Ren­dez­vous mit dem Wind

Ca­bre­ra vor Mallor­ca ist der ein­zi­ge Na­tio­nal­park der Ba­lea­ren

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Sie sitzt auf ei­nem Bar­ho­cker im Co­me­dor. Ihr Blick ist ge­senkt. Die Son­ne gleißt durch die Tür. Der Ven­ti­la­tor bläst ge­gen die ste­hen­de Hit­ze an. Es ist die St­un­de des Ta­ges, in der Ca­bre­ra in Schweiß zer­fließt. Aus der Kü­che dringt das Klir­ren von Ge­schirr. Noch sind kei­ne Gäs­te hier, aber in ein paar Au­gen­bli­cken wer­den sie wie­der ein­fal­len. Dann be­völ­kern Dut­zen­de Aus­flüg­ler die „Can­ti­na“, das ein­zi­ge Lo­kal der In­sel. Ma­ría Vi­dal muss nicht lan­ge nach­den­ken. Es war vor 47 Jah­ren, als sie auf die In­sel kam. Seit­dem ver­brach­te sie vie­le Jah­re auf Ca­bre­ra. Ih­re ers­te Toch­ter kam mit ei­nem Jahr auf die In­sel, die zwei­te wur­de hier ge­bo­ren. Im­mer wie­der kehr­te sie in ih­re Hei­mat, nach Mallor­ca, zu­rück. Doch die meis­te Zeit ver­brach­te sie auf der kaum 16 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Haupt­in­sel, ein Nichts im Ma­ri­neblau des Mit­tel­mee­res. Es gibt kaum mehr als ein Dut­zend Häu­ser auf Ca­bre­ra. Kei­ne 20 Men­schen le­ben auf dem Ar­chi­pel mit ins­ge­samt 18 In­seln und In­sel­chen, de­ren kars­ti­ge Kup­pen sich leuch­tend gelb aus dem Meer schä­len: vier Park­wäch­ter der Na­tur­schutz­be­hör­de Iba­nat, ein paar Be­am­te der Guar­dia Ci­vil und die Vi­dals. Wer in we­ni­ger als ei­ner St­un­de von Colò­nia Sant Jor­di auf Mallor­ca mit ei­nem Aus­flugs­boot über­setzt, der fühlt sich wie in ei­ner an­de­ren Welt. Nur ein paar strup­pi­ge Bü­sche wach­sen auf den Fel­sen. Wer Glück hat, der sieht auch ein Ex­em­plar der en­de­mi­schen Ba­lea­ren-Ei­dech­se Po­dar­cis li­l­for­di. Sonst gibt es nicht viel auf Ca­bre­ra. Geo­lo­gisch ge­hört der Ar­chi­pel zu Mallor­ca. Vor et­wa 12 000 Jah­ren wur­den die In­seln ge­trennt. Schon die Phö­ni­zi­er steu­er­ten Ca­bre­ra an, spä­ter die Römer. Im 14. Jahr­hun­dert bau­te Ara­gons Kro­ne ei­ne Burg zum Schutz vor Pi­ra­ten­über­fäl­len. Noch heu­te thront sie ma­jes­tä­tisch über dem Ha­fen. Auch in neue­rer Zeit hat die fünf­te Ba­lea­ren­In­sel, wie sie vie­le nen­nen, ei­ne be­weg­te Ge­schich­te: Wäh­rend des spa­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­kamp­fes ge­gen Na­po­le­on zwi­schen 1808 und 1814 wur­den auf den da­mals un­be­wohn­ten In­seln 9 000 fran­zö­si­sche Ge­fan­ge­ne aus­ge­setzt – oh­ne Was­ser, Nah­rung und me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Mehr als 5 000 von ih­nen sind auf Ca­bre­ra ver­hun­gert. Ein Mo­nu­ment auf der Haupt­in­sel er­in­nert dar­an. Für Be­su­cher ist Ca­bre­ra ein Idyll. Im Meer fin­den sich rie­si­ge See­gras­wie­sen, sel­te­ne Al­gen- und Koral­len­ar­ten. Die Ge­wäs­ser sind die Hei­mat von Za­cken­bar­schen, Bä­ren­kreb­sen und Mee­res­schild­krö­ten. Wer kommt, der muss stren­ge Auf­la­gen be­ach­ten. Im gan­zen Park ist An­kern ver­bo­ten, Seg­ler dür­fen nur die fest in­stal­lier­ten Bo­jen be­nut­zen. We­ni­ge Or­te sind für Wan­de­rer frei zu­gäng­lich. Auch die Fi­sche­rei ist streng re­gle­men­tiert. „Ca­bre­ra ist ein Schatz, wie es ihn im Mit­tel­meer kaum noch gibt“, sagt Na­tio­nal­par­kDi­rek­tor Jor­ge Mo­re­no Pé­rez. Neu­er­dings kön­nen Tou­ris­ten auf der In­sel auch über­nach­ten. Kaum zehn Geh­mi­nu­ten von Ma­ría Vi­dals Can­ti­na hat die Ba­lea­renRe­gie­rung 2014 ei­ne Her­ber­ge für 24 Gäs­te er­öff­net. Na­tur­schüt­zer wa­ren über Her­ber­ge mit­ten im Park nicht be­geis­tert. Doch der Er­folg gibt der Re­gie­rung Recht: Seit der Er­öff­nung sind die Her­bergs­bet­ten so gut wie im­mer kom­plett be­legt. Die we­ni­ger als 2000 Per­so­nen, die je­des Jahr in der Her­ber­ge über­nach­ten, sei­en im Ver­hält­nis zu den 80 000 bis 90 000 Gäs­ten, die der Park je­des Jahr emp­fängt, ei­ne ver­schwin­dend ge­rin­ge Zahl. Sind die Ta­ges­aus­flüg­ler am spä­ten Nach­mit­tag ver­schwun­den, wird es still in der Can­ti­na. Zwei, drei St­un­den ha­ben Ma­ria Vi­dal und ih­re Fa­mi­lie dann Ru­he. Bis die Seg­ler ein­tref­fen. An der Bar scha­ren sich dann Tou­ris­ten mit wei­ßen Lei­nen­ho­sen und Ral­phLau­ren-Hem­den und sto­ßen auf die In­selIdyl­le an. Neu­er­dings sind im­mer öf­ter auch Gäs­te aus der Her­ber­ge da­bei. Vi­el­leicht muss sie bald an­bau­en, denn schon heu­te quillt die klei­ne Ter­ras­se ih­rer Can­ti­na an den hei­ßen Ta­gen im Som­mer vor Gäs­ten über. Doch dar­an mag die al­te Da­me nicht den­ken. „Denn das“, sagt sie, „über­las­se ich bes­ser der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on.“

Mallor­cas un­be­kann­te Nach­ba­rin: Das Ka­s­tell aus dem 14. Jahr­hun­dert thront über der In­sel Ca­bre­ra, dem ein­zi­gen Na­tio­nal­park der Ba­lea­ren. Auf der 16 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Haupt­in­sel le­ben nur 20 Men­schen. Fo­to: von Po­ser

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