Die Kraft der Mu­sik

Ye­hu­di Men­u­hins Idee wirkt am Ober­rhein wei­ter

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Fo­to: Des­haCAM - fo­to­lia.com/Montage: SO

Wenn in Kli­ni­ken, Se­nio­ren­hei­men oder im Ge­fäng­nis un­ge­wohn­te Tö­ne er­klin­gen, ruft das bis­wei­len über­ra­schen­de Re­ak­tio­nen her­vor

Wer ein­mal er­lebt hat, wie fer­ne dump­fe Bli­cke De­menz­er­krank­ter sich lö­sen und wie­der le­ben­dig wer­den, Pa­ti­en­ten ih­ren Schmerz ver­ges­sen und sich von der Mu­sik da­von­tra­gen las­sen, be­hin­der­te Kin­der vier Clowns be­geis­tert emp­fan­gen und zu ih­ren Po­sau­nen­klän­gen tan­zen – der ist be­geis­tert“, sagt Ali­ce Dodd, die Vor­sit­zen­de des Ver­eins Ye­hu­di Men­u­hin Live Mu­sic Now Ober­rhein (LMN). Ein­fach in ein Kon­zert zu ge­hen, wenn man Lust auf Live-Mu­sik hat – das kann nicht je­der. Men­schen in Kran­ken­häu­sern, Al­ten­hei­men, Be­hin­der­ten­zen­tren, psych­ia­tri­schen Ein­rich­tun­gen, Ge­fäng­nis­sen, Ho­s­pi­zen oder auch Brenn­punkt­schu­len bleibt die­se Mög­lich­keit oft ver­wehrt. „Die Welt durch Mu­sik ver­bes­sern“woll­te der Vio­lin­vir­tuo­se Ye­hu­di Men­u­hin, der vor 100 Jah­ren in den USA ge­bo­ren wur­de und 1999 in Ber­lin starb. Oft stif­te­te der Mann, den die Queen in den Adels­stand er­hob, die Ein­nah­men sei­ner Kon­zer­te für so­zia­le Zwe­cke, er grün­de­te Schu­len und Stif­tun­gen zur ganz­heit­li­chen För­de­rung des Nach­wuch­ses. Zu­dem dach­te sich der Jahr­hun­dert-Gei­ger das Li­veMu­sic-Now-Pro­jekt aus, das seit 2000 auch im Raum Karls­ru­he und Ba­den-Ba­den prak­ti­ziert wird: Jun­ge Mu­si­ker spie­len live in so­zia­len und me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen. „Ziel un­se­res Pro­jek­tes ist es, ins­be­son­de­re Men­schen in schwie­ri­gen Le­bens­pha­sen mit Live-Mu­sik ei­ne Freu­de zu ma­chen, Trost zu spen­den, Er­in­ne­run­gen wach­zu­ru­fen, Ab­wechs­lung und An­re­gung zu brin­gen, Per­spek­ti­ven auf­zu­zei­gen“, er­läu­tert Ali­ce Dodd. Über tau­send kos­ten­lo­se Auf­trit­te ha­ben die ak­tu­ell 55 Mu­si­ker in Karls­ru­he und Um­ge­bung schon ab­sol­viert. Ihr Weg führ­te sie in Klein­grup­pen un­ter an­de­rem ins Städ­ti­sche Kli­ni­kum, in die psy­cho­so­zia­le Be­ra­tungs­stel­le für Krebs­kran­ke so­wie in Se­nio­renSeit hei­me. Aus­ge­wählt wer­den die jun­gen Mu­si­ker bei ei­nem Cas­ting von Pro­fes­so­ren der Mu­sik­hoch­schu­le Karls­ru­he; sie er­hal­ten ein aus Spen­den­gel­dern fi­nan­zier­tes Sti­pen­di­um. Be­wer­ben kön­nen sich Stu­die­ren­de bis zum Al­ter von 28 Jah­ren, im