Wenn die Na­tur tobt

Brauns­bach und die Fra­ge nach der Häu­fig­keit von sol­chen Un­glü­cken

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher Tho­mas Adam. Feu­er, Flu­ten, Ha­gel­wet­ter. Na­tur­ka­ta­stro­phen in Ba­den-Würt­tem­berg. Theiss Ver­lag, 224 Sei­ten, 24,95 Eu­ro.

Drei win­zi­ge Bä­che flie­ßen nor­ma­ler­wei­se durch Brauns­bach in der frän­ki­schen Re­gi­on Ho­hen­lo­he. Vo­ri­gen Sonn­tag wur­den die Bä­che zu rei­ßen­den Flüs­sen. Sie spül­ten un­ge­ahn­te Was­ser­mas­sen durch den Ort und hin­ter­lie­ßen mit samt ei­ner Schlamm- und Ge­röll­la­wi­ne ei­ne Schnei­se der Ver­wüs­tung. Der na­he Fluss Ko­cher nahm die Bä­che auf und hat­te ei­ne Was­ser­tie­fe von drei Me­tern, nor­mal sind 80 Zen­ti­me­ter schon viel. Die 2000 Ein­woh­ner von Brauns­bach stan­den ver­gan­ge­ne Wo­che er­schüt­tert vor weg­ge­ris­se­nen Ge­bäu­den, ein­sturz­ge­fähr­de­ten Häu­sern. Auf kaum noch er­kenn­ba­ren Stra­ßen türm­te sich der Schutt, in den Kel­ler stand das aus­ge­lau­fe­ne Heiz­öl, die Be­woh­ner hat­ten kein Was­ser und kei­ne Toi­let­ten. Wird „Brauns­bach“nun zum Syn­onym für die be­droh­li­che Na­tur­ge­walt, für die ver­hee­ren­den Fol­gen un­vor­stell­bar ge­wal­ti­ger Re­gen­men­gen über ei­nem Ort von Ba­den-Würt­tem­berg? Mahnt Brauns­bach lang­fris­tig, wenn um Vor­sor­ge und Kli­ma­wan­del dis­ku­tiert

