Sie sind dann mal weg …

Die Pil­ger­lust ist un­ge­bro­chen / Trend­for­scher: Es geht vor al­lem um die in­ne­re Ein­kehr

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Chris­ti­ne Cor­ne­li­us/An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Mar­git Fer­tig ist zum 38. Mal da­bei. Jahr für Jahr pil­gert die 72-Jäh­ri­ge von ih­rer Hei­mat­ge­mein­de Lim­bach im Oden­wald nach Wall­dürn, ei­nem der be­deu­ten­den deut­schen Wall­fahrts­or­te. „Man kommt zur Ru­he, kriegt an­de­re Ge­dan­ken, kann Kraft schöp­fen“, sagt die Se­nio­rin. In der Nacht zu­vor hat sie sich mit ih­rer Pil­ger­grup­pe auf den rund 20 Ki­lo­me­ter lan­gen Weg ge­macht, um pünkt­lich zum Got­tes­dienst am Mor­gen ein­zu­tref­fen. „Wenn man dann in der Kir­che sitzt, das ist ein Ge­fühl, das man nicht be­schrei­ben kann.“Von den Mär­schen nach Wall­dürn zeh­re sie schon ihr gan­zes Le­ben. Wäh­rend der vier­wö­chi­gen Haupt­wall­fahrts­zeit (sie en­det am 19. Ju­ni) er­war­tet die nord­ba­di­sche Stadt rund 50 000 Pil­ger. Zu Fuß, mit dem Fahr­rad oder als Bus­pil­ger, in Grup­pen oder al­lei­ne, kom­men sie aus ganz Deutsch­land. Ihr Ziel ist der Blut­schrein in der Wall­fahrts­ba­si­li­ka, der in die­ser Zeit of­fen­steht. Das Hei­lig­tum geht auf ein Wun­der im Jahr 1330 zu­rück. Ne­ben der Haupt­wall­fahrts­zeit gibt es in Wall­dürn noch be­son­de­re Wall­fahrts­ta­ge: Be­reits im Mai konn­ten Mo­tor­rad­fah­rer ih­re Ma­schi­nen seg­nen las­sen, am 10. Sep­tem­ber fin­det der Wall­fahrts­tag der Fahr­rad­fah­rer mit ei­ner „Rund­fahrt für den Frie­den“statt und am 24. Sep­tem­ber ist Rei­se­mo­bil-Wall­fahrt. Die Pil­ger­lust der Deut­schen ist un­ge­bro­chen – und da­bei sind längst nicht al­le, die sich auf den Weg machen, re­li­gi­ös. Vie­le, auch jun­ge Leu­te, su­chen das spi­ri­tu­el­le Er­leb­nis, Ant­wor­ten auf die Sinn­fra­ge oder sie hof­fen auf ei­nen rei­ni­gen­den Neu­be­ginn. Ex­per­ten schrei­ben den Boom nicht nur dem Ha­pe-Ker­ke­ling-Ef­fekt („Ich bin dann mal weg“) zu. Als das Buch vor zehn Jah­ren er­schien, sei die Dau­e­r­er­reich­bar­keit noch nicht so aus­ge­prägt ge­we­sen wie heu­te, sagt Pe­ter Wip­per­mann. „Wir ha­ben per­ma­nent Zu­gang zur Welt und die Welt per­ma­nent Zu­gang zu uns. Es bleibt kaum Zeit, uns um uns selbst und un­se­re Zie­le und Wün­sche zu küm­mern.“Die sonst feh­len­de Zeit ist beim Pil­gern da – und mit ihr kom­men Ge­dan­ken, die sonst im All­tags­stress kei­nen Platz ha­ben. „Es geht in ers­ter Li­nie um ei­ne in­ne­re Ein­kehr“, sagt Wip­per­mann. „Man hat ein Ziel, aber in Wirk­lich­keit ist der Weg das Ziel.“Die Kir­che bie­te hier ei­ne Art Me­di­ta­ti­on an. „Frü­her war Pil­gern ei­ne Ran­der­schei­nung, heu­te wird es an­ge­nom­men wie ein Ser­vice­an­ge­bot, um die in­ne­re Ba­lan­ce wie­der­zu­fin­den.“Auch die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz spricht von ei­nem Trend. „Wir stel­len fest, dass im­mer mehr Men­schen sich – häu­fig al­lei­ne – zu Fuß auf den Weg machen“, sagt der Re­fe­rent für Tou­ris­tik­seel­sor­ge, Gre­gor Spieß. Die Zahl der Pil­ger­we­ge in Deutsch­land stei­ge. Die Diö­ze­se Rot­ten­burg-Stutt­gart, die un­ter dem Pa­tro­zi­ni­um des Hei­li­gen Mar­tin steht, hat bei­spiels­wei­se ei­nen Mar­ti­nus­weg aus­T­rend­for­scher ge­wie­sen – nicht ein­fach als Wan­der­weg, wenn­gleich er durch be­mer­kens­wer­te Land­schaf­ten führt, son­dern als „geist­li­chen Weg“. Die­ser Pil­ger­weg (die Haupt­stre­cke führt von Tann­heim bei Bi­be­rach nach Schwai­gern bei Heil­bronn) liegt auf ei­ner ge­dach­ten Ach­se zwi­schen Szom­ba­the­ly in Un­garn, wo der volks­tüm­li­che Hei­li­ge vor 1 700 Jah­ren ge­bo­ren wur­de, so­wie sei­ner Grab­le­ge im fran­zö­si­schen Tours. „Ne­ben der Er­fah­rung der per­sön­li­chen Ent­schleu­ni­gung und des un­mit­tel­ba­ren Na­tur­er­le­bens ist das Al­lein­sein mit sich und mit Gott ei­ne star­ke Mo­ti­va­ti­on“, sagt Spieß. Für man­che Men­schen ist aber ge­ra­de das Ge­mein­schafts­er­leb­nis wich­tig. Die­ser Aspekt spielt et­wa ei­ne Rol­le, wenn heu­te die evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen Ge­mein­den der Karls­ru­her „Berg­dör­fer“zum öku­me­ni­schen Pil­ger­weg ein­la­den, der be­reits zum zwölf­ten Mal statt­fin­det und um 9.30 Uhr mit ei­nem Got­tes­dienst in St. Kon­rad in Ho­hen­wet­ters­bach be­ginnt. Das Mot­to des Pil­ger­wegs, zum dem ne­ben dem „Von Ort zu Ort ge­hen“und geist­li­chen Im­pul­sen auch der Be­such bei ei­nem Bi­o­bau­ern und ein Pick­nick ge­hö­ren, lau­tet „So­lan­ge die Er­de steht … Vom Sä­en, Wach­sen und Rei­fen“. Bis­wei­len sind es ganz kon­kre­te An­lie­gen, die Men­schen ei­ne Gna­den­stät­te auf­su­chen las­sen. So pil­gern nach Wall­dürn vie­le Leu­te, die auf Hei­lung für sich oder an­de­re hof­fen. Ma­rio Ger­sitz zum Bei­spiel. Der 38-Jäh­ri­ge

