Fürst Pück­ler – mehr als Spei­se­eis

Die Bun­des­kunst­hal­le Bonn er­zählt vom un­glaub­li­chen Le­ben des preu­ßi­schen „Par­ko­ma­nen“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausfluge - Chris­toph Dries­sen

Her­mann Fürst von Pück­ler be­zeich­ne­te sich selbst als „Par­ko­ma­nen“. Wie ein Be­ses­se­ner setz­te er Bäu­me ein, hob Tei­che aus und lei­te­te Flüs­se um – sein gan­zes Le­ben lang. Die Bun­des­kunst­hal­le in Bonn wid­met dem Gar­ten­künst­ler jetzt ei­ne gro­ße Aus­stel­lung. Man mag sich fra­gen, ob es nicht ziel­füh­ren­der wä­re, ein­fach Pück­lers Gär­ten zu be­su­chen. Das Pro­blem ist je­doch – zu­min­dest aus west­deut­scher Sicht: Sie lie­gen sehr weit im Os­ten. Es sind der als Unesco-Wel­ter­be an­er­kann­te Park von Bad Mus­kau auf der deutsch-pol­ni­schen Gren­ze, der Schloss­park Ba­bels­berg in Pots­dam und der Park von Schloss Bra­nitz in Cott­bus. Die Bon­ner Aus­stel­lung zieht al­le Re­gis­ter, um ei­nen Ein­druck von die­sen Pa­ra­die­sen zu ver­mit­teln: rie­si­ge Pan­ora­men, 3-DAn­sich­ten, Fil­me aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve und auf dem Dach des Mu­se­ums ein nach­ge­bil­de­ter Park. Vor al­lem aber er­zählt die Schau das Le­ben ei­nes un­ge­heu­er viel­sei­ti­gen Ex­zen­tri­kers: Der „tol­le Pück­ler“war Bal­lon­fah­rer, Tau­cher, Ori­en­t­rei­sen­der und ein be­rühm­ter Ge­sell­schaf­ter. Um die Da­men­welt zu be­ein­dru­cken, spann­te er schon mal ein paar wei­ße Hir­sche vor die Kut­sche. Ge­bo­ren 1785 noch vor der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, leb­te Pück­ler bis ins Grün­dungs­jahr des Deut­schen Kai­ser­rei­ches 1871. Die Lei­den­schaft für Gär­ten teil­te er mit sei­ner neun Jah­re äl­te­ren Frau Lu­cie von Hardenberg, die ihr Ver­mö­gen in den Park von Schloss Mus­kau steck­te. Als das Geld weg war, lie­ßen sich die bei­den auf Lu­cies Be­trei­ben ein­ver­nehm­lich schei­den, und Pück­ler ging in En­g­land auf die Su­che nach ei­ner neu­en be­gü­ter­ten Braut. Das blieb zwar er­folg­los, aber da­für schick­te er Lu­cie un­ent­wegt Brie­fe, in de­nen er auch sei­ne ero­ti­schen Aben­teu­er schil­der­te. Lu­cie ver­öf­fent­lich­te die Schrei­ben – und Pück­ler avan­cier­te zum meist­ge­le­se­nen deut­schen Rei­se­schrift­stel­ler. Mit dem Ge­winn ließ sich erst mal wei­ter­gärt­nern. Da­bei ging es Pück­ler nicht um die Na­tur an sich, son­dern um ih­re Ve­re­de­lung. Er woll­te ei­ne bes­se­re Welt er­schaf­fen – gleich­sam ei­ne 3-D-Aus­ga­be klas­si­scher Land­schafts­ge­mäl­de. Da­bei nutz­te er al­le tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten wie zum Bei­spiel ei­ne gro­ße Baum­pflanz­ma­schi­ne, die im Vor­hof des Mu­se­ums zu se­hen ist. Men­schen ka­men nur als Sta­tis­ten vor, et­wa in Gestalt ei­nes ro­man­ti­schen Ein­sied­lers. Ir­gend­wann war der grü­ne Preu­ße wie­der plei­te und be­schloss des­halb, das noch un­voll­ende­te Mus­kau für 1,7 Mil­lio­nen Ta­ler zu ver­kau­fen – ge­gen Lu­cies Wi­der­stand. Das vi­el­leicht be­rüh­rends­te Aus­stel­lungs­stück ist ein win­zi­ger Zet­tel, auf dem Lu­cie in zier­li­cher Hand­schrift notiert hat: „Mus­kau ver­kauft an Pr.(inz) der Nie­der­lan­de!“An­schlie­ßend ge­stal­te­te Pück­ler im Auf­trag des preu­ßi­schen Kron­prin­zen den Ba­bels­berg um. Da man in dem san­di­gen Un­ter­grund ei­gent­lich gar nichts an­pflan­zen konn­te, durch­zog er den Berg mit ei­nem per Dampf­kraft be­trie­be­nen Be­wäs­se­rungs­sys­tem – „un­vor­stell­bar teu­er“, wie die pol­ni­sche Ku­ra­to­rin Agnies­z­ka Lu­l­ins­ka be­tont. Pück­lers „letz­te Ver­rückt­heit“, wie er es nann­te, war die Ver­wand­lung sei­nes vä­ter­li­chen Erb­guts in Cott­bus, das ei­gent­lich in ei­ner plat­ten Öd­nis lag. Doch auch hier zau­ber­te er ein künst­li­ches Pa­ra­dies hin – und bau­te sich mit ei­ner be­grün­ten See­py­ra­mi­de sein Pha­rao­nen­grab. Auf­wen­dig und ein­falls­reich er­zählt die Aus­stel­lung dies al­les an­hand ei­ner Viel­zahl von Ob­jek­ten und Ar­ran­ge­ments. Selbst Pück­lers Din­er­sa­lon mit präch­ti­ger Spei­se­ta­fel wird re­kon­stru­iert. Dort kam je­nes Eis auf den Tisch, für das er heu­te be­kann­ter ist als für die Gär­ten – da­bei hat er es gar nicht selbst er­fun­den, son­dern sein Koch. Was der Schau fehlt, ist al­ler­dings ein Blick auf all je­ne, die Pück­lers Fan­ta­si­en um­set­zen muss­ten oder dar­un­ter zu lei­den hat­ten: die 200 Ar­bei­ter, die für ihn schuf­te­ten; die Bau­ern, die er um­sie­deln ließ.

Tief im Os­ten Deutsch­lands lie­gen von Fürst Pück­ler er­schaf­fe­ne Land­schafts­gär­ten. Tief im Wes­ten wird das Le­ben des „Par­ko­ma­nen“er­zählt. Ei­ne Gar­ten­land­schaft auf dem Dach der Bun­des­kunst­hal­le ge­hört da­zu.

Aus­schnitt aus ei­nem Sam­mel­bild „Er­in­ne­rung an Mus­kau“(cir­ca 1850): Das Eis mit dem Na­men des Fürs­ten Pück­ler ken­nen vie­le Men­schen – sei­ne Parks da­ge­gen nur we­ni­ge. Fo­tos: avs

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