Eu­ro­päi­scher Nerz: Ein Ein­zel­gän­ger auf der Ver­lie­rer­sei­te

Der klei­ne Un­be­kann­te: Eu­ro­päi­scher Nerz wohnt jetzt im Hei­del­ber­ger Zoo

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Ein Nerz? Na klar, da denkt man an den be­rühm­ten Pelz­man­tel. Und an Zucht­far­men, in de­nen frei­lich ame­ri­ka­ni­sche Ner­ze, die Min­ke, ge­hal­ten wer­den. Aber wer kennt den Eu­ro­päi­schen Nerz? Und wer aus un­se­rer Re­gi­on hat schon ein­mal ein le­ben­des Ex­em­plar ge­se­hen? Das et­wa eich­hörn­chen­gro­ße Raub­tier gilt in Deutsch­land seit 1925 als aus­ge­stor­ben. Jetzt ist ein Ver­tre­ter die­ser eu­ro­pa­weit stark ge­fähr­de­ten Art in den Hei­del­ber­ger Zoo ein­ge­zo­gen. Mit ein biss­chen Glück kön­nen ihn Be­su­cher im Wasch­bä­ren­ge­he­ge ent­de­cken. „Der Europäische Nerz ist sehr scheu“, sagt die Bio­lo­gin San­dra Reich­ler. Aber nach­mit­tags, wenn es auf die Füt­te­rung zu­geht, wer­de das Tier ziem­lich ak­tiv. Der Nerz im Hei­del­ber­ger Zoo ist ei­ne Art „Test­tier“. Der Zoo un­ter­stützt die Be­mü­hun­gen

