Schwei­zer Wun­der­werk

Am 1. Ju­ni wird der 57 Ki­lo­me­ter lan­ge Gott­hard-Ba­sis­tun­nel er­öff­net

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - Avs Tho­mas Bur­meis­ter

Bei ei­ner Ver­ab­re­dung spie­len Bil­der und Bü­cher an­schei­nend ei­ne wich­ti­ge Rol­le, um den neu­en Part­ner ein­zu­schät­zen. In ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Um­fra­ge sag­ten 27,5 Pro­zent der Be­frag­ten, dass sie in den Bü­cher­re­ga­len stö­bern, wenn sie zum ers­ten Mal im Wohn­zim­mer ei­nes neu­en Part­ners sind und da­bei kurz al­lei­ne ge­las­sen wer­den. Un­ter den Frau­en wa­ren es so­gar 33,3 Pro­zent, wie aus der Um­fra­ge für den Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels her­vor­geht. Bei den Män­nern schau­en in un­be­ob­ach­te­ten Mo­men­ten nur 21,5 Pro­zent ins Bü­cher­re­gal. Die meis­ten (52 Pro­zent) der 5 000 Be­frag­ten sag­ten je­doch, dass sie die Bil­der an der Wand be­trach­ten wür­den.

Erst war ein Grol­len zu hö­ren, wie ein na­hen­des Ge­wit­ter. Dann un­glaub­lich lau­tes Krei­schen, Po­chen, Pol­tern und Knir­schen. Al­les vi­brier­te wie bei ei­nem Erd­be­ben, als die Mei­ßel der gi­gan­ti­schen Tun­nel­bohr­ma­schi­ne S-10 zum ers­ten Mal den Gn­eis des Gott­hard­mas­sivs an­grif­fen. Gut 13 Jah­re da­nach steht der Bohr­kopf von da­mals mit sei­nen 9,5 Me­tern Durch­mes­ser im Mu­se­um. Und Mar­tin Her­renk­necht steht vor dem bis­lang schöns­ten Tag sei­nes Le­bens als „Kö­nig der Tun­nel­boh­rer“: Am 1. Ju­ni wird er zu den Eh­ren­gäs­ten ge­hö­ren, die im Son­der­zug durch den Gott­hard-Ba­sis­tun­nel fah­ren und da­mit den mit 57 Ki­lo­me­tern längs­ten Ei­sen­bahn­tun­nel der Welt of­fi­zi­ell er­öff­nen wer­den. „Das ist für mich die Er­fül­lung ei­nes Wunsch­traums“, sagt der 74-Jäh­ri­ge. Her­renk­necht ist der Grün­der und im­mer noch ak­ti­ve Chef des gleich­na­mi­gen Un­ter­neh­mens in Schwa­nau im Or­ten­au­kreis – des Welt­markt­füh­rers für Tun­nel­vor­triebs­tech­nik. Mit vier Her­renk­necht-Bohr­ma­schi­nen wur­de der wei­t­aus größ­te Teil der zwei Rie­sen­röh­ren für den Gott­hard-Ba­sis­tun­nel aus dem Fels ge­schnit­ten. Mil­lio­nen von Ku­bik­me­tern Gestein ha­ben die Schwa­nau­er „Rie­sen­maul­wür­fe“be­wäl­tigt – das Ge­samt­vo­lu­men ent­spricht dem Fünf­fa­chen der Che­ops­py­ra­mi­de. Zu Spit­zen­zei­ten wa­ren 2 400 Ar­beits­kräf­te oft un­ter schwie­ri­gen Be­din­gun­gen – die Tem­pe­ra­tur im Berg er­reich­te häu­fig 40 Grad – im Ein­satz. Und es wa­ren wei­te­re deut­sche Un­ter­neh­men da­bei, ins­ge­samt kam et­wa je­der vier­te Mit­ar­bei­ter aus Deutsch­land. Für den Schwei­zer Haupt­auf­trag­ge­ber, die AlpTransit Gott­hard AG, wa­ren zum Bei­spiel In­ge­nieu­re, Tech­ni­ker und Tun­nel­ex­per­ten des Es­se­ner Bau­kon­zerns Hoch­Tief an dem Jahr­hun­dert­werk im Her­zen der Al­pen be­tei­ligt. Für rund die Hälf­te der Tun­nel­stre­cke von ins­ge­samt mehr als 150 Ki­lo­me­tern – ein­schließ­lich meh­re­rer Sei­ten­schäch­te und Si­cher­heits­stol­len – ha­ben „Hoch­tief­ler“den Roh­bau