Gött­li­che Ge­schich­ten

Be­mer­kens­wer­tes und Ku­rio­ses über Kir­chen in Karls­ru­he

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Nicht nur aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve – hier über St. Jo­han­nes Bap­tis­ta in Dur­lach-Aue – las­sen sich ver­blüf­fen­de Ent­de­ckun­gen ma­chen

Er ge­hört zu den Top Ten un­ter Deutsch­lands Tou­ris­ten­at­trak­tio­nen: der Köl­ner Dom. Jahr für Jahr drän­gen sich mehr als sechs Mil­lio­nen Be­su­cher in der go­ti­schen Ka­the­dra­le, die einst als größ­tes Bau­werk der Welt galt. Zu­min­dest aus tou­ris­ti­scher Sicht, so scheint es, ha­ben Kir­chen nach wie vor Kon­junk­tur. In Karls­ru­he gibt es zwar kei­nen an­nä­hernd so be­rühm­ten Sa­kral­bau wie den Köl­ner Dom – doch las­sen sich auch in hie­si­gen Got­tes­häu­sern Ent­de­ckun­gen ma­chen, die nicht nur für gläu­bi­ge Chris­ten fas­zi­nie­rend sind. Da­bei loh­nen bei wei­ten nicht nur die re­prä­sen­ta­ti­ven Wein­bren­ner-Kir­chen in der In­nen­stadt ei­ne nä­he­re Be­trach­tung. Oft ver­bin­den sich auch mit eher un­schein­ba­ren Sa­kral­bau­ten span­nen­de, ku­rio­se oder „ein­fach gött­li­che“Ge­schich­ten. Der SONN­TAG hat ei­ni­ge zu­sam­men­ge­stellt.

Kon­fes­si­ons­gren­ze quer durch Karls­ru­he: Dass ein Lan­des­herr Lu­the­ra­ner, Re­for­mier­te, Ka­tho­li­ken und Ju­den auf­ruft, sich in ei­ner neu­en Stadt an­zu­sie­deln, war im Jahr 1715, als die Fä­cher­stadt ge­grün­det wur­de, al­les an­de­re als selbst­ver­ständ­lich. Aber ein re­li­gi­ons­ge­schicht­li­ches Ku­rio­sum ist Karls­ru­he auch aus ei­nem an­de­ren Grund: Quer durch das heu­ti­ge Stadt­ge­biet lief einst­mals ei­ne po­li­ti­sche so­wie kon­fes­sio­nel­le Gren­ze – die zwi­schen der lu­the­ri­schen Mark­graf­schaft Ba­den-Dur­lach und der ka­tho­li­schen Mark­graf­schaft Ba­den-Ba­den. Als der lu­the­ri­sche Mark­graf Karl Wil­helm Karls­ru­he grün­de­te, la­gen die spä­ter ein­ge­mein­de­ten Or­te Bei­ert­heim, Bu­lach, Dax­lan­den, Grün­win­kel und Stup­fe­rich noch im ka­tho­li­schen „Aus­land“. So wur­de et­wa die klei­ne Saal­kir­che St. Va­len­tin in Dax­lan­den vom ba­den-ba­di­schen Hof­bau­meis­ter Micha­el Lud­wig Roh­rer ge­plant – er war auch der Ar­chi­tekt von Schloss Fa­vo­ri­te in Ras­tatt. Die Kir­che wur­de am 16. Ju­ni 1715, ei­nen Tag vor der Grund­stein­le­gung fürs Karls­ru­her Schloss, ge­weiht.