Ver­tre­ter der hei­mi­schen Ver­lie­rer

des Ver­eins „Eu­roNerz“, des­sen Ziel es ist, den Eu­ro­päi­schen Nerz wie­der in ge­eig­ne­ten Le­bens­räu­men an­zu­sie­deln. Da­für gilt es, ei­ne star­ke „Grün­der­po­pu­la­ti­on“zu schaf­fen. Aber was bringt es, wenn der Hei­del­ber­ger Zoo ein ein­zel­nes Tier, noch da­zu ein männ­li­ches, auf­nimmt? „Ner­ze sind ex­tre­me Ein­zel­gän­ger“, sagt San­dra Reich­ler – auch mit Ver­tre­tern des an­de­ren Ge­schlechts wol­len sie au­ßer­halb der Paa­rungs­zeit in der Re­gel nichts zu tun ha­ben. Und selbst in der Paa­rungs­zeit sind die Tie­re aus­ge­spro­chen wäh­le­risch – was die Zucht schwie­rig macht. Wenn es dar­auf an­kommt, wird das Hei­del­ber­ger Nerz-Männ­chen da­her in die Ver­paa­rungs­sta­ti­on von Eu­roNerz ge­bracht, wo es hof­fent­lich auf ei­ne Nerz­da­me trifft, die nicht nur ge­ne­tisch passt, son­dern dem Herrn auch zu­sagt. Nach Hei­del­berg zu­rück­keh­ren wird er nach voll­brach­tem Werk aber vor­aus­sicht­lich nicht. Statt­des­sen soll im kom­men­den Jahr ein tra­gen­des Weib­chen in das Ge­he­ge ein­zie­hen, hier sei­ne Jun­gen zur Welt brin­gen und auf­zie­hen. Dass die klet­ter­freu­di­gen und was­seraf­fi­nen Ner­ze in dem 540 Qua­drat­me­ter gro­ßen Are­al im Hei­del­ber­ger Zoo ei­ne Um­ge­bung zum Wohl­füh­len fin­den, stellt das „Test­tier“ge­ra­de un­ter Be­weis. Auch das Zu­sam­men­le­ben mit den Wasch­bä­ren (die der Nerz im Ge­gen­satz zu Art­ge­nos­sen to­le­riert) funk- tio­niert of­fen­bar rei­bungs­los. „Die­ser Nerz ist ziem­lich selbst­be­wusst, er weiß sich zu weh­ren und ist im Ge­he­ge recht do­mi­nant“, sagt San­dra Reich­ler. Da­bei tref­fen hier zwei Tier­ar­ten mit ei­nem ganz ent­ge­gen­ge­setz­tem Schick­sal zu­sam­men: Wäh­rend der Europäische Nerz für ei­ne seit lan­gem ver­dräng­te hei­mi­sche Mar­der­art steht, stam­men die Wasch­bä­ren ur­sprüng­lich aus Nord­ame­ri­ka – hier­zu­lan­de ver­meh­ren sich die „Ein­wan­de­rer“aber auch au­ßer­halb von Tier­gär­ten präch­tig und rü­cken den Men­schen kräf­tig auf die Pel­le. Da­bei ist der Wasch­bär nur ei­ner von mitt­ler­wei­le 260 „Neo­zo­en“(so hei­ßen die tie­ri­schen „Neu­bür­ger“in der Fach­spra­che), die in der hei­mi­schen Tier- und Pflan­zen­welt zum Teil gra­vie­ren­de Schä­den an­rich­ten. Der Europäische Nerz ist ein Ver­tre­ter der „Ver­lie­rer­sei­te“. Ur­sprüng­lich war er fast über­all in Eu­ro­pa be­hei­ma­tet, doch sein at­trak­ti­ves Fell mach­te ihn zum be­gehr­ten Jag­d­ob­jekt. Der Ver­lust na­tür­li­cher Ge­wäs­ser und die Zer­stö­rung sei­ner Le­bens­räu­me ka­men hin­zu – vor rund 100 Jah­ren ver­schwand der Nerz aus Deutsch­land. Et­wa zur glei­chen Zeit ka­men mit den Nerz­far­men die ers­ten ame­ri­ka­ni­schen Ner­ze, die Min­ke, nach Eu­ro­pa. Als in den 1990er Jah­ren ra­di­ka­le Tier­schüt­zer be­gan­nen, Min­ke im gro­ßen Stil aus Nerz­far­men zu be­frei­en, stan­den die Wei­chen auf „In­va­si­on“. So­weit sie nicht von Au­tos über­fah­ren oder von an­de­ren Tie­ren ge­fres­sen wur­den, rich­te­ten sich die Min­ke an den Ufern deut­scher Bä­che und Se­en ein. Das schafft bei der Wie­der­an­sied­lung des Eu­ro­päi­schen Ner­zes zu­sätz­li­che Pro­ble­me: Die grö­ße­ren und ag­gres­si­ve­ren nord­ame­ri­ka­ni­schen Ner­ze ver­ja­gen die europäische Ver­wandt­schaft aus ih­ren Le­bens­räu­men. Doch es gibt Hoff­nungs­schim­mer: Ein im Jahr 2010 ge­star­te­tes Aus­wil­de­rungs­pro­jekt des Ver­eins Eu­roNerz hat nach­weis­lich Früch­te ge­tra­gen: Fo­tos, die am St­ein­hu­der Meer in Nie­der­sach­sen ge­macht wur­den, zei­gen im Frei­land ge­zeug­te Europäische Ner­ze. Mehr über in­va­si­ve Ar­ten und die von ih­nen aus­ge­hen­den Ge­fah­ren für die hei­mi­sche Tier­welt kann man bei In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen zum „Tag der Ar­ten­viel­falt“am heu­ti­gen Sonn­tag und am Ar­ten­schutz­tag (3. Ju­li) im Zoo Hei­del­berg er­fah­ren – und da­bei viel­leicht auch ei­nen Blick auf den neu­en Zoo­be­woh­ner, den Eu­ro­päi­schen Nerz, er­ha­schen.

Fo­to: © Flo­ri­an Möl­lers, Bohm­te

Wäh­le­ri­scher Typ: Die Zucht des Eu­ro­päi­schen Ner­zes ist schwie­rig. Ur­sprüng­lich war das klei­ne Raub­tier fast über­all in Eu­ro­pa be­hei­ma­tet, heu­te gilt es als stark ge­fähr­det.

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