Der Wein des klei­nen Man­nes

Am Ober­rhein floss das Bier erst im 19. Jahr­hun­dert in gro­ßen Men­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Das be­rühm­te Rein­heits­ge­bot für Bier, das vor 500 Jah­ren er­las­sen wur­de – es dürf­te die Men­schen in un­se­rer Re­gi­on da­mals in et­wa so viel in­ter­es­siert ha­ben wie der nicht min­der pro­mi­nen­te Sack Reis, der in Chi­na um­fällt. Zum ei­nen, weil das Ge­bot, dem­zu­fol­ge Bier le­dig­lich Was­ser, Hop­fen so­wie zu Malz ver­edel­te Gers­te ent­hal­ten dür­fe, erst mal für Bay­ern galt. Und zum an­de­ren, weil Bier am Ober­rhein zu die­ser Zeit oh­ne­hin nicht hoch im Kurs stand. Denn Bier, so lau­tet die Re­gel, wur­de vor al­lem dort ge­braut, wo kein Wein wuchs. Wes­halb im deut­schen Süd­wes­ten das Brau­we­sen zu­nächst ei­ne ge­rin­ge Rol­le spiel­te – sieht man von ei­ni­gen Re­gio­nen Ober­schwa­bens und dem Schwarz­wald ab. Am wein­rei­chen Ober­rhein hin­ge­gen ka­men die Men­schen ver­gleichs­wei­se spät auf den (Bier)Ge­schmack. Zu­mal Wein bis ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein kei­nes­wegs als Lu­xus­ge­tränk galt und in gro­ßen Men­gen kon­su­miert wur­de – auch im 1715 ge­grün­de­ten Karls­ru­he. Zu den ers­ten 126 Ein­woh­nern Karls­ru­hes ge­hör­ten zwar auch zwei Brau­er – doch zum Mo­de­ge­tränk der Fä­cher­stadt, die 1722 be­reits 42 (!) Wirts­häu­ser auf­wies, wur­de das Bier des­halb noch lan­ge nicht. Der Re­ben­saft vom Dur­la­cher Turm­berg oder aus dem ba­di­schen Mark­gräf­ler­land mun­de­te den frü­hen Karls­ru­hern mehr. Zu­spruch fan­den Bier­schen­ken, meist von al­lein­ste­hen­den Frau­en be­trie­ben, al­len­falls in Klein-Karls­ru­he, dem Dörf­le – dort, wo die ar­men Leu­te wohn­ten. Ein ge­wis­ser Ignaz Win­ter­hal­ter, der ei­ne Bier­wirt­schaft vor dem Mühl­bur­ger Tor be­trieb, mach­te noch knapp 100 Jah­re nach der Stadt­grün­dung die Er­fah­rung, dass „nur die ge­meins­ten Leu­te“Bier be­stell­ten. Weil die Sol­da­ten und Of­fi­zie­re, die sein Lo­kal auf­such­ten, Wein be­vor­zug­ten, bat der Wirt um die Ge­neh­mi­gung, auch die­sen aus­schen­ken zu dür­fen. Und doch soll­te Karls­ru­he zu ei­ner der gro­ßen deut­schen Braue­rei­städ­te wer­den. Im 19. Jahr­hun­dert floss das Bier in Strö­men. Oh­ne die In­dus­tria­li­sie­rung und ei­nen Wan­del der Trink­ge­wohn­hei­ten wä­re das kaum denk­bar ge­we­sen. Miss­ern­ten und mas­si­ve Preis­stei­ge­run­gen hat­ten be­reits im 18. Jahr­hun­dert da­zu ge­führt, dass das Bier zum Wein des klei­nen Man­nes avan­cier­te. Mark­graf Karl Fried­rich hoff­te auf sat­te Ge­win­ne, als er 1758 im Kam­mer­gut Got­te­saue ei­ne Braue­rei ein­rich­ten ließ – al­ler­dings lief das Ge­schäft nicht son­der­lich gut. Mehr Er­folg hat­te des Mark­gra­fen Bru­der, der 1770 in Mühl­burg die „Sel­den­eck’sche Braue­rei“grün­de­te – be­zeich­nen­der­wei­se wur­de dort zu­nächst ein „Haus­trunk“für sei­ne Be­diens­te­ten her­ge­stellt. Im 19. Jahr­hun­dert, der Blü­te­zeit des Brau­we­sens, be­kam die Sel­den­eck’sche