Würt­tem­berg grüßt in Palm­bach: In der Wal­dens­er­kir­che im Karls­ru­her Stadt­teil Palm­bach be­fin­den sich hin­ter dem Al­tar fran­zö­sisch be­schrif­te­te Holz­ta­feln. Auf ei­ner von ih­nen heißt es über­setzt: „Die­se Kir­che ist er­baut wor­den durch den Bei­stand Got­tes und mit Huld und Hil­fe Sei­ner Ma­jes­tät Se­re­nis­si­mi, des Her­zogs von Würt­tem­berg ...“. Was der Würt­tem­ber­ger mit Palm­bach zu tun hat­te? Ganz ein­fach: Her­zog Eber­hard Lud­wig war, als 1725 der Vor­gän­ger­bau der heu­ti­gen Kir­che ent­stand, der für Grün­wet­ters­bach zu­stän­di­ge Lan­des­herr. Er hat­te, da der fran­zö­si­sche Kö­nig kei­ne Pro­tes­tan­ten mehr in sei­nem Land dul­de­te, wal­den­si­schen Glau­bens­flücht­lin­gen ei­ni­ge Äcker am Ran­de von Grün­wet­ters­bach über­las­sen. Die Wal­den­ser stamm­ten aus La Bal­me – in An­leh­nung dar­an wur­de ih­re neue An­sied­lung Palm­bach ge­nannt. Grün­wet­ters­bach und Palm­bach blie­ben bis 1806 würt­tem­ber­gi­sche Ex­kla­ven, dann erst wur­den die Or­te durch Ge­biets­tausch ba­disch.

Ein Platz für die Öku­me­ne: Seit 1715 leb­ten evan­ge­li­sche und ka­tho­li­sche Chris­ten in Karls­ru­he Tür an Tür. Aber bis sie erst­mals ge­mein­sam ei­nen Got­tes­dienst fei­er­ten – das dau­er­te bis 1964. In Er­in­ne­rung dar­an er­hielt der Platz hin­ter dem Rat­haus West in ei­ner Kur­ve der Hilda­pro­me­na­de 1978 den Na­men „Öku­me­ne­platz“. Karls­ru­he, schreibt Jür­gen Krü­ger im Buch „Kir­chen in Karls­ru­he und die Sy­nago­ge“, war die ers­te Stadt in Deutsch- land, die die Öku­me­ne mit ei­nem Stra­ßen­be­zie­hungs­wei­se Platz­na­men wür­dig­te. Am Öku­me­ne­platz steht die Kir­che Chris­ti Au­fer­ste­hung – ein alt-ka­tho­li­sches Got­tes­haus. Die Alt-Ka­tho­li­ken hat­ten sich 1870 nach dem Ers­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil von der rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che ab­ge­spal­ten, weil sie das Dog­ma von der päpst­li­chen Un­fehl­bar­keit nicht mit­tra­gen woll­ten.

Vom Tanz­saal zur Kir­che: Un­ver­kenn­bar hat Fried­rich Wein­bren­ner das Evan­ge­li­sche Ge­mein­de­zen­trum Paul Ger­hardt ge­prägt. Als Kir­che hat­te der be­rühm­te Karls­ru­her Ar­chi­tekt die­ses Ge­bäu­de al­ler­dings nicht ge­plant. Viel­mehr soll­te im frü­hen 19. Jahr­hun­dert ein no­bles Ge­sell­schafts­haus mit Tanz­saal die bei Bei­ert­heim ge­le­ge­nen Ba­de­ka­bi­nen an der Alb, das „Ste­pha­ni­en­bad“, er­gän­zen. Ei­ne evan­ge­li­sche Ge­mein­de war da­mals in wei­ter Fer­ne – schließ­lich leb­ten in Bei­ert­heim ganz über­wie­gend Ka­tho­li­ken. 1926 je­doch mie­te­te die evan­ge­li­sche Me­lan­chthon­pfar­rei (sie war für da­mals für die Pro­tes­tan­ten in der Süd­west­stadt, in Bei­ert­heim, Wei­her­feld und spä­ter auch im Dam­mer­stock zu­stän­dig) das Ge­bäu­de. 1957 wur­de schließ­lich die Pau­lGer­hard-Pfar­rei im Ste­pha­ni­en­bad ge­grün­det und der frü­he­re Fest­saal end­gül­tig als Kir­chen­raum her­ge­rich­tet.