Klei­ne und gro­ße Hoch­wäs­ser neh­men zu

wird? Viel­leicht sinkt der Ort schnell wie­der ab in je­ner „Er­in­ne­rungs­kur­ve“, die mit Na­tur­er­eig­nis­sen ver­bun­den ist. Auf die Wahr­neh­mung ei­nes Scha­dens als „Ka­ta­stro­phe“, wird oft vor­schnell sei­ne Ein­zig­ar­tig­keit her­aus­ge­stellt. Merk­wür­di­ger­wei­se folgt auf die sen­sa­ti­ons­hei­schen­de Über­hö­hung meist ein Ver­ges­sen, wenn es dar­um geht, ähn­li­chen Ge­fah­ren vor­zu­beu­gen. An­woh­ner am Rhein weh­ren sich ge­gen Rück­hal­te­flä­chen, Bau­her­ren wol­len nicht auf das Hang­grund­stück ver­zich­ten, Erd­be­ben­si­cher­heit wird als zu teu­er emp­fun­den. Auf die­se wi­der­sprüch­li­che Re­ak­ti­on nach Er­eig­nis­sen wie in Brauns­bach weist Au­tor Tho­mas Adam in sei­ner kürz­lich er­schie­ne­nen Bi­lanz von Na­tur­ka­ta­stro­phen in Ba­denWürt­tem­berg hin. Das Buch „Feu­er, Flu­ten, Ha­gel­wet­ter“geht ge­nau je­ne Fra­gen an, die sich nach je­dem „Brauns­bach“stel­len: Sind sol­che Er­eig­nis­se häu­fi­ger und schlim­mer ge­wor­den? Ha­ben die Men­schen sie mit­ver­schul­det? Ha­ben sie et­was dar­aus ge­lernt, wie re­agier­te man im Lauf der Ge­schich­te auf Feu­er und Flu­ten? Adam legt zwar gro­ßen Wert auf die Nen­nung der his­to­ri­schen Erd­be­ben, Brän­de, Stür­me und Hoch­was­ser auf dem Ge­biet des heu­ti­gen Ba­den-Würt­tem­berg. Aber er macht die Rück­schau nicht zum Selbst­zweck, son­dern ord­net die wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en an­de­rer im­mer mit Blick auf un­se­re La­ge heu­te ein. Und kommt zu dem Er­geb­nis: In Sa­chen Hoch­was­ser wa­ren die Men­schen zwi­schen 1700 und 1900 be­son­ders be­droht. Auch zwi­schen 1900 und 1990 gab es Scha­dens­er­eig­nis­se, aber doch mit vie­len Schwan­kun­gen in der Häu­fig­keit. Nicht zu über­se­hen ist al­ler­dings, dass sich die ex­tre­men Hoch­wäs­ser im Süd­wes­ten seit 1990 häu­fen. Auch wenn sie im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis schnell ver­ges­sen sind. Das Weih­nachts­hoch­was­ser 1993 in ganz Mit­tel­eu­ro­pa und die Pfingst­flut 1999 mit dem höchs­ten bis­her ge­mes­se­nen Pe­gel­stand des Rheins bei Ma­xau (8,80 Me­ter) wa­ren „Jahr­hun­dert­er­eig­nis­se“. Sie las­sen das sta­ti­sche Pen­del zu Un­guns­ten der Ge­gen­wart aus­schla­gen. Bei den Or­ka­nen gal­ten sechs Sturm­tiefs im Win­ter und Früh­jahr 1967 als be­son­ders gra­vie­rend, sie fäll­ten sechs Mil­lio­nen Fest­me­ter Holz in den Lan­des­wäl­dern. Aber die Sturm­se­rie von Vi­vi­an und Wib­ke 1990 so­wie ins­be­son­de­re „Lothar“von 1999 (mit 30 To­ten in Ba­den-Würt­tem­berg) über­traf tat­säch­lich die frü­he­ren Ka­ta­stro­phen. Nimmt man noch hin­zu, dass die Ha­gel­ver­si­che­rung für den Bo­den­see im Zeitraum 1990 bis 2000 drei­mal mehr Un­wet­ter als im Jahr­zehnt zu­vor bi­lan­zier­te, liegt ei­ne Ur­sa­chen­for­schung im Kli­ma­wan­del na­he. Tho­mas Adam, im Haupt­be­ruf Kul­tur­ab­tei­lungs­lei­ter bei der Stadt Bruch­sal, ist His­to­ri­ker, kein Me­teo­ro­lo­ge oder Geo­wis­sen­schaft­ler. Er maßt sich nicht an, ein Ur­teil über die Ur­sa­chen je­ner Wet­terphä­no­me­ne zu fäl­len, die er auf­lis­tet. Da­für zeigt er fei­nes Ge­spür bei der Ei­n­ord­nung sei­ner Er­kennt­nis­se. „Zer­stö­ren­de Was­ser­flu­ten aber wa­ren und sind kein Mo­no­pol der gro­ßen Flüs­se. Im Ge­gen­teil. Weit häu­fi­ger er­lebt Deutsch­land das Auf­tre­ten sei­ner viel­leicht be­trächt­lichs­ten und si­cher am meis­ten un­ter­schätz­ten Na­tur­ge­fahr: ab­rupt ein­set­zen­de Som­mer­wild­was­ser die­ser ei­gent­lich un­schein­ba­ren Bä­che .... “. Er weist dar­auf hin, dass In­dus­trie­na­tio­nen zwar ho­he volks­wirt­schaft­li­che Schä­den er­lei­den durch Na­tur­er­eig­nis­se, die meis­ten mensch­li­chen Op­fer aber in Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern die­ser Welt zu be­kla­gen sind, näm­lich 95 Pro­zent al­ler Ka­ta­stro­phen­to­ten. Ei­ne Gunst un­se­rer geo­gra­fi­schen La­ge, die mit zum wirt­schaft­li­chen Auf­stieg Eu­ro­pas ge­führt hat, trotz­dem im­mer wie­der be­droht ist. Der Blick zu­rück auf Flu­ten und Ha­gel­wet­ter lehrt wohl dies: Ver­wund­bar­kei­ten an­neh­men, und nicht mit ei­nem „Glau­bens­krieg“zu be­kämp­fen so­wie Vor­sor­ge nicht als läs­ti­ges Übel zu be­trach­ten, die der Spaß­ge­sell­schaft zu teu­er ist, das soll­te selbst­ver­ständ­lich wer­den.

Blick auf ver­hee­ren­de Fol­gen: Im Ort Brauns­bach wur­den Bä­che zu ver­hee­ren­den Flüs­sen. Ein his­to­ri­scher Blick auf Na­tur­ka­ta­stro­phen in Ba­den-Würt­tem­berg hilft zur Ei­n­ord­nung des Er­eig­nis­ses.

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