Auf die Laus ge­kom­men

Eber­hard Mey vom Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­um Ru­dol­stadt in Thü­rin­gen sam­melt Winz­lin­ge

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausfluge - Andre­as Hum­mel

Wenn Eber­hard Mey von Rei­sen heim­kommt, hat er oft Tier­chen im Ge­päck, die bei an­de­ren Men­schen schon beim Ge­dan­ken Juck­reiz aus­lö­sen. In ei­nem Schrank hat sie der Kustos (so nennt man ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Be­treu­er) des Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­ums Ru­dol­stadt in Thü­rin­gen akri­bisch auf Sperr­holz-Plat­ten sor­tiert: Läu­se – bei Tie­ren auch Fe­der- oder Haar­lin­ge ge­nannt. Wäh­rend sich ein Heer von Na­tur­for­schern mit far­ben­präch­ti­gen Schmet­ter­lin­gen, Kä­fern oder der Welt der Vö­gel be­fasst, hält sich das In­ter­es­se für die nur we­ni­ge Mil­li­me­ter gro­ßen Pa­ra­si­ten in Gren­zen. Doch für Mey sind sie zum Le­bens­the­ma ge­wor­den. „Die Prä­pa­ra­te sind nicht be­son­ders at­trak­tiv“, räumt der 64-Jäh­ri­ge mit grau-wei­ßem Voll­bart ent­schul­di­gend ein. Auf dem Glas­trä­ger in Ka­na­da-Bal­sam ein­ge­legt, ist mit blo­ßem Au­ge oft nur ein Punkt zu er­ken­nen. Erst un­ter Lu­pe und Mi­kro­skop of­fen­bart sich ih­re Gestalt. Die In­sek­ten ha­ben kei­ne Flü­gel, da­für aber be­son­de­re Mund­werk­zeu­ge, mit de­nen sie sich von Blut, Haut­schup­pen oder Fe­dern ih­res Wir­tes er­näh­ren. Sie le­ben vor al­lem auf Vö­geln, aber auch von vie­len Säu­ge­tier­ar­ten. Läu­se sind Pa­ra­si­ten, die oh­ne ih­ren Wirt nicht le­bens­fä­hig sind. Bei Wis­sen­schaft­lern ist die Be­zeich­nung Mal­lo­pha­gen ge­läu­fig, was über­setzt so viel wie Pelz­fres­ser heißt. Oder sie spre­chen von Pht­hi­rap­te­ra. „Sie sind übe­r­all auf der Welt zu fin­den – auch in Aus­tra­li­en und der Ant­ark­tis“, er­läu­tert Mey. Da­bei ha­be je­de Vo­gel- oder Säu­ge­tier­art ih­re ganz ei­ge­nen Haar- und Fe­der­lin­ge – so­gar Rob­ben, Kän­gu­rus und Pin­gui­ne. Da es auch ge­fie­der­te Di­no­sau­ri­er gab, lie­ge die Ver­mu­tung na­he, dass schon die­se Ur­zeit­tie­re von Fe­der­lin­gen ge­pie­sackt wur­den. „Es gibt Nach­wei­se aus dem Eo­zän – al­so vor 40 Mil­lio­nen Jah­ren.“ Auf rund 20 000 Ex­em­pla­re schätzt Mey die Samm­lung auf Schloss Hei­decks­burg. Vie­le hat er selbst ge­sam­melt und weit mehr als 100 erst­mals über­haupt be­schrie­ben. Die Samm­lung im eins­ti­gen Re­si­denz­schloss ha­be in­ter­na­tio­na­le Be­deu­tung, kon­sta­tier­te ei­ne Kom­mis­si­on von Wis­sen­schaft­lern und Mu­se­ums­ex­per­ten vor ei­ni­gen Jah­ren. Und vor al­lem: Sie wird ak­tiv wis­sen­schaft- lich be­ar­bei­tet. Denn Samm­lun­gen von Mal­lo­pha­gen gibt es zwar auch in an­de­ren deut­schen Mu­se­en. Das Mu­se­um Ko­enig in Bonn et­wa hat nach ei­ge­nen An­ga­ben rund 20 000 Ex­em­pla­re, dar­un­ter auch ein Tier­chen von 1846. Doch seit mehr als 30 Jah­ren ruht die Samm­lung. Auch im Ber­li­ner Na­tur­kun­de­mu­se­um mit mehr als 17 800 Ex­em­pla­ren im De­pot fehlt ein Spe­zia­list. „Das wird sich auf ab­seh­ba­re Zeit auch nicht än­dern“, sagt der dor­ti­ge Kustos Jür­gen De­ckert. Doch war­um braucht es über­haupt For­schung zu Läu­sen? „Die Wis­sen­schaft muss al­le In­sek­ten­grup­pen be­ar­bei­ten, da­mit wir mehr er­fah­ren über die Le­be­we­sen um uns her­um“, be­tont De­ckert. Das sei wich­tig für Fra­gen der Öko­lo­gie und Bi­o­di­ver­si­tät. Zu­dem lie­ßen sich an den Mal­lo­pha­gen, die in en­ger Be­zie­hung zu ih­rem Wirt le­ben, in­ter­es­san­te evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­sche Fra­gen un­ter­su­chen. Mit dem Men­schen bei­spiels­wei­se ha­ben sich drei Läu­se­ar­ten ent­wi­ckelt: Kopf-, Klei­de­r­und Scham­laus. „Die hat nur der Mensch und kein an­ders Säu­ge­tier“, be­tont Mey. So wer­de an­ge­nom­men, dass die Klei­der­laus erst zur Klei­der­laus wur­de, als der Mensch an­fing, Fel­le und spä­ter auch Stof­fe zu tra­gen. Hät­ten Läu­se nicht so ein ne­ga­ti­ves Image, könn­te man Mey wohl den deut­schen Läu­se-Papst nen­nen. De­ckert ist kein an­de­rer For­scher be­kannt, der sich hier­zu­lan­de so in­ten­siv mit die­sen Tier­chen be­fasst. Man­che tra­gen so­gar sei­nen Na­men. Auch die Deut­sche Ge­sell­schaft für all­ge­mei­ne und an­ge­wand­te En­to­mo­lo­gie muss pas­sen – au­ßer Mey kennt man dort nie­man­den, der die­se Tier­grup­pe in Deutsch­land wis­sen­schaft­lich be­ar­bei­tet.

