Mit Fai­b­le für die 1920er Jah­re

Zwei Frau­en, zwei We­ge, zwei Per­sön­lich­kei­ten – und ganz un­ter­schied­li­che Hut­krea­tio­nen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Su­san­ne Forst

Zwei We­ge, zwei Per­sön­lich­kei­ten: Sa­bi­ne Stasch und Eve Gher­son ma­chen Hü­te. Gher­son Head­pie­ces, „Teil­chen“für den Kopf, Sa­bi­ne Stasch, vor­zugs­wei­se die Kap­pe oder den aus Haar­filz ge­zo­ge­nen Hut. Bei­de ar­bei­ten im ei­ge­nen Ate­lier. Stasch in Han­no­ver, Gher­son in Straß­burg. Bei­de ha­ben ein Fai­b­le für die 1920er Jah­re, das sich al­ler­dings je­weils völ­lig an­ders in den Kopf­be­de­ckun­gen aus­drückt. „Ich bin durch Zu­fall zum Hut ge­kom­men“, er­zählt Eve Gher­son. Sie hat ei­nen Näh­kurs ge­macht und am En­de, eher ne­ben­bei, ei­ne Kap­pe ge­näht. „Wenn ich die heu­te se­he . . .“, sagt die Fran­zö­sin la­chend. Ih­re Freun­din­nen fan­den ih­re Krea­ti­on cool. Gher­son mach­te wei­ter, such­te hier und da nach Stoff­res­ten, Bän­dern und Knöp­fen, durch­stö­ber­te das Haus ih­rer El­tern bei Pa­ris nach Brauch­ba­rem und zau­ber­te aus dem Ma­te­ri­al Kap­pen, Hü­te und Müt­zen. „Das lief al­les so ne­ben­her“, sagt Eve Gher­son, ne­ben ih­rer Ar­beit als Leh­re­rin. Sa­bi­ne Stasch streicht über ei­nen „Haar­filz“. Sie schätzt die un­ter­schied­li­chen Qua­li­tä­ten von Wol­le, Ka­nin­chen- oder Bi­ber­haar, den Griff, ein Schim­mern, das per­fek­te Spiel von Far­be und Form. Und na­tür­lich muss die Funk­ti­on stim­men, be­tont die viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Hut­ma­che­rin: „Die Kun­din soll sich schön an­ge­zo­gen füh­len, aber trotz­dem war­me Oh­ren ha­ben, ei­ne tro­cke­ne Fri­sur be­hal­ten oder vor der Son­ne ge­schützt sein.“Über das Tex­til­de­sign fand die Wahl-Han­no­ve­ra­ne­rin zum Hut. Für ihr Stu­di­um muss­te sie ein Prak­ti­kum vor­wei­sen. Stasch ent­schied sich für Mo­dis­tin. Sie war so be­geis­tert vom hand­werk­li­chen und krea­ti­ven Ar­bei­ten, dass sie, noch vor dem Stu­di­um, das Prak­ti­kum zur Leh­re aus­dehn­te. Nach dem Tex­til­de­si­gnStu­di­um ar­bei­te­te Stasch in der In­dus­trie, auch in­ter­na­tio­nal – und kehr­te zum Hand­werk zu­rück: „Ich hat­te Be­rufs­er­fah­rung, ich kann­te die Ab­läu­fe und hat­te Lust mich selbst­stän­dig zu ma­chen. Und ich woll­te mit Kind nicht Voll­zeit, mit oft mehr als 40 St­un­den in der Wo­che, ar­bei­ten.“Ei­ne Aus­zeit nach der Ge­burt ih­res zwei­ten Kin­des brach­te für Eve Gher­son die Wen­de. „Der Un­ter­richt in der Schu­le war kör­per­lich sehr an­stren­gend und Kräf­te zeh­rend. Ich ha­be über­legt, was ich an­de­res ma­chen könn­te“, er­zählt Eve Gher­son. Den Aus­schlag gab schließ­lich der Zu­spruch, den ih­re ers­ten „im­pro­vi­sier­ten“Kopf­be­de­ckun­gen im Be­kann­ten­kreis fan­den. Für die Fran­zö­sin kam ei­ne zwei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung in Pa­ris nicht in Fra­ge – nicht mit Fa­mi­lie. Eve Gher­son nutz­te das Kurs­sys­tem. „Und ich hat­te Glück mit dem TGV, den schnel­len Zug­ver­bin­dun­gen.“In Cha­zel­les­sur-Lyon hat sie sich ihr Rüst­zeug ge­holt. Im Hut-Mu­se­um und Aus­bil­dungs­zen­trum in der Nä­he von Lyon un­ter­rich­tet Clau­die Lin­chet, die un­ter an­de­rem mit dem Lu­xus­schnei­der und De­sign­star Je­an Paul Gaul­tier zu­sam­men ar­bei­tet. „Clau­die Lin­chet ist un­ge­heu­er prä­zi­se. Die Kur­se sind hart, in­ten­siv, kei­ne Se­kun­de wird ver­schwen­det. Es ist un­glaub­lich, was man dort lernt,“schwärmt Eve Gher­son. Hut-Mo­de mit stän­di­gem Wech­sel? „Als Tex­til­de­si­gne­rin ha­be ich den Schwer­punkt be­wusst an­ders ge­legt“, sagt Sa­bi­ne Stasch. Sie hat die Kun­din oder den Kun­den im Blick – den Typ, die Per­sön­lich­keit, nicht sich über­schla­gen­de Trends. Die Mo­dis­tin greift oft auf klas­si­sche For­men zu­rück und über­setzt sie ins Hier und Heu­te. „Ich ver­knüp­fe Sch­lich­tes und Un­der­state­ment und ich schaf­fe ei­nen klei­nen Bruch, ei­nen Hin­gu­cker“, er­zählt Sa­bi­ne Stasch. Vor al­lem steht „Qua­li­tät.“Sa­bi­ne Stasch be­dampft ei­nen Hut­filz, zieht und formt. Al­les muss schnell ge­hen. Nur feucht und heiß lässt sich der Filz gut be­ar­bei­ten. „Man braucht Kraft und Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Das Ma­te­ri­al soll ja nicht rei­ßen. Au­ßer­dem muss man Hit­ze gut ver­tra­gen“, sagt die Ex­per­tin. Fin­ger­fer­tig­keit und Sinn für Pro­por­tio­nen sind eben­falls ge­fragt. Über Kopf­be­de­ckun­gen und Ac­ces­soires hin­aus ex­pe­ri­men­tiert die Mo­dis­tin mit Ma­te­ri­al und Form. Sie ent­wi­ckelt Ohr­ge­hän­ge, Scha­len und fei­ne, klei­ne Be­hält­nis­se. In Süd­ko­rea hat Stasch Deutsch­land bei der Craft Bi­en­na­le mit ih­ren Krea­tio­nen ver­tre­ten. „Mein Lieb­lings­ma­te­ri­al ist Ba­na­nen­fa­ser“, er­zählt Eve Gher­son. Sie greift ins Re­gal. „Das ist Si­sal, das Ba­na­nen­fa­ser“, sagt die Spe­zia­lis­tin und hält ei­nen Hut und ein Band hoch. Bei­de ha­ben ei­nen spe­zi­el­len Glanz. „Si­sal ist fes­ter, stei­fer. Er er­gibt glat­te, pla­ne Ober­flä­chen. Mit Ba­na­nen­fa­ser kann ich