Se­nio­rin läuft zum 38. Mal nach Wall­dürn

ist zum fünf­ten Mal da­bei. „Mei­ne Frau hat ih­ren Bru­der an Leuk­ämie ver­lo­ren – das hat uns da­mals be­wegt, hier­her zu lau­fen, Kraft zu schöp­fen und zu be­ten, dass sonst al­les gut läuft in der Fa­mi­lie.“Dies­mal sei die Krank­heit sei­ner Mut­ter sei­ne per­sön­li­che Mo­ti­va­ti­on. „Ich be­te da­für, dass al­les gut geht..“Für die Or­te mit ei­ner Wall­fahrts­stät­te be­deu­ten die Pil­ger auch ei­nen Geld­se­gen. Rund um die Wall­dür­ner Wall­fahrts­ba­si­li­ka St. Ge­org blüht der De­vo­tio­na­li­en­han­del. Wall­fahrts­ker­zen und Weih­was­ser­fla­schen sind der Ren­ner. Re­stau­rants bie­ten Spei­se­kar­ten spe­zi­ell zur Wall­fahrt an. „Es ist ein gro­ßer Wirt­schafts­fak­tor, vor al­lem im gas­tro­no­mi­schen Be­reich“, sagt Wall­dürns Bür­ger­meis­ter Mar­kus Gün­ther. „Über­nach­tun­gen gibt es lei­der nicht mehr so vie­le wie in frü­he­ren Zei­ten.“War­um ver­wei­len? Der Weg ist das Ziel – und der en­det in Wall­dürn.

Hof­fen auf Hei­lung – für sich und für an­de­re

Gläu­bi­ge kni­en wäh­rend ei­nes Got­tes­diens­tes vor dem Hei­lig-Blut-Al­tar in Wall­dürn. Die nord­ba­di­sche Stadt ist ei­ner der be­deu­tends­ten deut­schen Wall­fahrts­or­te. Wäh­rend der Haupt­wall­fahrts­zeit, die noch bis 19. Ju­ni dau­ert, pil­gern vie­le Fuß­grup­pen, die oft meh­re­re Ta­ge un­ter­wegs sind, zu der Gna­den­stät­te. Fo­tos: avs

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