Re­for­ma­ti­on und Hei­rats­po­li­tik

Thü­rin­ger Lan­des­aus­stel­lung über die Er­nes­ti­ner: Wie ei­ne Dy­nas­tie Eu­ro­pa ge­prägt hat

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausfluge - Avs

Do­ku­men­te und In­si­gni­en fürst­li­cher Macht, Ge­mäl­de, Schloss­mo­del­le und Ku­rio­si­tä­ten aus den Kunst­kam­mern: In der Thü­rin­ger Lan­des­aus­stel­lung „Die Er­nes­ti­ner. Ei­ne Dy­nas­tie prägt Eu­ro­pa“soll das heu­te kaum be­kann­te Adels­ge­schlecht aus dem Hau­se Wet­tin vor­ge­stellt wer­den. In den ehe­ma­li­gen Re­si­denz­städ­ten Wei­mar und Go­tha ver­deut­li­chen bis zum 28. Au­gust 600 Ex­po­na­te – dar­un­ter Leih­ga­ben aus Ma­drid und Stock­holm – Macht und Glanz der Er­nes­ti­ner. Als Schutz­her­ren von Mar­tin Lu­ther, glü­hen­de Ver­fech­ter der Re­for­ma­ti­on und durch klu­ge Hei­rats­stra­te­gie lenk­ten sie bis zum En­de der Mon­ar­chie 1918 die Ge­schi­cke Eu­ro­pas mit. „Es gab kei­ne Dy­nas­tie für das wer­den­de Lu­ther­tum, die so ent­schei­dend war wie die­se“, sagt der Ge­ne­ral­di­rek­tor der Mu­se­en der Klas­sik Stif­tung, Wolf­gang Hol­ler. Die Schau stimmt auf das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017 ein. Dann wird auf der Wart­burg bei Ei­se­nach die Aus­stel­lung „Lu­ther und die Deut­schen“ge­zeigt. An vier ori­gi­na­len Or­ten – zwei Stadt­schlös­sern und zwei Kunst­mu­se­en – la­den jetzt die Klas­sik Stif­tung Wei­mar und die Stif­tung Schloss Frie­den­stein Go­tha nun zur Zei­t­rei­se durch mehr als vier Jahr­hun­der­te ein. Wei­mar kon­zen­triert sich da­bei auf die The­men Reich, Glau­be und die För­de­rung der Wis­sen­schaft. Go­tha legt den Fo­kus auf die ge­mein­sa­me Po­li­tik der in klei­ne Her­zog­tü­mer auf­ge­teil­ten Herr­scher­fa­mi­lie, die För­de­rung der Küns­te und die Hei­rats­po­li­tik, mit der die Er­nes­ti­ner ver­lo­re­nes po­li­ti­sches Ter­rain zeit­wei­se zu­rück­er­obern konn­ten. Bis heu­te gibt es Nach­fah­ren des Adels­hau­ses – et­wa in Kö­nigs­häu­sern in Schwe­den, Bel­gi­en oder Nor­we­gen. Auch bei den Wind­sors in En­g­land gab es Män­ner aus Thü­rin­gen. Kö­ni­gin Vik­to­ria und Prinz Al­bert sind das wohl be­kann­tes­te Paar. Die ver­wandt­schaft­li­chen Ver­bin­dun­gen quer durch Eu­ro­pa ha­ben je­doch nicht den Ers­ten Welt­krieg ver­hin­dern kön­nen. 1917 leg­te das eng­li­sche Kö­nigs­haus den Na­men Sach­senCo­burg-Go­tha ab und nennt sich seit­dem Wind­sor. Da­zu ha­be auch ein in Go­tha pro­du­zier­tes Flug­zeug bei­ge­tra­gen, das bei sei­nen Flü­gen En­g­land bom­bar­dier­te, sag­te die Wei­ma­rer Wis­sen­schaft­le­rin Ka­rin Kolb. Die Er­nes­ti­ner-Schau ist die ers­te gro­ße Aus­stel­lung, die sich knapp ein­hun­dert Jah­re nach dem En­de der Mon­ar­chie mit der be­deu­ten­den Thü­rin­ger Adels­fa­mi­lie be­schäf­tigt. Die­se führ­te un­ter an­de­rem nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg im Got­hai­schen Teil die Schul­pflicht für Mäd­chen und Jun­gen ein. Die Aus­stel­lung er­zählt in 20 Epi­so­den vom Wer­den der Er­nes­ti­ner – und von ih­rem Macht­ver­lust.

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