Mit fünf Gän­gen un­ter­wegs

Is­land­pfer­de sind in vie­ler­lei Hin­sicht ganz be­son­de­re Tie­re / Glück­lich sind sie in der Her­de

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Ask­ja“ist ein Aus­nah­me­ta­lent: Die Is­län­der­stu­te hat fünf Gän­ge. Was lus­tig klingt, als sei die Re­de von ei­nem Au­to, stimmt tat­säch­lich. Fünf Gan­gar­ten be­herr­schen nur ganz we­ni­ge Pfer­de. Üb­lich sind drei: Schritt, Tr­ab und Galopp. Mit fünf sind die Is­län­der Spit­zen­rei­ter. Die Tie­re aus dem skan­di­na­vi­schen Land, das auf hal­ber Stre­cke zwi­schen Eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka im At­lan­tik liegt, ha­ben aber noch mehr Re­kor­de auf La­ger. Auch wer nicht rei­tet, kennt die Pfer­de­gang­ar­ten Schritt, Tr­ab und Galopp. Schritt ist lang­sam, Tr­ab et­was schnel­ler, Galopp flott. Is­land­pfer­de ver­wen­den zu­sätz­lich die Gan­gar­ten Tölt und Pass. Tölt äh­nelt dem Schritt, ist aber ei­ne Spur schnel­ler. Und wäh­rend „Ask­ja“im Schritt Huf für Huf nach­ein­an­der auf­setzt, hal­ten im Tölt im­mer zwei ih­rer Hu­fe Kon­takt zum Bo­den: Vor­der- und Hin­ter­huf rechts oder links, wo­bei der vor­de­re Huf ei­nen Tick eher auf­ge­setzt wird als der hin­te­re. Der Huf­klang des rei­ten­den Pfer­des er­in­nert da­bei an ein schnell ti­cken­des Uhr­werk. Der Pass heißt manch­mal auch Renn­pass. Der Na­me der Gan­gart ver­rät: „Ask­ja“ist schnell un­ter­wegs. Pass strengt an. Lan­ge hält die Stu­te das Tem­po von bis zu 45 Ki­lo­me­tern pro St­un­de nicht durch. Zum Ver­gleich: Ein Au­to darf in­ner­halb ei­ner Stadt 50 Ki­lo­me­ter pro St­un­de fah­ren. Fahr­rad­fah­rer sind zwi­schen zehn und 25 Ki­lo­me­tern pro St­un­de schnell, je nach­dem, wie fit sie und ihr Rad sind, oder wie die Stra­ße ver­läuft. Ein Is­land­pferd im Pass sieht ein biss­chen aus, als wür­de es flie­gen. Es setzt gleich­zei­tig Vor­der- und Hin­ter­huf je ei­ner Sei­te auf, hebt dann aber bei­de gleich­zei­tig wie­der hoch. Da­durch hat es für ei­nen Mo­ment über­haupt kei­nen Bo­den­kon­takt. Bis die Hu­fe der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te auf­set­zen. Der Pass ist schon sehr spe­zi­ell! Das gilt all­ge­mein für die Ras­se der Is­land­pfer­de. Sie ist seit 1075 Jah­ren auf Is­land hei­misch. Die ers­ten Tie­re ka­men mit den Wi­kin­gern aus Nor­we­gen auf die In­sel und wa­ren lan­ge Zeit das ein­zi­ge Trans­port- und Fort­be­we­gungs­mit­tel der Men­schen dort. Prak­tisch, dass die Pfer­de mit ih­rem dich­ten Fell, das sie ih­ren Wild­pferd-Vor­fah­ren ver­dank­ten, nie fro­ren. Denn das Kli­ma Is­lands ist kalt und feucht. Ob­wohl Is­land­pfer­de ro­bust sind, freu­en sie sich über ei­nen tro­cke­nen Stall, der sie auch im Som­mer vor den Mü­cken schützt. Die ste­chen näm­lich so­gar durch Pfer­de­fell. Da­von ab­ge­se­hen, las­sen