Be­reich Ge­sang bis zum Al­ter von 30. „Das Pro­jekt soll jun­gen be­son­ders be­gab­ten Künst­lern, die am An­fang ih­rer Kar­rie­re ste­hen, Auf­tritts­mög­lich­kei­ten bie­ten, um Kon­zert­er­fah­run­gen zu sam­meln und sie da­mit mu­si­ka­lisch und auch mensch­lich för­dern“, sagt Ali­ce Dodd. sechs Jah­ren ist die 23-jäh­ri­ge Fa­ri­da Rusta­mo­va bei Live Mu­sic Now Ober­rhein da­bei. Sie stu­diert Vio­li­ne im Mas­ter an der Mu­sik­hoch­schu­le Karls­ru­he. Zu se­hen, wie sehr sich die Zu­hö­rer freu­en, sei für sie et­was ganz Be­son­de­res und ih­re größ­te Mo­ti­va­ti­on. Das­sel­be mo­ti­viert Va­nes­sa Beck. Die 24-jäh­ri­ge Sän­ge­rin stu­diert Schul­mu­sik in Karls­ru­he und tritt ge­mein­sam mit ei­nem Pia­nis­ten auf. „Ein­mal klatsch­te und be­weg­te sich ein Kind im Roll­stuhl zur Mu­sik so be­geis­tert mit, dass die Be­treu­er auf­pas­sen muss­ten, dass er nicht um­fällt“, er­in­nert sich Va­nes­sa Beck schmun­zelnd. In ei­nem Al­ten­zen­trum spiel­te sich ei­ne an­de­re Sze­ne ab, die die Sän­ge­rin so schnell nicht ver­ges­sen wird: „Ein Ehe­paar hat sich wäh­rend ei­nes Lie­bes­lie­des von Beet­ho­ven – ,Ich lie­be dich, so wie du mich‘ – an­ge­schaut, sich mit Trä­nen in den Au­gen ge­küsst und an den Hän­den ge­hal­ten.“Auch Ti­mo Gerst­ner – er ist Teil des Schlag­in­stru­men­te-Du­os „Bea­tBop“, ehe­ma­li­ger Schul­mu­sik-Stu­dent und Re­fe­ren­dar an ei­nem Gym­na­si­um in Bruch­sal – hat sei­nem Mit­wir­ken bei Live Mu­sic Now ei­ne ganz be­son­de­re Er­in­ne­rung zu ver­dan­ken. „Bei ei­nem Kon­zert im Mar­tins­haus in Berg­hau­sen, ei­ner Ein­rich­tung für er­wach­se­ne Men­schen mit geis­ti­ger Be­hin­de­rung, sind die Kon­zert­be­su­cher kol­lek­tiv auf­ge­stan­den und ha­ben ge­tanzt. Das war sehr über­ra­schend, aber auch sehr schön“, er­zählt der Mu­si­ker. Sei­ne größ­te Mo­ti­va­ti­on sei es je­doch, re­gel­mä­ßig Auf­trit­te zu ha­ben und rou­ti­nier­ter auf der Büh­ne zu wer­den, sagt Ti­mo Gerst­ner: „Es kommt nicht sel­ten vor, dass je­mand wäh­rend des Kon­zer­tes bei­spiels­wei­se laut zu spre­chen be­ginnt. Mit den Er­fah­run­gen, die man bei LMN sam­melt, bringt ei­nen so schnell nichts mehr aus dem Kon­zept.“

„Mu­sik heilt, Mu­sik trös­tet, Mu­sik bringt Freu­de”: Ge­treu dem Mot­to des Grün­ders von Live Mu­sic Now, Ye­hu­di Men­u­hin, spie­len be­gab­te jun­ge Künst­ler für Men­schen, die nicht ein­fach ein Kon­zert be­su­chen kön­nen. Seit dem Jahr 2000 gibt es das Pro­jekt auch am Ober­rhein. Fo­to: raum­kon­takt.de

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