aus­ge­führt. Zu­dem ha­ben sie ei­ne der vier je­weils mehr als 400 Me­ter lan­gen Her­renk­necht-Bohr­ma­schi­nen be­dient – je­ne mit dem Ko­se­na­men Hei­di. Die an­de­ren drei Gi­gan­tin­nen hie­ßen Sis­si, Ga­bi 1 und Ga­bi 2. Dank der er­heb­lich si­che­re­ren Bau­ver­fah­ren gab es weit we­ni­ger Un­fäl­le als noch 1872 bis 1882 beim Bau des ers­ten Gott­hard-Tun­nels. Da­mals ka­men 199 Ar­bei­ter ums Le­ben. Dies­mal gab es neun To­des­fäl­le. Frei­lich im­mer noch neun zu viel – auch aus der Sicht des Münch­ner Al­li­anz-Kon­zerns. Er hat­te ne­ben der schwei­ze­ri­schen Hel­ve­tia die teils enor­men Ri­si­ken des Pro­jekts ver­si­chert, mit ei­ner an­tei­li­gen Sum­me von elf Mil­li­ar­den Fran­ken (9,9 Mil­li­ar­den Eu­ro). Für die Al­li­anz er­wies sich das trotz der Ge­fahr von Fels­ein­stür­zen, Was­ser­ein­brü­chen, Feu­er, Erd­be­ben oder Ga­s­aus­trit­ten als gu­tes Ge­schäft. Von der Ver­si­che­rungs­prä­mie in Hö­he von 70 Mil­lio­nen Fran­ken für die 17jäh­ri­ge Rea­li­sie­rungs­pha­se konn­te ei­ne sat­ter Teil als Ge­winn ver­bucht wer­den. Schlaf­lo­se Näch­te ha­be er nicht ge­habt, be­rich­te­te der Schwei­zer Al­li­anz-Ri­si­ko­ex­per­te Beat Gug­gis­berg. Denn: „Die Her­aus­for­de­run­gen wur­den von den In­ge­nieu­ren und Un­ter­neh­men per­fekt ge­meis­tert.“„Die­ses gan­ze gi­gan­ti­sche Pro­jekt lief ab wie ein Schwei­zer Uhr­werk“, be­stä­tigt auch Her­renk­necht. Im Ver­gleich da­mit sei­en deut­sche Groß­pro­jek­te wie die Elb­phil­har­mo­nie und Stuttgart 21, vor al­lem aber der Berliner Flug­ha­fen „ein gro­ßes Trau­er­spiel“. Si­cher: auch beim Gott­hard-Jahr­hun­dert­bau­werk la­gen die Kos­ten über der pro­gnos­ti­zier­ten Sum­me. Und es gab Bau­ver­zö­ge­run­gen. Aber die Schwei­zer konn­ten rasch ge­gen­steu­ern. Auch weil es in al­len Bau­pha­sen gro­ße Trans­pa­renz und stren­ge öf­fent­li­che Kon­trol­le durch ei­nen Par­la­ments­aus­schuss gab. So blie­ben die Kos­ten seit 2008 im Plan. Und der an­vi­sier­te Ter­min 2017 konn­te so­gar um ein Jahr un­ter­bo­ten wer­den. Was lief am Gott­hard bes­ser als beim Berliner Flug­ha­fen? Her­renk­necht nennt vor al­lem zwei Grün­de: Die rea­le Ge­samt­lei­tung hät­ten von An­fang an ech­te Fach­leu­te ge­habt, nicht Po­li­ti­ker. „Man soll­te sol­che Sa­chen qua­li­fi­zier­ten In­ge­nieur­bü­ros und Bau­fir­men ge­ben, die sich aus­ken­nen.“Und er ver­weist auf die di­rek­te De­mo­kra­tie in der Schweiz: Lan­ge vor Bau­be­ginn sei das ge­sam­te Pro­jekt dem Volk er­läu­tert und zur Ab­stim­mung vor­ge­legt wor­den. „Die Schwei­zer ha­ben sich das gut über­legt, Ja ge­sagt – und stan­den dann voll da­hin­ter.“

Am 1. Ju­ni wird Mar­tin Her­renk­necht, Chef des Welt­markt­füh­rers für Tun­nel­vor­triebs­tech­nik in Schwa­nau, zu den Eh­ren­gäs­ten ge­hö­ren, die im Son­der­zug durch den Gott­hard-Ba­sis­tun­nel fah­ren und da­mit den mit 57 Ki­lo­me­tern längs­ten Ei­sen­bahn­tun­nel der Welt of­fi­zi­ell er­öff­nen. Fo­to: Her­renk­necht AG/avs

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