Hoch­pro­zen­ti­ger My­thos

Abs­inth: Von der Bo­hè­me-Dro­ge zum grün­schil­lern­den Sze­ne-Drink

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - Klaus Tscharn­ke

Grün­schil­lernd, bit­ter, ein we­nig ver­rucht und lan­ge Zeit ver­bo­ten – die Spi­ri­tuo­se Abs­inth ist bis heu­te My­then-um­rankt. Tat­säch­lich war der Thu­jon­hal­ti­ge Kräu­ter­schnaps zu An­fang des 20. Jahr­hun­derts die Dro­ge der Künst­ler-Bo­hè­me: Man­che Ma­ler und Schrift­stel­ler in­spi­rier­te die „Grü­ne Fee“, wie man­che Abs­inth nann­ten, zu ganz Gro­ßem. An­de­re trieb der be­rau­schen­de, oft aus min­der­wer­ti­gem Al­ko­hol her­ge­stell­te Schnaps ins Ver­der­ben. So soll sich der Ma­ler Vin­cent van Gogh im Abs­inth-Rausch ein Ohr ab­ge­schnit­ten ha­ben. Heu­te – gut 18 Jah­re nach dem Fall des jahr­zehn­te­lan­gen Abs­inth-Ver­bots in Deutsch­land – hat sich die aus der Wer­mut­pflan­ze ge­won­ne­ne Spi­ri­tuo­se zu ei­nem kul­ti­gen Sze­ne-Drink ent­wi­ckelt – be­liebt vor al­lem un­ter Stu­den­ten und jun­gen In­tel­lek­tu­el­len. Der jüngst an­ge­lau­fe­ne Ki­no-Film „Nur Flie­gen ist schö­ner“könn­te dem Abs­inth-Kult neu­en Auf­trieb ge­ben. In der fran­zö­si­schen „An­ti-Stress-Ko­mö­die“des Re­gis­seurs Bru­no Po­da­ly­dès, der selbst die Haupt­rol­le spielt, ge­langt ein mit sei­nem Ka­jak aus dem All­tag aus­ge­bro­che­ner Gra­fik­de­si­gner in ein ab­ge­le­ge­nes Aus­flugs­lo­kal: Dort er­lebt der End­fünf­zi­ger die lan­ge ver­miss­te Leich­tig­keit des Seins – auch dank aus­schwei­fen­den Abs­inth-Kon­sums. Das zur Ver­dün­nung des Hoch­pro­zen­ti­gen an­ge­bo­te­ne Eis­was­ser tröp­fel­te in dem Film stil­voll aus ei­ner so­ge­nann­ten Abs­inth-Fon­tä­ne – nichts für ge­hetz­te Ex- und Hopp-Trin­ker. Ei­ni­ge der Ki­nos nutz­ten die Pre­view-Vor­füh­rung des Films für ei­ne Abs­inth-Pro­be. Mit der Ki­no­kar­te er­hiel­ten die Be­su­cher ein Gläs­chen des Kräu­ter­schnap­ses – und ei­ne Ein­füh­rung ins Abs­inth-Ri­tu­al. Schon seit mehr als zehn Jah­ren ge­hört in der Frei­bur­ger Stu­den­tenknei­pe „Schlap­pen“Abs­inth zum Bar-Sor­ti­ment. In dem Lo­kal ge­he pro Mo­nat der In­halt von 100 Fla­schen Abs­inth über den Tre­sen, be­rich­tet Ge­schäfts­füh­rer Chris­ti­an Schäu­b­le. „Abs­inth ist vor al­lem bei Stu­den­ten und jun­gen In­tel­lek­tu­el­len an­ge­sagt“, be­rich­tet der Lo­kal­chef. Aber auch äl­te­re Gäs­te be­stell­ten ger­ne mal ein Gläs­chen. Man­che fas­zi­nie­re ein­fach der My­thos Abs­inth. An­de­re sei­en schlicht neu­gie­rig auf das schon von dem fran­zö­si­schen Im­pres­sio­nis­ten Paul Gau­gu­in ge­schätz­te Ge­tränk. Dass Gäs­te mit dem Abs­inth-Kon­sum den gro­ßen Rausch su­chen, be­zwei­felt Schäu­b­le aber. Da­zu sei in dem heu­te zu­ge­las­se­nen Abs­inth wohl zu we­nig des be­rau­schen­den Stoffs Thu­jon drin. Ei­ne Vor­sichts­maß­nah­me hat der Kn­ei­pen­chef den­noch ge­trof­fen: „Bei uns gibt es Abs­inth erst ab 21 Jah­ren“– ei­ne Kon­se­quenz aus frü­he­ren Er­fah­run­gen. „Da gab es jun­ge Leu­te, die glaub­ten, Abs­inth könn­te man wie Te­qui­la run­ter­schüt­ten.“Abs­inth müs­se man aber in Ru­he und in Ma­ßen ge­nie­ßen. „Denn Al­ko­hol und Thu­jon wir­ken zeit­ver­setzt“, das un­ter­schätz­ten man­che. Ei­nes der größ­ten deut­schen Ver­triebs­un­ter­neh­men für Abs­inth, die Fir­ma Li­on Spi­rits in Esch­bach/Breis­gau, sieht seit Jah­ren ei­nen „sta­bi­len Ab­satz“des Thu­jon-hal­ti­gen Kräu­ter­schnap­ses. Das nach der Auf­he­bung des Abs­inth-Ver­bots ge­grün­de­te Un­ter­neh­men be­lie­fert ne­ben Pri­vat­kun­den rund 100 Abs­inth-Bars in Deutsch­land. Welt­weit setzt Li­on Spi­rits pro Jahr rund 50 000 Fla­schen Abs­inth ab, et­wa ein Drit­tel da­von ge­he nach Deutsch­land. Im Ver­gleich mit an­de­ren Spi­ri­tuo­sen sei Abs­inth ein Ni­schen­markt, sagt Fir­men­chef Mar­kus Li­on. Als Ab­satz­brem­se wirkt nach sei­ner Auf­fas­sung nicht nur das noch im­mer ver­brei­te­te Image, Abs­inth sei ein „flüs­si­ger Jo­int“, son­dern auch der ver­hält­nis­mä­ßig ho­he Preis von 20 bis 100 Eu­ro pro Fla­sche. Das Bun­des­in­sti­tut für Ri­si­ko­be­wer­tung kam 2003 zu ei­ner eher zwie­späl­ti­gen Ein­schät­zung des Sze­ne-Drinks: Für pro­ble­ma­tisch hal­ten die Wis­sen­schaft­ler vor al­lem das im Abs­inth ent­hal­te­ne Thu­jon. Der Stoff sei ein star­kes Ner­ven­gift, das Hal­lu­zi­na­tio­nen und epi­lep­ti­sche Krämp­fe aus­lö­sen kön­ne, heißt es auf der In­sti­tuts-Web­sei­te. We­gen der ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Höchst­men­ge an Thu­jon er­war­tet das In­sti­tut den­noch kei­ne Ge­fähr­dung für die Ver­brau­cher, rät aber we­gen des ho­hen Al­ko­hol­ge­halts den­noch zur Vor­sicht.

Jahr­zehn­te­lang war der Schnaps ver­bo­ten

Als „grü­ne Fee“ver­zau­ber­te das Ge­tränk vie­le Künst­ler der Ju­gend­stil­zeit. An­de­re trieb die Bo­hè­me-Dro­ge Abs­inth in den kör­per­li­chen Ru­in. In­zwi­schen gibt es den Kräu­ter­schnaps wie­der in je­der bes­se­ren Bar. Fo­to: avs

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.