Män­ner ho­len bei den Düf­ten auf

Neue Ap­pel­le an den Ge­ruchs­sinn: Die Ruhr-Uni Bochum will mit ih­ren Par­fum auch die geis­ti­ge Fri­sche för­dern

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mo­de & Stil - Su­san­ne Forst

Der neue Mann ist wild, vi­ril und er be­sitzt Hu­mor: der per­fek­te Ge­spie­le und Frau­en- oder auch Män­ner­ver­ste­her. Dass er sich selbst iro­nisch sieht, zeigt Je­an Paul Gaul­tier. Des­sen Duft ziert Popeyes Kon­ter­fei, der mit der Pfei­fe im Ge­sicht, den di­cken Ober­ar­men und dem Spi­nat. Das Ge­mü­se ist auf dem Fla­kon nicht zu se­hen, aber – ein De­si­gn­haus ver­pflich­tet schließ­lich – Popeye trägt Strei­fen, ein Ma­tro­sen­hemd. Es geht auch ge­setz­ter, zum Bei­spiel bei Her­mès mit dem Par­fum „Bel ami“. Aber Vor­sicht, ein Bel ami muss nicht der gu­te, al­te ver­läss­li­che Freund sein. Bel ami, das ist der Lieb­ling der Frau­en, oh­ne Zwei­fel. Aber auch ein Frau­en­held, ein skru­pel­lo­ser Kar­rie­rist, der sich in Guy de Mau­pas­sants gleich­na­mi­gen Ro­man recht un­fein an die Spit­ze der Ge­sell­schaft kämpft. Im­mer der Na­se nach: das kann um­gangs­sprach­lich hei­ßen, im­mer schön ge­ra­de­aus. Doch im leicht­hin ge­sag­ten Weg­wei­ser steckt mehr. Er kon­zen­triert ein bei­na­he ar­chai­sches Mus­ter. Die Na­se macht uns kir­re. Sie hat uns in der Hand. An Ver­stand und Ver­nunft vor­bei, ent­schei­det der Ge­ruchs­sinn über Zu- und Ab­nei­gung, un­se­re Vor­lie­ben, die Part­ner­wahl. Wie Riech­stof­fe wir­ken, un­ter­su­chen un­ter an­de­rem Wis­sen­schaft­ler an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum, kurz RUB. Sie ha­ben sich die „mo­ti­vie­ren­den“Wir­kung von Duft­stof­fen zu­nut­ze ge­macht und ih­rer Hoch­schu­le zum 50. Ge­burts­tag ein Par­fum ge­schenkt. Hanns Hatt, ein Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, hat mit Ge­za Schön, ei­ner „Na­se“, wie ex­zel­len­te Par­fü­meu­re gern ge­nannt wer­den, „Know­ledge by RUB“ent­wi­ckelt. Know­ledge (Wis­sen, Er­kennt­nis) soll geis­ti­ge Fri­sche und die Kon­zen­tra­ti­on för­dern. Par­fum ist Lu­xus­ar­ti­kel und Mas­sen­pro­dukt zugleich. Meh­re­re hun­dert Düf­te kom­men in Deutsch­land je­des Jahr neu auf den Markt. 2015 wa­ren es knapp 400, be­rich­tet der VKE-Kos­me­tik­ver­band. Ein Bou­quet von Zi­tro­nen- und Oran­gen­no­ten, Kak­tus­fei­ge oder Na­shi-Bir­nen bie­tet der Han­del die­ser Ta­ge. Ro­sen, Free­si­en und wei­ße Höl­zer er­gän­zen die fruch­ti­ge Duft­pa­let­te, sagt VKE-Ge­schäfts­füh­rer Mar­tin Rupp­mann. In der war­men Jah­res­zeit rü­cken leich­te­re Düf­te in den Vor­der­grund. „Jetzt ist Min­ze stark, bei Da­men und Her­ren“, sagt El­mar Kel­de­nich. Wie der Ge­schäfts­füh­rer des Bun­des­ver­ban­des Par­fü­me­ri­en er­zählt, do­mi­niert bei den Da­men da­ne­ben die Ro­se, kom­bi­niert et­wa mit Ber­ga­mot­te oder Ana­nas, ger­ne auch mit Mo­schus. Bei den Her­ren­düf­ten ist Mo­schus eben­falls ein The­ma. „Män­ner ho­len auf“, sagt Mar­tin Rupp­mann. Nasch­ten sie frü­her von den Tie­geln der Part­ne­rin, kau­fen sie heu­te selbst ein. „Ei­ne ge­pfleg­te Er­schei­nung und ein Duft un­ter­strei­chen die Per­sön­lich­keit“, sagt der Ex­per­te. „Sie si­gna­li­sie­ren Er­folg und Vi­ta­li­tät.