Tanz überm Feu­er

So ent­stand die Vor­stel­lung von den „bö­sen He­xen“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonn­tags­kin­der - Tan­ja Ka­sisch­ke

Die klei­ne He­xe im Buch von Ot­fried Preuß­ler ist mit 127 Jah­ren noch zu jung, um bei der Wal­pur­gis­nacht mit­zu­fei­ern. Sie geht trotz­dem hin, heim­lich. Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai heißt Wal­pur­gis­nacht. Sie eig­net sich zum aus­gie­bi­gen Fei­ern, weil man am 1. Mai we­gen des Fei­er­tags im­mer frei hat. Nicht nur heu­te, wenn er auf ei­nen Sonn­tag fällt. Die Wal­pur­gis­nacht gilt als Früh­lings­fest. Und als Nacht der He­xen. In der Däm­me­rung flie­gen sie auf ih­ren Be­sen zum Blocks­berg und tan­zen dort überm Feu­er. Blocks­berg, so hieß frü­her der Bro­cken im Mit­tel­ge­bir­ge Harz, das sich die Bun­des­län­der Nie­der­sach­sen, Sach­sen-An­halt und Thü­rin­gen tei­len. Der Bro­cken liegt in Sach­senAn­halt. Er ist 1 141 Me­ter hoch und da­für be­kannt, dass auf dem Gip­fel an 300 Ta­gen des Jah­res Ne­bel herrscht. Das schafft ei­ne ge­spens­ti­sche At­mo­sphä­re, per­fekt ge­eig­net für He­xen­feu­er, He­xen­tän­ze und He­xen­ge­schich­ten. Im Harz ver­klei­den sich je­des Jahr an Wal­pur­gis vie­le Men­schen als He­xen, Fe­en und Zau­be­rer. Längst sind die Mär­chen­we­sen nicht mehr nur bö­se. Bi­bi Blocks­berg, He­xe Lil­li oder Har­ry Pot­ters Freun­din Her­mi­ne Gran­ger sind Bei­spie­le freund­li­cher He­xen. Wo­her Bi­bi Blocks­berg ih­ren Fa­mi­li­en­na­men hat, ist klar: vom Bro­cken. Ei­ne He­xen­freun­din wie Bi­bi hät­te sich trotz­dem lan­ge Zeit nie­mand ge­wünscht. Einst wa­ren He­xen ge­fürch­tet. Im Mit­tel­al­ter re­agier­ten die Men­schen aber­gläu­bisch. Sie fürch­te­ten sich vor dem Un­be­kann­ten. Ih­re größ­te Angst galt dem Tod und dass da­nach mit der ei­ge­nen See­le Schlim­mes pas­sier­te. Das Ge­gen­teil konn­te nie­mand be­wei­sen und mit Geis­tern spre­chen. Oder doch? Wenn je­mand be­haup­te­te, er stün­de mit über­sinn­li­chen We­sen in Kon­takt, schür­te das die Angst der Men­schen noch mehr. Es mach­te sie aber auch neu­gie­rig. Über­sinn­li­chen Fä­hig­kei­ten wur­den be­son­ders Frau­en zu­ge­schrie­ben, die als Hei­le­rin­nen leb­ten. Ih­nen ge­lang es, Men­schen von Krank­hei­ten zu be­frei­en. Statt zu ster­ben, wur­den sie wie­der ge­sund. Oh­ne dass der Arzt kom­men muss­te. Das ist kein Mär­chen. Sol­che Frau­en gab es tat­säch­lich. Sie hat­ten sich ihr Wis­sen aber nicht durch Zau­ber­sprü­che an­ge­eig­net, son­dern weil sie die Kran­ken lan­ge pfleg­ten und da­bei genau be­ob­ach­te­ten. Bis sie wuss­ten, wel­che Krank­heit sie hat­ten. Und wie sie hel­fen konn­ten. Sie kann­ten sich gut aus mit Pflan­zen und Heil­kräu­tern. Sie