Ei­ne Kir­che in der Schwimm­hal­le: 1919 wur­de die Preu­ßi­sche Ka­det­ten­an­stalt in der Karls­ru­her Molt­ke­stra­ße auf­ge­löst – und aus­ge­rech­net in der Hal­le an der Gre­na­dier­stra­ße, in der zu­vor der Of­fi­ziers­nach­wuchs Schwim­men ge­lernt hat­te, wur­de 1924/25 ei­ne ka­tho­li­sche „Not­kir­che“ein­ge­rich­tet. Das Mau­er­werk der Ba­de­an­stalt blieb – schon aus Kos­ten­grün­den – weit­ge­hend er­hal­ten. Nicht oh­ne Stolz sol­len Ge­mein­de­mit­glie­der be­rich­tet ha­ben, „dass das Halb­rund mit den Du­schen nun auf wun­der­ba­re Wei­se als Ap­sis für den Hoch­al­tar“die­ne. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de die al­te Bau­sub­stanz je­doch suk­zes­si­ve in ei­nen Neu­bau in­te­griert und heu­te, so der Kunst­his­to­ri­ker Jür­gen Krü­ger, er­in­ne­re das Ge­bäu­de der Kir­che Herz Je­su „mit kei­nem St­ein mehr an sei­ne Ge­schich­te“.

Aus Rat­haus-Trüm­mern er­baut: Ei­ne Kir­che von der Stan­ge? Der in Karls­ru­he ge­bo­re­ne Ar­chi­tekt Ot­to Bart­ning ent­warf nach dem Zwei­ten Welt­krieg ei­ne Stan­dard-Kir­che, von der es meh­re­re Va­ri­an­ten gab. Da­bei wur­de der Kir­chen­raum durch Holz­bin­der­kon­struk­tio­nen ge­bil­det, die wie Zelt­stan­gen auf­ge­stellt wur­den, auch Fens­ter und Tü­ren wur­den in Se­rie ge­fer­tigt. Beim Kir­chen­bau selbst soll­ten die Ge­mein­de­mit­glie­der mit­an­pa­cken. Von dem Not­kir­chen-Pro­gramm pro­fi­tier­te auch die evan­ge­li­sche Ge­mein­de in Wei­her­feld-Dam­mer­stock: Die Karls­ru­her Frie­dens­kir­che ist ei­ne von rund 50 Bart­ning’schen Not­kir­chen, die in Deutsch­land zwi­schen 1947 und 1953 ge­baut wur­den. Ihr Mau­er­werk be­steht aus Bruch­stei­nen vom kriegs­zer­stör­ten Karls­ru­her Rat­haus.

Ka­pel­le im Knast: Ei­nen Sa­kral­raum gab es von je­her in der En­de des 19. Jahr­hun­dert er­bau­ten Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt in der Rief­stahl­stra­ße. Die heu­ti­ge Ka­pel­le wur­de 2009 von dem Künst­ler­ehe­paar Bar­ba­ra Jä­ger und OMI Ries­te­rer neu aus­ge­stal­tet. Jür­gen Krü­ger zu­fol­ge ent­wi­ckelt der Raum durch­aus An­zie­hungs­kraft auf die Ge­fäng­nis­in­sas­sen: Der Got­tes­dienst­be­such lie­ge bei 35 Pro­zent.

Fo­to: Sand­bil­ler/Mon­ta­ge: SO

Fo­to: bo

Im neo­go­ti­schen Stil wur­de die Chris­tus­kir­che am Mühl­bur­ger Tor ge­baut. Das 1900 ein­ge­weih­te evan­ge­li­sche Got­tes­haus in der West­stadt ge­hört zu den we­ni­gen Kir­chen in Karls­ru­he, die die At­mo­sphä­re der Er­bau­ungs­zeit be­wah­ren konn­ten.

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