„Zu viel Ma­the“

Es gibt vie­le (gu­te) Grün­de, ein Stu­di­um ab­zu­bre­chen und um­zu­sat­teln

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Me­la­nie Nees

Mei­ner Mei­nung nach ist ein Ab­bruch – so­fern er früh ge­nug er­folgt – ab­so­lut kein Feh­ler. Im Ge­gen­teil: ich ha­be Er­fah­run­gen ge­sam­melt und mich selbst bes­ser ken­nen­ge­lernt“, be­rich­tet Han­na Fi­scher (Na­me ge­än­dert). Sie brach di­rekt im ers­ten Se­mes­ter ihr In­for­ma­tik­stu­di­um am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) ab und wech­sel­te in den Stu­di­en­gang Ar­chi­tek­tur. Sie ha­be in­ner­halb kür­zes­ter Zeit ge­merkt, dass In­for­ma­tik nicht das Rich­ti­ge für sie sei, so die Stu­den­tin. „Ich ha­be zu un­über­legt und ei­lig ge­han­delt, als ich mich ein­ge­schrie­ben ha­be, war mit mir selbst ein­fach noch nicht im Rei­nen“, meint sie. Die Ent­schei­dung, in den Stu­di­en­gang Ar­chi­tek­tur zu wech­seln, sei da­ge­gen wohl­über­legt ge­we­sen. Dass ih­re Freun­de sehr ver­ständ­nis­voll re­agier­ten, ih­re El­tern da­ge­gen we­ni­ger, ist der Stu­den­tin nicht so wich­tig. „Ich ha­be ich es für mich ge­tan, nicht für an­de­re. Ich bin nur heil­froh, dass ich jetzt et­was an­de­res stu­die­re“, re­sü­miert Fi­scher. Stu­die­ren­de der Hoch­schu­len in Karls­ru­he und Pforz­heim, die mit dem Ge­dan­ken spie­len, ihr Stu­di­um ab­zu­bre­chen, kön­nen sich un­ter an­de­rem an die Psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­tungs­stel­le für Stu­die­ren­de (PBS) des Stu­die­ren­den­werks Karls­ru­he wen­den. Dort dreht sich et­wa je­des zehn­te Erst­ge­spräch um die­ses The­ma. Häu­fi­ge Grün­de da­für, dass Karls­ru­her und Pforz­hei­mer Stu­die­ren­de über­le­gen, ihr Stu­di­um hin­zu­schmei­ßen, sind laut Psy­cho­lo­gin Sa­bi­ne Kös­ter, Lei­te­rin der PBS, „dass die Mo­ti­va­ti­on von vor­ne­her­ein auf wa­cke­li­gen Bei­nen stand, sie sich zu we­nig über die In­hal­te und An­for­de­run­gen in­for­miert ha­ben oder zu viel Ma­the vor­kommt“. Au­ßer­dem hat Kös­ter den Ein­druck, dass vie­le jun­ge Er­wach­se­ne zu viel Wert dar­auf le­gen, wie gut die Ge­halts­aus­sich­ten sind, ob die Uni in der Nä­he ist und was die Freun­de ma­chen. Zu ei­nem ähn­li­chen Schluss kommt Oli­ver Bro­schart, Stu­di­en­be­ra­ter an der Karls­ru­her Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft. „Die Stu­di­en­wahl ist mit ei­nem enor­men ge­sell­schaft­li­chen Druck ver­bun­den. Die Be­deu­tung von Selbst­ver­wirk­li­chung nimmt im­mer mehr ab. Es geht nur um schnel­ler, hö­her, wei­ter“, be­klagt Bro­schart. Ein wei­te­res Pro­blem aus sei­ner Sicht: „Das Stu­di­um wird un­ter­schätzt. Ein Stu­dent hat mal tref­fend ge­sagt: ,Ei­gent­lich muss man für Prü­fung so viel tun, wie für das gan­ze Abitur – und man hat et­wa sechs Prü­fun­gen in­ner­halb von drei Wo­chen’“, be­rich­tet der Stu­di­en­be­ra­ter. Vie­le Be­ra­tungs­ge­sprä­che zum The­ma Stu­di­en­ab­bruch sei­en mit Trä­nen ver­bun­den. „Sich ein­zu­ge­ste­hen, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann, ist ein schwe­rer Schritt. Oft ist das für die jun­gen Er­wach­se­nen das ers­te Mal, dass sie so rich­tig auf die Na­se fal­len“, meint Bro­schart. Es sei je­doch häu­fig ei­ne Er­leich­te­rung, noch ein­mal neu an­fan­gen zu kön­nen, so der Ein­druck des Stu­di­en­be­ra­ters. Bleibt noch die Fra­ge: Wie geht es wei­ter? „Die Mehr­heit möch­te wei­ter­stu­die­ren“, be­rich­tet Bro­schart. Oft blei­ben die Ab­bre­cher laut dem Stu­di­en­be­ra­ter im glei­chen oder zu­min­dest in ei­nem ähn­li­chen Fach­be­reich. „Man­che ent­schei­den sich für ein ganz an­de­ei­ne res Stu­di­en­fach, man­che wech­seln le­dig­lich von ei­ner Uni an ei­ne Hoch­schu­le, weil dort un­ter an­de­rem der Pra­xis­be­zug hö­her ist. Auch Wech­sel in ei­ne Aus­bil­dung kom­men vor“, lau­tet die Ein­schät­zung von Psy­cho­lo­gin Sa­bi­ne Kös­ter. Ei­ne Über­sicht zu An­ge­bo­ten und Pro­jek­ten für (po­ten­zi­el­le) Stu­di­en­ab­bre­cher gibt es un­ter www.sle.kit.edu/ im­stu­di­um/stu­di­en­ab­bre­cher.php

Selbst ei­ne sorg­fäl­ti­ge Vor­be­rei­tung auf die Stu­di­en­wahl kann nicht ver­hin­dern, dass das ge­wähl­te Stu­di­en­fach doch nicht den Er­war­tun­gen ent­spricht oder sich schwie­rig ge­stal­tet. Et­li­che Stu­den­ten (hier ein Blick in ei­nen Hör­saal des KIT) bre­chen ihr Stu­di­um des­halb ab und wäh­len ei­nen an­de­ren Weg. Fo­to: KIT

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