Wie der Turm in den See kam

Der Stau­see am Re­schen­pass wur­de zum Wahr­zei­chen des Vinsch­gaus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Jes­si­ca Ha­ra­zim

Der ver­sun­ke­ne Turm im Re­schen­see gilt als Wahr­zei­chen des Vinsch­gau mit jähr­lich tau­sen­den Be­su­chern aus al­ler Welt. Im Win­ter ja­gen dort Snow­ki­ter übers Eis, im Som­mer nut­zen Sur­fer und Seg­ler das Ge­wäs­ser für ih­re Ak­ti­vi­tä­ten vor Ort­ler­ku­lis­se. Doch wo heu­te das mar­kan­te Post­kar­ten­mo­tiv aus dem Was­ser ragt, be­fand sich einst ein gan­zes Dorf. Mit der Stau­ung zwei­er be­nach­bar­ter Berg­seen 1950 wur­de es kom­plett über­flu­tet. Über 500 Men­schen ver­lo­ren im Zu­ge des von lan­ger Hand ge­plan­ten, fa­schis­ti­schen Pro­jekts in Süd­ti­rols Wes­ten ih­re Hei­mat. Nord­ita­li­en brauch­te Strom, und so hat man die Be­woh­ner von Alt-Graun über ih­re Köp­fe hin­weg auf na­he ge­le­ge­ne Berg­hän­ge um­ge­sie­delt. Nur der ro­ma­ni­sche Kirch­turm blieb aus Denk­mal­schutz­grün­den er­hal­ten. Wäh­rend der war­men Jah­res­zeit er­fah­ren die Pas­sa­gie­re der MS Hu­ber­tus, Eu­ro­pas höchs­te Bin­nen­schiff­fahrt, al­ler­lei Wis­sens­wer­tes da­zu. Ei­ne Ausstellung im Mu­se­um Graun in­for­miert zu­dem über Un­ter­gang und Wie­der­auf­bau des gleich­na­mi­gen Orts. Mit sechs Ki­lo­me­tern Län­ge und 120 Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Stau­vo­lu­men ist der Re­schen­see Süd­ti­rols größ­ter Was­ser­spei­cher. Nach Süd­ti­rols Anne­xi­on durch Ita­li­en 1920 geis­ter­te das Stau­pro­jekt am Re­schen­pass jah­re­lang als Schreck­ge­spenst durch den Ober­vinsch­gau: Der ur­sprüng­li­che Plan zur Er­rich­tung zwei­er Elek­tri­zi­täts­wer­ke in der Re­gi­on sah ei­ne An­he­bung des Was­ser­spie­gels von Re­schen- und Grau­ner­see (auch Mit­ter­see ge­nannt) um „nur“fünf Me­ter vor – Tei­le des Dorfs Graun wä­ren al­so er­hal­ten ge­blie­ben. 1947 be­schloss Rom, die Ar­bei­ten doch auf­zu­neh­men und die bei­den be­nach­bar­ten Ge­wäs­ser mit­hil­fe des Groß­kon­zerns Mon­te­ca­ti­ni um 22 Me­ter zu stau­en – der Wirt­schafts­kraft des Lan­des zu­lie­be. Die Be­völ­ke­rung muss­te ta­ten­los zu­se­hen. Mitt­ler­wei­le hat die Ge­mein­de Graun wie­der über 2400 Ein­woh­ner, der ver­sun­ke­ne Kirch­turm aus dem 14. Jahr­hun­dert zählt zu Süd­ti­rols wich­tigs­ten Se­hens­wür­dig­kei­ten. Der Vinsch­gau im Wes­ten Süd­ti­rols liegt zwi­schen der Etsch­quel­le am Re­schen­pass und Meran. Die Re­gi­on war­tet mit fas­zi­nie­ren­den Ge­gen­sät­zen auf – von den Ho­chebeGan­g­legg nen rund um den Re­schen­see über Süd­ti­rols höchs­ten Berg, den Ort­ler mit 3 905 Me­tern, bis hin­un­ter zu Ap­fel­gär­ten in son­ni­gen Tief­la­gen. Die Viel­falt macht den Vinsch­gau zum Rei­se­ziel für Wan­de­rer und am­bi­tio­nier­te Berg­stei­ger, Ge­nuss­rad­ler und Moun­tain­bi­ker, für Na­tur- und Kul­tur­be­geis­ter­te. Zu den mar­kan­tes­ten Se­hens­wür­dig­kei­ten zäh­len Klos­ter Ma­ri­en­berg, das Mess­nerSchloss Ju­val, der Na­tio­nal­park Stilfs­er­joch so­wie his­to­ri­sche Orts­ker­ne und Bur­gen. Ak­ti­ve fol­gen dem Kurs der Waa­le, künst­lich an­ge­leg­ten Ka­nä­len, auf knapp zwei Dut­zend We­gen und nut­zen sie dank ge­rin­ger Stei­gun­gen als ent­spann­ten Ein­stieg in die Wan­der­sai­son. Seit über 900 Jah­ren sor­gen die his­to­ri­schen Was­ser­läu­fe in der nie­der­schlags­ar­men Re­gi­on für Frucht­bar­keit, et­wa auf den Spar­gel­fel­dern und Wein­ber­gen von Ka­s­tel­bell-Tschars. Dort, un­ter den Per­geln am so­ge­nann­ten Son­nen­berg, ge­dei­hen die Re­ben für mi­ne­ra­li­sche Wei­ßund voll­mun­di­ge Rot­wei­ne. Dem Lauf des Was­sers fol­gen und neue Kraft schöp­fen, kön­nen Teil­neh­mer bei ei­ner Waal­weg-Tour im Ober­vinsch­gau. Mit Gui­de Hein­rich Mo­riggl geht es ent­lang der Be­wäs­se­rungs­ka­nä­le bis zum prä­his­to­ri­schen Sied­lungs­ort nörd­lich von Schlu­derns, je­weils diens­tags von 17. Mai bis 21. Ju­ni. Wer es sport­li­cher mag, schließt sich dem Schlös­ser Run in Latsch an, im­mer mitt­wochs bis 29. Ju­ni. Auf fast fünf Ki­lo­me­tern lau­fen Vinsch­gau-Ur­lau­ber dem All­tags­stress da­von – stets im Blick: die mar­kan­ten Tür­me der Schlös­ser Gold­rain und Ann­a­berg.

Das blaue Au­ge des Vinsch­gaus: Mit sechs Ki­lo­me­tern Län­ge und 120 Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Stau­vo­lu­men ist der in den 40erJah­ren an­ge­leg­te Re­schen­see Süd­ti­rols größ­ter Was­ser­spei­cher. Fo­to: Vinsch­gau Mar­ke­ting/Frie­der Blick­le

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