In­ter­es­se an Pa­ra­si­ten ist welt­weit eher ge­ring

Da­bei galt Meys ei­gent­li­ches Au­gen­merk zu­nächst den Vö­geln. Seit frü­her Ju­gend ist er als Or­ni­tho­lo­ge un­ter­wegs. In­zwi­schen schränkt er sei­ne Ar­beit als Or­ni­tho­lo­ge ein, um das im­mer neue Ma­te­ri­al an Tier­läu­sen zu be­ar­bei­ten, für die es welt­weit nur we­ni­ge Fach­leu­te gibt. Vor drei Jah­ren ha­be er wahr­schein­lich ein Ex­em­plar ei­ner neu­en Läu­se­art des Eu­ro­päi­schen Ner­zes be­kom­men, das der ge­naue­ren Un­ter­su­chung har­re. Aus­wer­ten will Mey auch noch Stu­di­en zu Läu­sen von Kän­gu­rus, die er bei ei­nem For­schungs­auf­ent­halt in Aus­tra­li­en an­ge­stellt hat. „Ich kom­me ein­fach nicht da­zu“, sagt er. Die Tier­chen lie­fern un­auf­hör­lich neu­en Stoff. Ein be­son­de­res Ka­pi­tel aus der Welt der Läu­se will sich Mey für sei­nen Ru­he­stand auf­he­ben, der im kom­men­den Jahr be­ginnt: ihr Lie­bes­le­ben. „Da ha­be ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ni­ge sehr in­ter­es­san­te Be­ob­ach­tun­gen ge­macht“, sagt er mit ei­nem ver­schmitz­ten Lä­cheln auf den Lip­pen.

Dem­nächst forscht Mey über das Lie­bes­le­ben

Eber­hard Mey zeigt in Ru­dol­stadt (Thü­rin­gen) ei­ne Sam­mel­plat­te mit Tier­läu­sen. Der Wis­sen­schaft­ler des Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­ums Ru­dol­stadt sam­melt und er­forscht welt­weit Läu­se – bei Tie­ren auch Fe­der- oder Haar­lin­ge ge­nannt. Fo­to: avs

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