Ma­gie der Mo­der­ne

Wer­ke von Gior­gio de Chi­ri­co in der Staats­ga­le­rie Stutt­gart

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausfluge - Mt

Mit Gior­gio de Chi­ri­co (1888 bis 1978) und sei­ner Be­deu­tung für die Kunst der Eu­ro­päi­schen Avant­gar­de be­schäf­tigt sich die Staats­ga­le­rie Stutt­gart in ei­ner Gro­ßen Son­der­aus­stel­lung. An­hand von rund 100 Ge­mäl­den, Zeich­nun­gen und Druck­gra­fi­ken, un­ter an­de­rem aus dem Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art und dem MoMA in New York, dem Mu­sée na­tio­nal d’art mo­der­ne in Pa­ris und der Gal­le­ria na­zio­na­le d’ar­te mo­der­na in Rom lädt die Schau da­zu ein, ei­nem wich­ti­gen Wen­de­punkt in der Kunst des 20. Jahr­hun­derts nach­zu­spü­ren. Der 1888 in Grie­chen­land ge­bo­re­ne Ita­lie­ner Gior­gio de Chi­ri­co üb­te ei­nen rich­tungs­wei­sen­den Ein­fluss auf sei­ne Zeit­ge­nos­sen und die nach­fol­gen­den Künst­ler­ge­ne­ra­tio­nen in Eu­ro­pa aus. In sei­ner Ma­le­rei ent­wi­ckel­te er in den 1910er Jah­ren ei­ne hoch­kom­ple­xe Bild­spra­che, de­ren vor­der­grün­di­ge Ge­gen­ständ­lich­keit