“Die Bran­che hat das Po­ten­zi­al er­kannt. Die Düf­te ha­ben an­de­re No­ten als bei Frau­en und Män­ner-Fla­kons sind zu­dem in ei­ge­nen Far­ben ge­stal­tet, ger­ne Sil­ber, Schwarz, Grau. Der Ver­schluss knackt vi­ril. Längst buh­len nicht mehr nur Par­fum­häu­ser wie das Tra­di­ti­ons­haus Gu­er­lain um die Gunst des Kun­den. Gro­ße und klei­ne Mo­de­häu­ser, De­si­gner, Pro­mis und Pro­mi­nen­te, Ster­ne und Stern­chen schmü­cken sich ver­kauf­s­träch­tig mit dem ei­ge­nen Duft – He­le­ne Fi­scher ist eben­so von der Par­tie wie der „se­xiest man ali­ve“mit Tor­jä­ger­qua­li­tä­ten, Da­vid Beck­ham. Ne­ben den schnel­len oder glo­ba­len, mas­sen­taug­li­chen Düf­ten, bei de­nen die Mar­ke im Vor­der­grund steht, hat das klas­si­sche Par­fü­meur­hand­werk auf­ge­holt. Lu­xus­la­bels leis­ten sich wie­der ei­ge­ne Ex­per­ten. Ma­nu­fak­tu­ren bie­ten per­so­na­li­sier­te Di­ens­te an. „Dre­ckig blei­ben“heißt ein Duft, der schon ein­mal ver­bal die Ab­kehr vom rund ge­schlif­fe­nen Durch­schnitts­duft kul­ti­viert. Und die „Na­sen“selbst mel­den sich zu Wort – et­wa der Fran­zo­se Je­an-Clau­de El­lena, der für Her­mès ar­bei­tet. El­lena, Spit­zen­kraft des Me­tiers mit ei­ge­nem Ate­lier na­he Gras­se, der „Welt­haupt­stadt“des Par­fums, hat ein „Par­fum-Ta­ge­buch“ge­schrie­ben. Er fin­det sich al­ler­dings auch in dem Pracht­band „Von der Kunst des Par­fums“von Frédé­ric Mal­le. Der gibt Par­fums her­aus, wie ein Ver­le­ger Bü­cher. Und er hat buch­stäb­lich ei­ne Duft-DNA. Sein Groß­va­ter Ser­ge Heft­lerLouiche ar­bei­te­te mit François Co­ty, dem Be­grün­der der mo­der­nen Par­fü­me­rie zu­sam­men, be­vor er die Lei­tung von Di­or Par­fums über­nahm. „Ich woll­te zei­gen, dass die Par­fü­me­rie er­fin­dungs­reich, per­sön­lich und lu­xu­ri­ös sein kann“, schreibt Mal­le. Der Par­fü­meur sol­le wie­der Herr des Ver­fah­rens wer­den, frei vom Mar­ken-Image und glo­ba­len Markt- oder Mar­ke­ting-Stra­te­gi­en. Mal­le lud Kön­ner ein, die im Dia­log mit ihm ei­ge­ne Ide­en ent­wi­ckel­ten, zwar aus der gro­ßen Tra­di­ti­on der Par­fü­me­rie her­aus, aber ra­di­kal der ei­ge­nen Na­se und Vor­stel­lungs­welt ver­pflich­tet und of­fen für neue Tech­no­lo­gi­en. „Die Ar­beit des Par­fü­meurs hat ei­ne eher ein­sa­me, künst­le­ri­sche, Sei­te, aber es ist auch Team­ar­beit“, fasst Mal­le zu­sam­men. Am En­de des Pro­zes­ses, mit ge­nia­ler Re­duk­ti­on oder ex­tra­va­gan­ter Es­ka­pa­de, steht ein Duft: se­xy, auch pro­vo­kant, zum Ver­füh­ren.

„Min­ze ist stark bei Da­men und Her­ren“

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