es gab eben­falls vie­le di­rek­te Ge­sprä­che mit den Leu­ten, auch dar­über, wie sie den Na­tio­nal­park, „die Wild­nis“, emp­fin­den. In ei­ner wei­te­ren Stu­die will Kers­tin En­sin­ger der Fra­ge nach­ge­hen, wel­chen Ein­fluss die Gr­in­den, der Bann­wald, die Wild­nis oder auch ein­fach freie Flä­chen auf das kör­per­li­che Wohl­emp­fin­den der Leu­te ha­ben. „Da­für wird dann bei­spiels­wei­se mit Hil­fe ei­nes Arm­ban­des die Haut­leit­fä­hig­keit ge­mes­sen oder es wer­den kur­ze Fra­gen zu be­ant­wor­ten sein. Wir möch­ten da­durch se­hen, wie stark man das sub­jek­ti­ve Emp­fin­den tat­säch­lich mes­sen kann“, er­läu­tert Kers­tin En­sin­ger.

„Und wie emp­fin­den Sie das . . . ?“. Kers­tin En­sin­ger ist pro­mo­vier­te Psy­cho­lo­gin und ar­bei­tet im so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­be­reich des Na­tio­nal­parks. Fo­tos: DPL(un­ten)/avs

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