Rio stand noch gar nicht auf dem Plan

Rin­ge­rin Lui­sa Nie­mesch bei Olym­pia

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Ha­rald Lin­der

Platz zwei beim Welt­cup in Ulan Ba­tor reich­te

Wenn Frank Hein­zel­be­cker über Lui­sa Nie­mesch spricht, ge­rät der an­sons­ten so prag­ma­tisch wir­ken­de Chef­trai­ner des Rin­ger-Bun­des­li­gis­ten SV Ger­ma­nia Wein­gar­ten re­gel­recht ins Schwär­men. Nicht nur we­gen der Leis­tun­gen auf der Rin­ger­mat­te, die der 20-Jäh­ri­gen jetzt beim Welt­cup in der mon­go­li­schen Haupt­stadt Ulan Ba­tor das Ti­cket für die Olym­pi­schen Spie­le in Rio ein­ge­bracht ha­ben. „Wie sie Sport und Stu­di­um un­ter ei­nen Hut bringt, ist schon groß­ar­tig. Und wenn man sieht, wie akri­bisch sie trai­niert, um im­mer bes­ser zu wer­den, ist es ei­ne Freu­de, solch ei­ne Ath­le­tin in sei­nem Ver­ein zu ha­ben. Da­bei ist sie noch längst nicht am En­de ih­rer Ent­wick­lung“, ist Hein­zel­be­cker da­von über­zeugt, dass Rio für das Wein­gar­te­ner „Ei­gen­ge­wächs“nur ein ers­ter Hö­he­punkt ih­rer Rin­ger­lauf­bahn ist, die im Al­ter von sie­ben Jah­ren be­gann. Da hat sie ihr Bru­der mal in die Wein­gar­te­ner Rin­ger­hal­le mit­ge­nom­men, die un­weit ih­res El­tern­hau­ses steht und die klei­ne Lui­sa fand Spaß da­ran, auf den Mat­ten rum­zu­bal­gen, auch wenn ih­re El­tern der neu­en Sport­art ih­rer Toch­ter zu Be­ginn nicht all­zu­viel ab­ge­win­nen konn­ten. „Sie woll­ten ei­gent­lich eher, dass ich beim Tur­nen blei­be, was ich zu die­ser Zeit ge­macht hat­te, aber dann lie­ßen sie mich doch zum Rin­gen ge­hen“, er­in­nert sie sich heu­te an die An­fän­ge ih­rer Kar­rie­re und an den Spaß, den sie da­bei hat­te. Ein Spaß, der auch heu­te noch da ist, auch „weil Rin­gen so un­glaub­lich viel­sei­tig ist. Tech­nik, Kraft, Be­weg­lich­keit und Re­ak­ti­ons­schnel­lig­keit, all das macht Rin­gen für mich so at­trak­tiv“, meint die zwei­fa­che Vi­ze­welt­meis­te­rin im Ju­nio­ren­be­reich und am­tie­ren­de deut­sche Meis­te­rin in der Klas­se bis 58 Ki­lo­gramm. In die­ser Ge­wichts­klas­se wird sie auch bei den Olym­pi­schen Spie­len in Rio an den Start ge­hen, ob­wohl „sie in un­se­ren Pla­nun­gen ei­gent­lich erst für die Spie­le 2020 in To­kio vor­ge­se­hen war“, schmun­zelt Frank Hein­zel­be­cker, der es im­mer noch nicht rich­tig glau­ben kann, „dass seit 1912, als zwei Wein­gar­te­ner Rin­ger bei den Olym­pi­schen Spie­len in Stock­holm da­bei wa­ren, wie­der je­mand aus Wein­gar­ten bei ei­ner Olym­pia­de star­tet“. Da­bei sah es im Halb­fi­nal­kampf in Ulan Ba­tor zu­nächst nicht da­nach aus, als könn­te Nie­mesch die­ses Ziel er­rei­chen. 0:4 lag sie ge­gen die Rus­sin Na­ta­lia Golts schon zu­rück, dreh­te den Kampf aber in den Schluss­mi­nu­ten noch und ge­wann ihn am En­de mit 5:4. „Ich wuss­te, dass sie zum En­de mü­de wird und ich mei­ne Chan­ce be­kom­men wür­de. So kam es auch und ich ha­be sie ge­nutzt“, sagt sie und hat­te durch den Fi­nal­ein­zug das Olym­pia­ti­cket in der Ta­sche. Im Fi­na­le ge­gen Li­set­te Cas­til­lo aus Ecua­dor war es dann al­ler­dings vor­bei mit dem Sie­ges­zug der „Ger­ma­nin“– sie ver­lor mit 1:4. „Ich ha­be ei­ni­ge Zeit ge­braucht, das zu rea­li­sie­ren, ob­wohl ich na­tür­lich schon mit dem Ziel in den Wett­kampf ge­gan­gen bin, die Qua­li­fi­ka­ti­on für Rio zu schaf­fen. Aber dann war es doch sehr über­ra­schend, zu wis­sen, dass ich tat­säch­lich da­bei bin“, ist sie im­mer noch ein biss­chen über­wäl­tigt von der Tat­sa­che, im Au­gust in der 10 000 Zu­schau­er fas­sen­den „Ca­rio­ca Are­na 2“-Are­na im „Bar­ra Sport Park“um olym­pi­sche Me­dail­len zu kämp­fen. Dort traut ihr Frank Hein­zel­be­cker ei­ne Men­ge zu, „denn sie hat über­haupt kei­nen Druck. Den ha­ben die Fa­vo­ri­tin­nen und Lui­sa kann ganz lo­cker auf die Mat­te ge­hen, zu­mal al­lein schon die Teil­nah­me an den Spie­len ein Rie­sen­er­folg ist, den man nicht hoch ge­nug be­wer­ten kann“, freut er sich für sei­ne Vor­zei­ge­ath­le­tin. Die BWL-Stu­den­tin, für die es wich­tig ist, ne­ben dem Sport, der zur­zeit zwar im Mit­tel­punkt steht, auch ihr Stu­di­um zu ab­sol­vie­ren, „weil dies für mich sonst un­be­frie­di­gend wä­re“, sieht das ähn­lich: „Ich freue mich, da­bei zu sein und fah­re ganz lo­cker nach Rio, wo ich na­tür­lich al­les tun wer­de, um Er­folg zu ha­ben. Zu was es dann reicht, wird sich zei­gen“, sieht Lui­sa Nie­mesch ih­ren ers­ten Olym­pi­schen Spie­len mit viel Freu­de ent­ge­gen.

Fo­to: GES/Gil­li­ar

Über Ulan Ba­tor nach Rio de Janei­ro – das Wein­gar­te­ner „Ei­gen­ge­wächs“Lui­sa Nie­mesch si­cher­te sich beim Welt­cup in der mon­go­li­schen Haupt­stadt das Ti­cket für ih­re ers­ten Olym­pi­schen Spie­le – da­bei war der ers­te Olym­pia­start der 20-jäh­ri­gen BWL-Stu­den­tin ei­gent­lich erst in vier Jah­ren in To­kio ein­ge­plant, sagt Ger­ma­nia-Coach Frank Hein­zel­be­cker.

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