Auf Söl­dens stil­ler Sei­te

Im Wind­ach­tal kön­nen Wan­de­rer die Zi­vi­li­sa­ti­on hin­ter sich las­sen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Ju­dith Kunz

Die Luft ist klar – und dünn. Kaum ei­ner re­det mehr. Bes­ser auf den ei­ge­nen Atem kon­zen­trie­ren und auf die Trit­te im fel­sig-schrof­fen Ge­län­de. Berg­füh­rer Hu­go Reindl schrei­tet im ge­fühl­ten Slow-Mo­de vor­an, bis er die Be­we­gung gänz­lich ein­stellt, Scho­ko­la­de ver­teilt und da­mit Re­ser­ven mo­bi­li­siert: „Wir sind jetzt schon hö­her als die Zug­spit­ze“, ruft der 44-Jäh­ri­ge den deut­schen Teil­neh­mern sei­ner Grup­pe zu. Wor­auf­hin die Ös­ter­rei­cher zwar nur grin­sen, aber die sind oh­ne­hin fit­ter. „In ei­ner drei­vier­tel St­un­de ist die Hoch­stu­bai­hüt­te ge­schafft“, ver­kün­det der Mo­ti­va­tor. Die thront auf der Wild­kar­spit­ze in 3 175 Me­tern und ge­hört zu den drei höchst­ge­le­ge­nen Hüt­ten Ös­ter­reichs: das Etap­pen­ziel des ers­ten Ta­ges auf Söl­dens stil­ler Sei­te. Hier ist’s wirk­lich still. Wer mag, kann sich je­de Nacht in ei­ner an­de­ren Berg­hüt­te ein­quar­tie­ren – und die hoch­al­pi­ne Ein­sam­keit fünf Ta­ge am Stück ge­nie­ßen. So lan­ge braucht man näm­lich, um das ab­ge­schie­de­ne Wind­ach­tal zu um­run­den, das sich bis ins Herz der Stu­bai­er Al­pen er­streckt. Los geht’s

Hüt­ten-Hop­ping im Hoch­ge­bir­ge

mit­ten in Söl­den. Aber nicht rechts der Ötz­ta­ler Ache, wo die Ber­ge er­schlos­sen sind und schon lan­ge vor dem jüngs­ten Ja­mesBond-Film in­ter­na­tio­nal zu den be­kann­tes­ten Hot Spots für Win­ter­sport­ler ge­hör­ten. Son­dern links, wo die Zeit of­fen­bar ste­hen ge­blie­ben ist. Gut, dass es das Hüt­ten­ta­xi gibt. Das bringt Wan­de­rer zur 2 000 Me­ter hoch ge­le­ge­nen Kle­blealm. Die letz­ten gut 500 Hö­hen­me­ter hin­auf zur Hoch­stu­bai­hüt­te füh­ren durch fel­si­ges Ge­län­de – und zie­hen sich. „Das ist die Hö­he“, kon­sta­tiert Hu­go Reindl und man weiß jetzt we­nigs­tens, war­um man au­ßer Atem ist und schwitzt, ob­wohl die Tem­pe­ra­tur längst im ein­stel­li­gen Be­reich ist. „Wenn die Sai­son im Ju­li star­tet, la­gern wir die Gr­und­ver­sor­gung per He­li ein – und lau­fen zwi­schen­durch run­ter, wenn Brot oder Sa­lat fehlt“, be­rich­tet Groll­mus, der bis zu 18 Ki­lo auf sei­nem Rü­cken über die „Him­mels­lei­ter“nach oben schleppt. Als Durch­schnitts­wan­de­rer hat man schon berg­ab al­le Hän­de voll mit sich selbst zu tun, wenn man die le­gen­dä­re Him­mels­lei­ter am Stahl­seil hin­ab Rich­tung See­kar­see geht. Ein kur­zer Fo­to-Stopp, schon folgt ein sanf­ter An­stieg auf dem Ver­bin­dungs­weg zur Hil­des­hei­mer Hüt­te (2899 Me­ter). „Oh­ne Aus­dau­er und Tritt­si­cher­heit geht gar nichts“, be­tont der Berg­füh­rer. Die Pas­sa­ge über den Wind­a­cher-Fer­ner und über den Gaiß­kar­fer­ner ist zwar mar­kiert, aber si­cher ist si­cher. Auch auf dem Steig, der zur Hil­des­hei­mer Hüt­te führt, be­wacht er je­den Tritt – und man merkt sei­ne Er­leich­te­rung, als al­le end­lich auf der Son­nen­ter­ras­se sit­zen. Mor­gens um sechs ist die Nacht schon zu En­de. Wol­ken­fel­der wa­bern durchs Tal, ge­ra­de kommt die Son­ne raus, die Ka­me­ras kli­cken. Schon mit­tags ist die Sie­ger­land­hüt­te auf 2710 Me­ter im Vi­sier, ein ech­tes bau­li­ches Klein­od mit run­den Er­kern, das auf ei­nem Ge­län­de­ab­satz ganz am En­de des Wind­ach­tals thront. Hier gibt es über­wie­gend Ein- und Zwei­bett­zim­mer: ab­so­lu­ter Lu­xus in der Ab­ge­schie­den­heit. Ge­nau das Rich­ti­ge, um mal wie­der mur­mel­tier­mä­ßig zu schla­fen und am nächs­ten Mor­gen gut aus­ge­ruht zum Brun­nen­ko­gel­haus auf­zu­bre­chen. Das fi­na­le Nacht­la­ger in der Ber­gein­sam­keit liegt auf 2 738 Me­ter. Es be­haup­tet sich in ex­po­nier­ter La­ge auf dem Wind­ach­kamm. Der Blick auf die Gip­fel der Stu­bai­er und Ötz­ta­ler Al­pen ist gi­gan­tisch. Den­noch: „Nach vier Hüt­ten­näch­ten freut sich je­der wie­der auf ein or­dent­li­ches Ho­tel­bett“, weiß Hu­go Reindl. Aber nur so lan­ge, bis der Berg wie­der ruft.

Hüt­ten-Hop­ping im hin­te­ren Ötz­tal: Fünf Ta­ge sind für die Um­run­dung des Wind­ach­tals un­weit von Söl­den nö­tig. Rund 3000 Hö­hen­me­ter ha­ben die Wan­de­rer zu meis­tern. Da­für gibt es traum­haf­te Aus­bli­cke bei­spiels­wei­se auf den See­kar­see. Fo­to: Frei

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