ver­wen­de­ten Sal­ben als Me­di­zin, die sie selbst her­stell­ten. Kran­ke, die kein Geld für ei­nen Arzt hat­ten – im Mit­tel­al­ter gab es kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung – such­ten Hil­fe bei den wei­sen Frau­en. Die Hei­le­rin­nen un­ter­stütz­ten auch Frau­en bei der Ge­burt ei­nes Kin­des. So wie heu­te die Heb­am­men hel­fen. Das ging ei­ne Wei­le gut. Men­schen, die wie­der ge­sund wur­den oder ge­sun­de Kin­der be­kom­men hat­ten, freu­ten sich der­ma­ßen dar­über, dass sie an­de­ren be­geis­tert vom Be­hand­lungs­er­folg der Hei­le­rin­nen er­zähl­ten. Mög­li­cher­wei­se kam ih­nen da­bei das Wort „Ma­gie“über die Lip­pen. Weil sie sich die Hei­lung oder die Wir­kung der Me­di­zin nicht er­klä­ren konn­ten. Sie woll­ten den wei­sen Frau­en nicht scha­den. Trotz­dem er­wies sich die Mund­pro­pa­gan­da als schlecht. Denn so ent­stand die Vor­stel­lung der bö­sen He­xen. Die ka­tho­li­sche Kir­che fand, die Hei­le­rin­nen ver­hiel­ten sich hoch­nä­sig und gott­los. Nicht Men­schen soll­ten über Le­ben und Tod ent­schei­den, son­dern Gott. Die Me­tho­den der Frau­en wur­den schlecht­ge­re­det. So­lan­ge, bis die Men­schen miss­trau­isch wur­den und die „He­xen“ver­rie­ten. Sie wur­den ge­fan­gen ge­nom­men und auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt. Das be­deu­tet, man band sie le­ben­dig auf ei­nem gro­ßen Sta­pel Holz fest und zün­de­te ihn an. Da­ran er­in­nern heut­zu­ta­ge die Feu­er, die in der Wal­pur­gis­nacht lo­dern. Wal­pur­gis nann­te die Kir­che die Nacht des 30. April. So heißt die ka­tho­li­sche Schutz­hei­li­ge ge­gen bö­se Geis­ter. Be­vor das Chris­ten­tum Ein­fluss auf das Da­tum nahm, war die Wal­pur­gis­nacht ein kel­ti­sches Früh­lings­fest. Es rich­te­te sich nach dem ers­ten Voll­mond im Früh­ling. Im Mär­chen sind He­xen al­te Frau­en mit Kopf­tuch, fal­ti­gem Ge­sicht und ei­ner War­ze auf der Na­se. Tat­säch­lich wur­den im Mit­tel­al­ter auch jun­ge Frau­en und so­gar ei­ni­ge Män­ner als He­xen, He­xer oder de­ren Hel­fer ver­folgt. Ver­däch­tig war, wer fluch­te oder droh­te. Auch ro­te Haa­re, wie sie He­xe Lil­li hat, gal­ten als Hin­weis auf teuf­li­schen Ein­fluss. Ur­sprüng­lich be­deu­te­te das Wort He­xe ei­ne Per­son, die al­lei­ne im Wald leb­te. Das eng­li­sche Wort für He­xe, witch, lei­tet sich ab von „wic­ce“(Wis­sen). Vor 250 Jah­ren war Schluss mit He­xen­pro­zes­sen. Seit­dem ge­winnt das Gu­te.

Vor ei­nem La­ger­feu­er tanzt in der Wal­pur­gis­nacht ei­ne He­xe im Ort Schier­ke im Harz. Im­mer in der Nacht auf den 1. Mai gibt es in vie­len Or­ten rund um den Bro­cken öf­fent­li­che Fei­ern mit He­xen und Teu­feln. Fo­to: avs

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.