Far­be, Form und Funk­ti­on Lieb­lings­ma­te­ri­al Ba­na­nen­fa­ser

völ­lig an­ders um­ge­hen, sie ist ge­schmei­di­ger und lässt sich qua­si wie ein Plis­sée in Fal­ten le­gen“, sagt Gher­son. Die Straß­bur­ger Mo­dis­tin liebt He­ad­bands, Bän­der und den Reif. „Mein Fai­b­le für die 1920/1930er Jah­re hat nichts mit Re­tro- oder rei­ner Ver­gan­gen­heits­lie­be zu tun“, sagt sie. Für mich muss der Hut auf den Kopf und zum Typ pas­sen.“Gher­sons Spe­zia­li­tät ist der An­lass­hut – für ein Fest, für die Hoch­zeit. Sie blät­tert in ih­rer Map­pe mit Fo­tos ih­rer Uni­ka­te: die ge­schwun­ge­ne küh­ne Li­nie, die klei­ne Box, der ke­cke, der opu­len­te Hut, das Hoch­zeits­mo­dell aus fri­schen Blü­ten. Gher­son fragt die Kun­din was sie trägt. Am bes­ten bringt sie das Out­fit, ein Stück Stoff oder ein Fo­to mit. Oft hat die Kun­din ei­ne be­stimm­te Vor­stel­lung. „Dar­aus ent­wi­cke­le ich dann“. Far­be oder Farb­nu­an­ce, aber auch die Form oder Gar­ni­tur wei­chen durch­aus von den ur­sprüng­li­chen Wün­schen der Trä­ge­rin ab. „Die Be­ra­tung, das macht, ne­ben dem Hand­werk, mei­ne Ar­beit aus – al­les pas­send zum Typ.“

„Teil­chen für den Kopf“kre­iert Eve Gher­son – ih­re Spe­zia­li­tät sind An­lass­hü­te, et­wa für ein gro­ßes Fest oder ei­ne Hoch­zeit. Das kann ein ver­spiel­tes Hüt­chen mit Netz sein . . .

Mo­del­le von Sa­bi­ne Stasch: Der ro­sa Hut eig­net sich präch­tig für den ele­gan­ten Auf­tritt . . .

. . . oder ein Mo­dell aus ro­sa Band, das durch Per­len noch ein biss­chen fest­li­cher wirkt.

. . . wäh­rend die­ses smar­te Mo­dell das Au­ge vor der Son­ne schützt. Fo­tos (2): © Sa­bi­ne Stasch

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.