sich die Tie­re durch nichts aus der Ru­he brin­gen. Is­län­der ha­ben ein freund­li­ches We­sen. Sie zäh­len des­halb zu den Kalt­blü­tern un­ter den Pfer­de­ras­sen. Die Be­zeich­nung hat nichts mit der Tem­pe­ra­tur ih­res Blu­tes zu tun, denn das ist warm, son­dern mit ih­rem Tem­pe­ra­ment. Kalt­blü­ter ras­ten folg­lich nicht so schnell aus. Das gilt auch für „Ask­ja“, ob­wohl sich ihr Na­me von ei­nem is­län­di­schen Vul­kan ab­lei­tet. Is­land­pfer­de wer­den in­zwi­schen welt­weit ge­züch­tet. Die Is­län­der selbst hal­ten so­gar nur den Spit­zen­rei­tern die Treue: An­de­re Ras­sen sind in ih­rem Land ta­bu. Der Sa­ge nach ver­bot der Aling (aus­ge­spro­chen: „Alt­hing“mit eng­li­schem „th“), das mit­tel­al­ter­li­che is­län­di­sche Par­la­ment, schon im Jahr 1000 die Ein­fuhr wei­te­rer Pfer­de. Da­mit sind Is­land­pfer­de die äl­tes­te be­kann­te Rein­zucht auf der gan­zen Welt. Is­län­der sind Spät­zün­der. Die Tie­re wer­den erst mit vier bis fünf Jah­ren an­ge­rit­ten. Das be­deu­tet, sie wer­den lang­sam dar­an ge­wöhnt, Men­schen auf dem Rü­cken zu tra­gen. Und dar­an, wie sich Sat­tel und Zaum­zeug an­füh­len. Bei den meis­ten an­de­ren Pfer­de­ras­sen be­gin­nen er­fah­re­ne Rei­ter mit dem An­rei­ten, so­bald die Tie­re drei Jah­re alt sind. Is­land­pfer­de be­kom­men mehr Zeit, weil sie lang­sa­mer er­wach­sen wer­den. Ih­re Kno­chen sind mit drei Jah­ren noch nicht kräf­tig ge­nug, Rei­ter auf lan­gen Stre­cken zu tra­gen. Da­für er­rei­chen die Tie­re ein ho­hes Al­ter und kön­nen mit 30 Jah­ren noch ge­rit­ten wer­den. Auch wenn ihr Kör­per­bau ent­wi­ckelt ist, blei­ben Is­land­pfer­de ver­gleichs­wei­se klein. Mit 135 bis 145 Zen­ti­me­tern Stock­maß, so heißt der höchs­te Punkt des Pfer­de­rü­ckens, ha­ben sie eher Pony­ma­ße. Kräf­tig ge­nug, auch gro­ße Er­wach­se­ne zu tra­gen, sind sie trotz­dem! „Ask­jas“Vor­fah­ren wa­ren als Ar­beits- und Trans­port­pfer­de auf Is­land im Ein­satz. In­zwi­schen sind die neun­jäh­ri­ge Stu­te und ih­re Art­ge­nos­sen rei­ne Reit­pfer­de. Ge­sat­telt wer­den sie üb­ri­gens ein Stück­chen wei­ter hin­ten als an­de­re Pfer­de­ras­sen! Das hat wie­der­um mit dem Tölt zu tun, da­für be­nö­tigt das Is­land­pferd aus­rei­chend Be­we­gungs­frei­heit. Sitzt der Sat­tel zu weit vor­ne auf dem Pfer­de­rü­cken, schränkt er das Tier beim „Töl­ten“ein. Wenn „Ask­ja“frei hat, steht sie statt im Stall mit ih­ren Art­ge­nos­sen auf der Wei­de. Is­land­pfer­de sind in ih­rer Her­de am glück­lichs­ten. In dem skan­di­na­vi­schen In­sel­land le­ben et­wa 80 000 vier­bei­ni­ge Is­län­der. Zum Ver­gleich: Ein­woh­ner hat Is­land 330000. Macht ein Pferd pro vier Men­schen.

Is­land­pfer­de wer­den erst spät ge­rit­ten. Zu­vor schont man sie. Fo­to: Cor­ne­lia Pretzsch – fotolia.com

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