Goe­thes „di­cke­re Hälf­te“

Gna­den­los ge­läs­tert: Die fei­ne Ge­sell­schaft be­nahm sich Chris­tia­ne Vul­pi­us ge­gen­über sehr un­fein

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - Ant­je Lau­sch­ner

Es ist ein Skan­dal im klei­nen Wei­mar: Der be­rühm­te Dich­ter Goe­the wählt 1788 ein ein­fa­ches Blu­men­mäd­chen zu sei­ner Ge­fähr­tin. „Ei­ne Af­fä­re hät­ten Adel und Bür­ger­tum dem Dich­ter durch­aus ver­zie­hen, dass er Chris­tia­ne Vul­pi­us aber in sein Haus nimmt, nicht“, sagt der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Jo­chen Klauß vom Goe­theNa­tio­nal­mu­se­um in Wei­mar. 28 Jah­re leb­ten bei­de zu­sam­men, zu­erst in „wil­der Ehe“, ab 1806 mit Trau­schein. Am 6. Ju­ni vor 200 Jah­ren starb Chris­tia­ne von Goe­the (1765-1816) nach mo­na­te­lan­ger Krank­heit. „Sie war ei­ne le­bens­star­ke Frau, Goe­thes Mu­se, Ge­fähr­tin und die Stüt­ze im klei­nen Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men“, be­rich­tet der Vor­sit­zen­de des Ver­eins Goe­the-Na­tio­nal­mu­se­um, Die­ter Höhnl. In ar­men Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, pass­te sie nach An­sicht von Her­zog und ad­li­gen Da­men um die zu­vor von Goe­the zu­rück­ge­wie­se­ne Char­lot­te von St­ein nicht zum Dich­ter. „Sie ver­kann­ten, dass ein Ge­nie auch ei­ne bür­ger­li­che Sei­te braucht. Und das war Chris­tia­ne“, meint Klauß. Im Ju­li 1788 tref­fen bei­de erst­mals im Park an der Ilm auf­ein­an­der. Chris­tia­ne ist ge­ra­de 23 Jah­re alt und trägt als Putz­ma­che­rin in ei­ner Ma­nu­fak­tur zum kärg­li­chen Fa­mi­li­en­bud­get bei. Sie will dem fast 39-jäh­ri­gen Dich­ter ei­ne Bitt­schrift ih­res Bru­ders Chris­ti­an Au­gust über­ge­ben, des spä­te­ren Au­tors des Best­sel­lers „Ri­nal­do Ri­nal­di­no“. „Goe­the war hei­rats­scheu, das ist be­kannt, und auf der Su­che nach der frei­en Lie­be, die er am En­de sei­ner Ita­li­en­rei­se auch ge­fun­den hat“, sagt Klauß. Bei Chris­tia­ne ha­be er sei­ne Chan­ce für so ein ein­zig­ar­ti­ges Le­bens­mo­dell ge­se­hen. „Goe­the war da­mit sei­ner Zeit um mehr als 200 Jah­re vor­aus. Heu­te ist es nor­mal, da­mals war es ris­kant.“Jah­re spä­ter hat der Dich­ter in sei­nem Lie­bes­ge­dicht „Ge­fun­den“(Ich ging im Walde so für mich hin) die­se Si­tua­ti­on be­schrie­ben. Er ha­be das Blüm­lein, ei­ne Al­le­go­rie auf Chris­tia­ne, mit all sei­nen Würz­lein aus­ge­gra­ben und sorg­sam

Tho­mas Mann nann­te sie „ein Stück Fleisch“

im Gar­ten vor dem Haus wie­der ein­ge­pflanzt, heißt es dort. Dies spre­che für Goe­the. Er ha­be im­mer schüt­zend die Hand über sie ge­hal­ten und sie we­gen ih­rer Na­tür­lich­keit ge­liebt. Für die „fei­ne“Ge­sell­schaft in Wei­mar bleibt die Ver­bin­dung ein Me­sal­li­an­ce. Chris­tia­ne be­kommt oh­ne En­de Hä­me zu spü­ren. „Ein run­des Nichts“, „die di­cke­re Hälf­te“, „Krea­tür­chen“wird sie ge­nannt. Sie kön­ne nicht Le­sen und Schrei­ben, sie trin­ke zu viel Al­ko­hol, heißt es. Mit of­fe­nen Be­lei­di­gun­gen hält man sich erst ab 1806 zu­rück, als bei­de nach dem Ein­marsch der na­po­leo­ni­schen Trup­pen hei­ra­ten und aus Chris­tia­ne Vul­pi­us die Ge­heim­rä­tin von Goe­the wird. Von Jo­han­na Scho­pen­hau­er, die Mut­ter des Phi­lo­so­phen Ar­thur Scho­pen­hau­er, ist der Satz über­lie­fert: „Wenn Goe­the ihr sei­nen Na­men gibt, dann kön­nen wir ihr auch ei­ne Tas­se Tee an­bie­ten.“„Chris­tia­ne ist in der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft und Li­te­ra­tur in den ver­gan­ge­nen 200 Jah­ren in ih­rer Ge­samt­heit nicht gut weg­ge­kom­men“, be­tont Höhnl. Noch Tho­mas Mann nann­te sie ein „Stück Fleisch“. Si­grid Damm ha­be 1998 in ih­rem Buch „Chris­tia­ne und Goe­the“ein le­bens­na­hes Bild des Paa­res vor­ge­legt. Es stim­me nicht, dass Chris­tia­ne nicht Le­sen und Schrei­ben konn­te. In Brie­fen und ih­rem Ta­ge­buch schrieb sie ein „brei­tes Wei­ma­risch“, so wie sie sprach. Dies ha­be aber mit Bil­dungs­fer­ne nichts zu tun, sagt Klauß. Im mitt­le­ren Bür­ger­tum ha­be sie durch­aus mit­hal­ten kön­nen. Das größ­te Un­glück der Goe­thes: Von den fünf Kin­dern über­lebt nur der Erst­ge­bo­re­ne. Chris­tia­ne selbst stirbt mit 51 Jah­ren, die To­des­ur­sa­che ist nicht be­kannt. Ein Goe­the-Vers auf dem lan­ge ver­schol­le­nen Gr­ab sei­ner Frau auf dem Ja­kobs­fried­hof zeigt den Schmerz des Dich­ters: „Du ver­sucht, o Son­ne, ver­ge­bens / Durch die düs­te­ren Wol­ken zu schei­nen. / Der gan­ze Sinn mei­nes Le­bens /Ist, Ih­ren Ver­lust zu be­wei­nen.“

Für die Wei­ma­rer Ad­li­gen war Chris­tia­ne Vul­pi­us ein „Krea­tür­chen“, für Goe­the sein „Haus­schatz“. Die­se Büs­te zeigt sie in der Wei­ma­rer Aus­stel­lung „Chris­tia­ne von Goe­the. Zum 200. To­des­tag“. Fo­to: avs

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