Wolf­ram Py­ta: His­to­ri­ker und „Fuß­ball-Pro­fes­sor“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Für wel­chen Fuß­ball­ver­ein schlägt das Herz des „Fuß­ball­pro­fes­sors“Wolf­ram Py­ta? Der His­to­ri­ker an der Uni­ver­si­tät Stuttgart wur­de in Dort­mund ge­bo­ren, da scheint die Ant­wort na­he­zu­lie­gen. Py­ta ver­steckt die Auf­lö­sung in ei­ner Quiz­fra­ge. „Auf­ge­wach­se­nen bin ich nicht im Ruhr­ge­biet, son­dern im Rhein­land. Mein Club war als ers­ter aus dem West­deut­schen Ver­band deut­scher Meis­ter“. Hm, nicht so­fort zu kna­cken, die­se Auf­ga­be. Da­für muss man lan­ge zu­rück­ge­hen. Ei­nen deut­schen Meis­ter gibt es seit 1903, aber erst 1933 kam er aus ei­ner Fuß­ball­hoch­burg im heu­ti­gen Nord­rhein-West­fa­len. Fortu­na Düsseldorf war da­mals, frü­her als Schal­ke oder Dort­mund, Ti­tel­trä­ger. Weil sich Zweit­li­gist Düsseldorf kürz­lich er­folg­reich ge­gen den Ab­stieg stemm­te, kann Py­ta die Fi­nal­hö­he­punk­te von Mai und Ju­ni ent­spannt ge­nie­ßen. Er saß im Sta­di­on, als sein Ver­ein mit dem ab­schlie­ßen­den Heim­sieg die Wei­chen für den Klas­sen­er­halt stell­te. „Die Fortu­na be­glei­te ich schon mein gan­zes Le­ben. Na­tür­lich war ich beim Eu­ro­pa­cup-Fi­na­le 1979 in Basel da­bei. In mei­nem Ar­beits­zim­mer hängt ei­ne Kar­te mit al­len Or­ten und Sta­di­en, die ich be­sucht ha­be.“Auf Deutsch­land­tour ist der 55-Jäh­ri­ge nicht nur als Fan, son­dern als ge­frag­ter Wis­sen­schaft­ler. Auch da spielt die His­to­rie des Fuß­balls ei­ne Rol­le. Gro­ße Be­kannt­heit aber brach­ten ihm sei­ne For­schungs­schwer­punk­te Wei­ma­rer Re­pu­blik und Ho­lo­caust. Er schrieb über „Hin­den­burg. Herr­schaft zwi­schen Ho­hen­zol­lern und Hit­ler“und ver­öf­fent­lich­te 2015 „Hit­ler. Der Künst­ler als Po­li­ti­ker und Feld­herr. Ei­ne Herr­schafts­ana­ly­se“. Wenn Py­ta an sei­nem In­sti­tut über Sport for­schen lässt und ein Pro­jekt über Ge­schich­te des Fuß­balls in Deutsch­land und Eu­ro­pa lei­te­te, dann tut das sei­nem Re­nom­mee in der Fach­welt kei­nen Ab­bruch. „Die Zei­ten sind vor­bei, da His­to­ri­ker bei Kon­gres­sen heim­lich ver­schwin­den muss­ten, um Fuß­ball im TV zu schau­en. Es gibt au­ßer­dem ei­ni­ge Kol­le­gen, die das Spiel als ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men un­ter­su­chen. Die Sport­wis­sen­schaft hat das lan­ge ver­nach­läs­sigt. Aber in­zwi­schen wird mit Qu­el­len­stu­di­um der Fuß­ball se­ri­ös un­ter die Lu­pe ge­nom­men.“Bei­spiels­wei­se war in den oft nost­al­gisch ver­klär­ten 1970er und 1980er Jah­ren der Stel­len­wert der Bun­des­li­ga ge­ring und die Zu­schau­er­zah­len be­weg­ten sich auf ei­nem be­schei­de­nen Ni­veau. Erst die Ein­füh­rung des kom­mer­zi­el­len Fern­se­hens stopp­te ei­ne Ab­wärts­ent­wick­lung. Was Fuß­ball für den All­tag der Fans be­deu­tet und wel­che Rol­le er in ver­schie­de­nen Län­dern spielt, sei­en Leit­fra­gen, die Wis­sen­schaft­ler nicht den Jour­na­lis­ten über­las­sen soll­ten. Py­ta bringt Kopf und Herz in die For­schung ein. Er be­sucht mit sei­ner Toch­ter das Sta­di­on in Stuttgart, und nimmt die Per­spek­ti­ve der Fans mit. Wenn er Über­tra­gun­gen an­schaut, stu­diert er die „Ins­ze­nie­rung“des Kicks. Zu ei­nem Sonn­tag ge­hört für den Ka­tho­li­ken aber auch der mor­gend­li­che Got­tes­dienst. Im Aus­tausch mit Kol­le­gen an­de­rer Fach­rich­tun­gen so­wie in der schö­nen Li­te­ra­tur fin­det er An­re­gung. Und das Sport­in­ter­es­se ist nicht al­lein ball­fi­xiert. An ei­nem Pro­jekt zur Renn­sport­ge­schich­te wird in der uni­ver­si­tä­re Bo­xen­gas­se ge­bas­telt.

Fo­to: Chris­toph Pu­e­schner

Im Sta­di­on fühlt er sich eben­so wohl wie im Hör­saal: Der Ge­schichts­wis­sen­schaft­ler Wolf­ram Py­ta wid­met sich nicht nur der po­li­ti­schen His­to­rie, son­dern auch der des Fuß­balls.

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