Braue­rei be­trächt­li­che Kon­kur­renz – zeit­wei­se buhl­ten in der Fä­cher­stadt 31 Braue­rei­en um die Gunst durs­ti­ger Kun­den. Grö­ße­re Be­trie­be ex­por­tier­ten Karls­ru­her Bier auch nach Pa­ris oder gar nach Über­see. Klei­ne Haus­braue­rei­en hin­ge­gen muss­ten sich bald et­was ein­fal­len las­sen, um ih­re Kun­den zu hal­ten, denn der Trend ging in Rich­tung In­dus­trie­un­ter­neh­men. Re­prä­sen­ta­ti­ve „Bier­bur­gen“setz­ten im Karls­ru­her Stadt­bild neue Ak­zen­te und die West­stadt ent­stand ge­ra­de­zu als „Braue­rei­stadt­teil“. Kri­sen­zei­ten und Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se be­wirk­ten im 20. Jahr­hun­dert mas­si­ve Ve­rän­de­run­gen im Braue­rei­ge­wer­be. In den Ge­bäu­den der Sel­den­eck’schen Braue­rei, ei­ner der äl­tes­ten Karls­ru­hes, be­fin­det sich heu­te das Kul­tur­zen­trum „Tem­pel“. Na­men wie Fels, Kam­me­rer, Printz, Schrempp, Sin­ner und vie­le an­de­re sind nur noch Er­in­ne­rung. Hoch­ge­hal­ten wird die Karls­ru­her Bier-Tra­di­ti­on heu­te noch von Ho­e­pfner, Hatz-Mo­n­in­ger und vier Haus­braue­rei­en. Ba­den-Würt­tem­berg-weit gibt es dem Brau­er­bund zu­fol­ge der­zeit 189 Braue­rei­en – vom Kleinst­be­trieb bis zum gro­ßen Mit­tel­ständ­ler. Deut­lich frü­her als Karls­ru­he war Mann­heim ei­ne Bier-Adres­se von über­re­gio­na­ler Be­deu­tung. In der Qua­dra­te­stadt hat­ten sich grö­ße­re Braue­rei­en schon bald nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg an­ge­sie­delt. Eich­baum et­wa wur­de 1679 von ei­nem Wal­lo­nen ge­grün­det – als Brau­wirt­schaft „Zum Aich­baum“. Im Jahr 1723 brach­te es die da­mals 9 000 Ein­woh­ner zäh­len­de Stadt auf 50 Brau­häu­ser. Da passt es ganz gut, dass jetzt im Tech­no­se­um, dem in Mann­heim an­ge­sie­del­ten Lan­des­mu­se­um für Tech­nik und Ar­beit, ei­ne Son­der­aus­stel­lung „Bier. Brau­kunst und 500 Jah­re deut­sches Rein­heits­ge­bot“ge­zeigt wird. Dort er­fährt man un­ter an­de­rem, dass die baye­ri­sche Re­ge­lung von 1516 (die spä­ter auf ganz Deutsch­land aus­ge­wei­tet wur­de) durch­aus ih­ren Sinn hat­te. Denn an­ge­sichts der Mit­tel­chen, die mit­tel­al­ter­li­che Brau­er bis­wei­len in den Gers­ten­saft meng­ten, um Kos­ten zu spa­ren, den Ge­schmack auf­zu­pep­pen oder die Rau­sch­wir­kung zu ver­stär­ken – Kräu­ter, Och­sen­gal­le, Baum­rin­de oder Erb­sen, aber auch Gips oder Bil­sen­kraut – wür­de ei­nem heu­ti­gen Bier­freund schon mal der Durst ver­ge­hen.

Be­fül­lung der Fäs­ser um 1900 bei Ho­e­pfner: Im 19. Jahr­hun­dert ent­wi­ckel­te sich Karls­ru­he zu ei­ner gro­ßen Bier­me­tro­po­le mit zeit­wei­se 31 Braue­rei­en. Heu­te gibt es mit Hatz-Mo­n­in­ger und Ho­e­pfner noch zwei gro­ße so­wie vier Haus­braue­rei­en. Fo­to: Ho­e­pfner

Bier­wer­bung 1920: Die 1841 ge­grün­de­te Karls­ru­her Braue­rei Hein­rich Fels wur­de 1967 von Bin­ding über­nom­men, die Pro­duk­ti­on ein­ge­stellt. Fo­to: Tech­no­se­um

Bü­gel­fla­sche aus dem 19. Jahr­hun­dert. Fo­to: Tech­no­se­um

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