Ei­ne mys­te­riö­se Welt vol­ler An­spie­lun­gen

sich bei nä­he­rer Be­trach­tung in ei­ne mys­te­riö­se Welt vol­ler Sym­bo­le und An­spie­lun­gen auf­löst. Die seit 1909 ent­ste­hen­de Me­ta­phy­si­sche Ma­le­rei fand ih­ren kon­zep­tio­nel­len Hö­he­punkt im ober­ita­lie­ni­schen Fer­ra­ra, wo de Chi­ri­co ab Mit­te 1915 bis En­de 1918 sei­nen Mi­li­tär­dienst ab­leis­te­te. Als ei­nes der we­ni­gen Mu­se­en in Deutsch­land be­sitzt die Staats­ga­le­rie Stutt­gart mit „Me­ta­phy­si­sches In­te­ri­eur mit gro­ßer Fa­b­rik“ein Meis­ter­werk de Chi­ri­cos aus die­ser für die Kunst­ge­schich­te so frucht­ba­ren Pe­ri­ode in Fer­ra­ra. Jetzt, 100 Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung, bil­det es den Aus­gangs­punkt für die­se gro­ße Son­der­aus­stel­lung. „Be­reits 1970 ge­lang es der Staats­ga­le­rie Stutt­gart, ein be­mer­kens­wer­tes Ge­mäl­de von Gior­gio de Chi­ri­co an­zu­kau­fen“, sagt Chris­tia­ne Lan­ge, die Di­rek­to­rin der Staats­ga­le­rie Stutt­gart. Die Aus­stel­lung sol­le sei­ne Ma­le­rei der ,pit­tu­ra me­ta­fi­si­ca‘ und be­son­ders sei­nen Ein­fluss auf die künst­le­ri­sche Avant­bis­he­ri­ge gar­de sei­ner Zeit ei­nem brei­ten Pu­bli­kum in Deutsch­land nä­her brin­gen. In der Stutt­gar­ter Aus­stel­lung tref­fen in Fer­ra­ra ent­stan­de­ne Schlüs­sel­wer­ke von Gior­gio de Chi­ri­co und Car­lo Car­rà auf Ge­mäl­de und Zeich­nun­gen von Künst­lern des Da­da­is­mus, Sur­rea­lis­mus und der Neu­en Sach­lich­keit. So of­fen­bart sich die un­mit­tel­bar nach ih­rer Ent­ste­hung ein­set­zen­de in­ter­na­tio­na­le Re­zep­ti­on. Die Bild­spra­che der „pit­tu­ra me­ta­fi­si­ca“wur­de in zahl­rei­chen Wer­ken von Re­né Mag­rit­te, Sal­va­dor Dalí, Max Ernst oder George Grosz auf­ge­grif­fen. Sie ha­ben Mo­ti­ve wie den „ma­nichi­no“und das „Bild im Bild“in ih­ren Wer­ken mo­di­fi­ziert. Zwi­schen Gior­gio de Chi­ri­co und Car­lo Car­rà kam es 1917 zu ei­ner en­gen künst­le­ri­schen Zu­sam­men­ar­beit wäh­rend ih­rer ge­mein­sa­men Zeit in ei­nem psych­ia­tri­schen Mi­li­tär­kran­ken­haus un­weit von Fer­ra­ra. Der Fu­tu­rist Car­rà nahm Ein­flüs­se aus de Chi­ri­cos Werk auf und ent­wi­ckelt ei­ge­ne me­ta­phy­si­sche Kom­po­si­tio­nen. Die 1918 ge­grün­de­ten Zeit­schrift „Va­lo­ri Plas­ti­ci“trug stark zur Ver­brei­tung der Me­ta­phy­si­schen Ma­le­rei bei. Als ei­ner der ers­ten Künst­ler setz­te sich der in Bo­lo­gna le­ben­de Gior­gio Moran­di mit der „pit­tu­ra me­ta­fi­si­ca“aus­ein­an­der und über­nahm – frei­lich nur für kur­ze Zeit – de­ren um­riss­ori­en­tier­te Mal­wei­se. In Deutsch­land grif­fen Künst­ler wie Max Ernst oder Kurt Schwit­ters die Bild­spra­che der neu­en ita­lie­ni­schen Ma­le­rei in ih­ren Wer­ken auf. George Grosz et­wa ad­ap­tier­te in sei­nen um 1920 ent­stan­de­nen Bil­dern das Mo­tiv der ge­sichts­lo­sen Glie­der­pup­pe, die stell­ver­tre­tend für den nach Ori­en­tie­rung su­chen­den Men­schen der Nach­kriegs­zeit steht. Deut­lich ist bei ihm so wie bei an­de­ren Künst­lern der Neu­en Sach­lich­keit der so­zi­al­kri­ti­sche An­satz zu spü­ren. Mit dem The­ma der „Welt als Büh­ne“schließt die Aus­stel­lung ab und prä­sen­tiert mit „Hek­tor und An­dro­ma­che“(1917) ein High­light aus ei­ner ita­lie­ni­schen Pri­vat­samm­lung, das nur sel­ten aus­ge­stellt ist. Gior­gio de Chi­ri­co zi­tier­te in sei­nem Bild das be­rühm­te Lie­bes­paar der grie­chi­schen My­tho­lo­gie im Mo­ment des Ab­schieds. Die­se Sze­ne ver­band er mit ta­ges­ak­tu­el­len Er­eig­nis­sen wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges. So ver­knüpf­te de Chi­ri­co im­mer wie­der my­tho­lo­gi­sche The­men mit sei­ner ei­ge­nen Bio­gra­fie und der un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­wart.

Auch deut­sche Künst­ler grif­fen Bild­spra­che auf

„Die be­un­ru­hi­gen­den Mu­sen“heißt die­ses Ge­mäl­de von Gior­gio de Chi­ri­co aus dem Jahr 1918. Das Werk aus ei­ner Pri­vat­samm­lung ist in der Staats­ga­le­rie Stutt­gart zu se­hen. Fo­to: © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das Bild „Me­ta­phy­si­sche In­te­ri­eur mit gro­ßer Fa­b­rik“mal­te Gior­gio de Chi­ri­co, im Jahr 1916. Fo­to: Staats­ga­le­rie Stutt­gart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

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