Ge­ret­tet und er­neu­ert

200 Jah­re Evan­ge­li­sche Stadt­kir­che Karls­ru­he

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Das Got­tes­haus am Markt­platz wur­de an Pfings­ten 1816 ein­ge­weiht. Er­staun­lich vie­le Räu­me um­fasst das Got­tes­haus noch heu­te. In­nen ist es seit 1958 mo­der­ni­siert.

Bei die­ser Kir­chen­füh­rung kommt man ins Schnau­fen. Pfar­rer Dirk Kel­ler schmun­zelt, als er sei­nen di­cken Schlüs­sel­bund her­vor­holt und nun auch noch das Zim­mer im drit­ten Stock­werk des Nord­flü­gels auf­schließt. Ein Rund­gang mit ihm, trepp­auf, trepp­ab, er­for­dert Aus­dau­er. Die Evan­ge­li­sche Stadt­kir­che Karls­ru­he um­fasst viel mehr Räu­me als al­lein das Kir­chen­schiff. Bei­spiels­wei­se wer­den die Ge­bäu­de­schul­tern des Glo­cken­turms eif­rig ge­nutzt. Zwei se­pa­ra­te Trep­pen­häu­ser sor­gen für den Zu­gang zu ganz ver­schie­de­nen Zim­mern: Im ei­nen probt der Can­tus Ju­venum, im an­de­ren hat der Stu­den­ti­sche Mis­si­ons­dienst ei­nen Treff­punkt, wei­te­re Räu­me ent­hal­ten Re­qui­si­ten für die Ak­ti­vi­tä­ten der Jun­gen Stadt­kir­che. Im drit­ten Stock­werk des Nord­flü­gels springt ei­nem von der Wand ein gro­ßes di­ckes Ge­sicht ent­ge­gen. Ei­ne Skulp­tur, ein Kunst­werk? „Das ist der Herr Wein­bren­ner“, er­klärt Stadt­kir­chen­pfar­rer Kel­ler, hier hängt ein 1934 an­ge­fer­tig­ter Ab­druck der Was­ser­spei­er vom Turm. „Der Ar­chi­tekt hat sich an der Turm­fas­sa­de selbst ver­ewigt. Wenn es reg­net, spuckt Er­bau­er Fried­rich Wein­bren­ner so­zu­sa­gen auf die Dä­cher von Karls­ru­he.“Die­ser Kopf mit Was­ser­aus­lauf sitzt an al­len vier Ecken des Turm­huts. Die Spit­ze des fast 62 Me­ter ho­hen Glo­cken­turms wie­der­um wird von ei­nem gol­de­nen En­gel be­setzt, der sich dreht. „Sol­che De­tails sieht man vom Markt­platz aus gar nicht, wenn man nichts dar­über weiß, mir ging es ja selbst so“, sagt Clau­dia Rauch. Die ge­bür­ti­ge Dur­mers­hei­me­rin ist mit hal­ber Stel­le Pfar­re­rin für die Alt- und Mit­tel­stadt­ge­mein­de mit der nun 200 Jah­re al­ten Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che. Oh­ne den Glo­cken­turm und die ein­deu­ti­gen Pla­ka­thin­wei­se könn­te man ge­gen­über des Rat­hau­ses ein Mu­se­um ver­mu­ten hin­ter dem Por­ti­kus, je­nem Vor­bau mit Säu­len­front und drei­ecki­gem Gie­bel. Aber das Got­tes­haus wur­de 1816 eben im Stil des Klas­si­zis­mus ein­ge­weiht, der sich an der grie­chi­schen An­ti­ke ori­en­tier­te. Drin­nen wür­den noch heu­te di­cke ver­zier­te Säu­len den Rau­mein­druck do­mi­nie­ren, wenn nicht im Zwei­ten Welt­krieg ein Luft­an­griff die Kir­che hät­te aus­bren­nen las­sen. Von 1944 bis 1958 muss­ten Karls­ru­he und die Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che auf die Bi­schofs­kir­che ver­zich­ten. Der Wie­der­auf­bau nach Plä­nen von Horst Lin­de