Der klei­ne Maul­wurf

Der drol­li­ge Wüh­ler mit der blau­en Latz­ho­se hat vie­le Fans

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Kr­tek ist ein biss­chen aus der Art ge­schla­gen: Er hat vie­le Freun­de, hilft den Tie­ren des Wal­des, wenn sie ein Pro­blem ha­ben, und kommt im Fern­se­hen sehr un­ter­neh­mungs­lus­tig rü­ber. Den klei­nen Maul­wurf lie­ben die Zu­schau­er der „Sen­dung mit der Maus“seit über 40 Jah­ren. 1972 tauch­te Kr­tek zum ers­ten Mal im deut­schen Fern­se­hen auf. Er­fun­den hat­te ihn der Pra­ger Zeich­ner und Trick­fil­mer Zdenêk Mi­ler. Wer das weiß, ver­steht auch schnell, war­um der Ori­gi­nal-Na­me des klei­nen Maul­wurfs so un­ge­wöhn­lich klingt! Kr­tek ist ein tsche­chi­sches Wort. Es be­deu­tet: Maul­wurf. Ech­te Maul­wür­fe ha­ben mit der Zei­chen­trick­fi­gur we­nig ge­mein­sam. Denn Ge­sel­lig­keit zählt nicht zu den Vor­lie­ben ei­nes Maul­wurfs. Die Tie­re sind am liebs­ten für sich, le­ben al­lei­ne, mei­den an­de­re Maul­wür­fe, und blei­ben auch für den Men­schen weit­ge­hend un­sicht­bar. Am liebs­ten sind sie in ih­ren un­ter­ir­di­schen Gän­gen und Höh­len, gra­ben Gän­ge und fres­sen Re­gen­wür­mer. In­sek­ten­lar­ven und Rau­pen schme­cken ih­nen ge­nau­so gut. Ei­ni­ge sei­ner Gän­ge legt der Maul­wurf des­halb als Fang­gru­ben an – in der Hoff­nung, dass frü­her oder spä­ter ein Wurm hin­ein­plumpst. Hört er das, wu­selt er so­fort her­bei und lässt sich die Mahl­zeit schme­cken. 37 Ki­lo­gramm Re­gen­wür­mer fut­tert ein Maul­wurf pro Jahr. Maul­wür­fe hö­ren gut, aber se­hen schlecht. Da­her kommt der Spruch „ich bin blind wie ein Maul­wurf“. Den sagt ein Mensch, der et­wa sei­ne Bril­le ge­ra­de nicht fin­det. Maul­wür­fe sind nicht kom­plett blind, aber se­hen tat­säch­lich ver­gleichs­wei­se schlecht. Das ist für sie kein Nach­teil. Un­ter der Er­de, wo sie sich am liebs­ten auf­hal­ten, ist es dun­kel. Statt der Au­gen nutzt der Maul­wurf sei­ne fei­nen Bart­haa­re, mit de­nen er Ge­räu­sche „spü­ren“kann. Ein Re­gen­wurm, der in ei­nen Maul­wurfs­gang fällt, ver­ur­sacht ei­ne Er­schüt­te­rung. Ein Mensch wür­de das nie­mals hö­ren. Für den Maul­wurf lärmt es rich­tig. Schon macht er sich auf die So­cken! Maul­wür­fe ha­ben au­ßer­dem gu­te Na­sen, rich­ti­ge Su­perna­sen. Zeigt sich ein Tier doch mal an der Erd­ober­flä­che, hält es zu­erst die Na­se nach oben und schnup­pert, ob die Luft rein ist. Wie der klei­ne Maul­wurf Kr­tek das Licht der Welt er­blick­te, ist nicht ganz ein­deu­tig. Über Zeich­ner Zdenêk Mi­ler wird er­zählt, er sei bei ei­nem Sil­ves­ter­spa­zier­gang über ei­nen Maul­wurfs­hü­gel ge­stol­pert. Da­bei kam ihm die Idee, ei­nen Maul­wurf zu zeich­nen. Das Tier war so un­ku­sche­lig, dass es kei­ne Dis­ney-Kon­kur­renz ge­ben wür­de! Er be­hielt recht. Ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung zu­fol­ge ar­bei­te­te Mi­ler an ei­nem Trick­film über die Tex­til­fa­ser Flachs und wie man dar­aus Stoff her­stell­te. Er spa­zier­te durch Flachs­fel­der in sei­ner Hei­mat Tsche­chi­en – und stol­per­te über ei­nen Maul­wurfs­hü­gel. Der Rest der Ge­schich­te ist der­sel­be. Zdenêk Mi­ler ist 2011, 90-jäh­rig, ge­stor­ben. Ihn zu fra­gen, wel­che Ver­si­on der Kr­tek-Ge­schich­te nun stimmt, geht nicht mehr. Für den Flachs-Trick­film spricht, dass Kr­teks ers­tes Aben­teu­er mit dem We­ben von Klei­dung zu tun hat­te: Wie der Maul­wurf zu sei­nen Ho­sen kam, hieß es. Die hell­blaue Latz­ho­se, in der Kr­tek ein biss­chen aus­sah wie Pe­ter Lus­tig aus der TV-Se­rie Lö­wen­zahn, be­hielt der klei­ne Maul­wurf aber nicht lan­ge an. Dann trug er wie­der sein Fell. 2017 wird Kr­tek 60 Jah­re alt. Da­mit die Trick­fil­me auf der gan­zen Welt ver­stan­den wur­den, ließ Zdenêk Mi­ler Tex­te weg. Nur „Oh!“und „Hal­lo!“, im tsche­chi­schen Ori­gi­nal „Jei!“und „Jui!“ru­fen der klei­ne Maul­wurf und sei­ne Freun­de. Der­art er­staunt oder ent­setzt re­agiert ver­mut­lich auch so man­cher Gar­ten­be­sit­zer, wenn sein Ra­sen oder sein Ge­mü­se­beet vol­ler Maul­wurfs­hü­gel sind. Scha­den kön­nen die Wur­zeln jun­ger Pflan­zen durch die Ar­beit des tie­ri­schen un­ter­ir­di­schen Bag­gers neh­men. Trotz­dem hat der Maul­wurf die Wut nicht ver­dient. Er macht sich nütz­lich. Ein Maul­wurf lo­ckert den Bo­den auf, das macht die Er­de län­ger frucht­bar. Au­ßer­dem frisst er Schne­cken und ver­treibt an­de­re Schäd­lin­ge wie Wühl­mäu­se. Mit sei­nen kräf­ti­gen Schau­fel­hän­den kann der 120 Gramm leich­te Maul­wurf das 20-fa­che sei­nes Kör­per­ge­wichts stem­men. Ein er­wach­se­ner Mann kä­me auf das­sel­be Ge­wicht, wenn er 100 Käs­ten Mi­ne­ral­was­ser tra­gen wür­de. Ein kräf­ti­ger Bur­sche! Da ist mehr als ein Hü­gel drin. Und der Maul­wurf macht sei­nem Na­men al­le Eh­re: „Maul“lei­tet sich ab von dem alt­deut­schen Wort Mol­te (Er­de). Die Erd­hü­gel sind der Aus­hub sei­ner Gän­ge. Er ist wort­wört­lich ein Erd­wer­fer. Un­ter­ir­disch schlägt der quir­li­ge, höchs­tens 22 Zen­ti­me­ter lan­ge Kerl so­gar Pur­zel­bäu­me, wenn er in sei­nen Gän­gen die Rich­tung än­dert. Un­ge­fähr so, wie wenn ein Schwim­mer am En­de ei­ner Bahn im Schwimm­be­cken ei­ne Wen­de macht. Maul­wür­fe er­rei­chen ein Al­ter von fünf Jah­ren. Wenn sie vor­her kein Greif­vo­gel oder Fuchs er­wischt.

So gut sieht man den Maul­wurf sel­ten: Meis­tens ist er un­ter der Er­de. Fo­to: Im­a­go

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