re­kon­stru­ier­te das Au­ßen und ge­stal­te­te das In­ne­re be­wusst mo­dern. Mit Sicht­be­ton und schma­len Säu­len, mit ab­ge­speck­ten Em­po­ren und vie­len Fu­gen im Bau­kör­per. Für Pfar­rer Dirk Kel­ler zeigt gera­de die BauGe­schich­te der Stadt­kir­che auf, wie Tra­di­ti­on be­wahrt und mit Mo­der­ne in Ver­bin­dung ge­bracht kann. Im­mer wie­der gibt er neu­en Kunst­wer­ken im In­nen­raum Platz. Der­zeit ist es die In­stal­la­ti­on „Le­bens­lei­ter“von Ul­ri­ke Is­ra­el und Ber­na­det­te Hör­der – ein Pro­jekt von Flücht­lin­gen und Ein­hei­mi­schen. „Lei­tern sind die Ver­bin­dung von oben nach un­ten. Sie ge­ben Halt, aber kei­ne end­gül­ti­ge Si­cher­heit. Für Flücht­lin­ge, die bei­spiels­wei­se in Boo­te kom­men muss­ten, wa­ren Lei­tern enorm wich­tig“, deu­tet Pfar­re­rin Clau­dia Rauch In­ter­pre­ta­tio­nen an. Durch Öff­nun­gen in der De­cke des Kir­chen­raums konn­ten die schwe­ben­den Lei­tern be­fes­tigt wer­den. Denn ein rie­si­ger be­geh­ba­rer Spei­cher er­streckt sich zwi­schen De­cke und Dach. Ro­te Stahl­trä­ger aus der Zeit des Wie­der­auf­baus sind dort die ent­schei­den­den Ele­men­te. Aus dem Ori­gi­nal-Bau er­hal­ten sind die Trep­pen­häu­ser von Wein­bren­ner. Der Na­me des Er­bau­ers steht im Fuß­bo­den zwi­schen Por­ti­kus-Säu­len und Ein­gangs­tür – weil ge­nau dar­un­ter der be­rühm­te Karls­ru­her Stadt­ge­stal­ter be­stat­tet ist. Ver­trock­ne­te Nel­ken lie­gen auf auf sei­nem Sarg. Die­ser steht in ei­ner Kryp­ta, die erst nach­träg­lich von Hein­rich Hübsch ent­wor­fen wur­de. Sie dien­te als Grab­le­ge der Mark­gra­fen, aber de­ren sterb­li­che Über­res­te ka­men nach 1945 in die Gr­ab­ka­pel­le im Hardtwald. Da­für ruht seit 1958 Fried­rich Wein­bren­ner im Un­ter­ge­schoss der Stadt­kir­che – wäh­rend sein sti­li­sier­ter Kopf oben als Was­ser­spei­er thront. 200 Jah­re Stadt­kir­che – von Pfings­ten 1816 bis Pfings­ten 2016. Der Ju­bi­lä­ums-Tag wird heu­te mit ei­nem Fest­got­tes­dienst um 10 Uhr be­gan­gen. Die Pre­digt hält Alt-Bi­schof Klaus En­gel­hardt. Für das Kon­zert heu­te um 19 Uhr gibt es noch Kar­ten. Es sin­gen der Bach-Chor und So­lis­ten. Chris­ti­an-Mar­kus Rai­ser lei­tet auch die Ca­me­ra­ta 200. Die Mu­sik von Dan­zi, Fe­sca und Liszt ste­hen un­ter dem Mot­to: „Ich dan­ke dem Herrn von gan­zem Her­zen“.

Sie ha­ben die Pfarr­stel­len an der 200 Jah­re al­ten Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che Karls­ru­he: Clau­dia Rauch und Dirk Kel­ler. Heu­te wird das Ju­bi­lä­um des Got­tes­hau­ses ge­fei­ert. Im In­nern ist die Kir­che seit 1958 mo­der­ni­siert – wäh­rend nach den Kriegs­zer­stö­run­gen von 1944 das Äu­ße­re re­kon­stru­iert wur­de. Fo­tos: Ar­tis

In sol­chen Was­ser­spei­ern zeigt sich Er­bau­er Fried­rich Wein­bren­ner selbst an der Stadt­kir­che.

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