Der Druck ist end­lich weg

Die „Lö­wen“sind ih­ren Ma­kel los

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

End­lich ist er weg, der rie­si­ge Druck, der die Rhein-Neckar Lö­wen schon seit Jah­ren plagt. Die deut­sche Meis­ter­schaft im x-ten An­lauf war ein ganz emo­tio­na­ler Ti­tel­ge­winn. Denn das per­ma­nen­te Schei­tern auf der Ziel­ge­ra­den – ob im Po­kal oder in der Bun­des­li­ga –, es war fast schon sym­pto­ma­tisch für den ba­di­schen Erst­li­gis­ten. Das ob­li­ga­to­ri­sche vor­zei­ti­ge Aus, wenn man nach dem DHB-Cup griff, ist fast schon Pro­gramm bei den „Lö­wen“, könn­te man iro­nisch for­mu­lie­ren. Und auch in der Bun­des­li­ga schien man zu­letzt den zwei­ten Platz fest ge­bucht zu ha­ben. Doch aus­ge­rech­net in der Ab­schieds­sai­son von Iko­ne Uwe Gens­hei­mer ge­lang der gro­ße Wurf – die deut­sche Meis- ter­schaft. Der Tri­umph ei­nes Teams und nicht der her­aus­ra­gen­den In­di­vi­dua­lis­ten. Auf die hat­te man in frü­he­ren Jah­ren bei den „Lö­wen“ge­setzt. Mil­lio­nen wur­den in­ves­tiert, doch mit et­was zeit­li­chem Ab­stand zu die­ser Pha­se muss man kon­sta­tie­ren: Die Mil­lio­nen wur­den ver­pul­vert. Aus­ge­ge­ben für Stars wie Ivan Cu­pic, Ka­rol Biel­ecki oder Jack­son Richard­son, die den Er­folg trotz ih­rer in­di­vi­du­el­len Klas­se nicht ga­ran­tie­ren konn­ten. Iro­nie des Schick­sals: Aus­ge­rech­net nach dem Ab­schied von Haupt­ge­sell­schaf­ter und Spon­sor Je­sper Niel­sen bo­gen die Lö­wen nicht nur auf den Weg der Ver­nunft ein, sie wa­ren plötz­lich auch er­folg­reich. Wo­bei sich der Be­griff Er­folg re­la­ti­viert, denn mit Aus­nah­me des EHF-Po­kals konn­te der ba­di­sche Bun­des­li­gist wei­ter kei­nen Ti­tel ge­win­nen. Doch man be­gann ei­ne Mann­schaft auf­zu­bau­en – im wah­ren Sinn des Wor­tes. Trotz feh­len­der Niel­sen-Mil­lio­nen war der Etat noch im­mer sta­bil und hoch ge­nug, um gu­te Spie­ler zu ver­pflich­ten. Und vor al­lem die rich­ti­gen. An­dy Schmid, der Spiel­ma­cher aus der Schweiz, reif­te zum über­ra­gen­den Stra­te­gen. Und Spie­ler wie Patrick Gro­etz­ki, Kim Ek­dahl du Rietz, Ge­de­on Guar­dio­la, Alexan­der Pe­ters­son und Uwe Gens­hei­mer drück­ten dem Spiel der „Lö­wen“ih­ren Stem­pel auf. Der Lohn für die Ge­duld: Die Rhein-Neckar Lö­wen sind deut­scher Meis­ter 2016, Gens­hei­mer darf er­ho­be­nen Haup­tes nach Pa­ris wech­seln und der gro­ße Druck ist tatsäch­lich end­lich weg. Den ha­ben in der kom­men­den Sai­son an­de­re: Der THW Kiel oder die SG Flens­burg-Han­de­witt. Die­ses Duo wird die „Lö­wen“ja­gen, doch Er­folgs­coach Ni­ko­laj Bre­dahl Ja­cob­sen wird es er­tra­gen. Sei­ne Mis­si­on hat er zu­n­ächst ein­mal er­füllt – der Dä­ne hat sei­nem Ar­beit­ge­ber den ers­ten na­tio­na­len Ti­tel ver­schafft. Dar­auf kann er auf­bau­en, denn das Team wird nur we­nig an sport­li­cher Sub­stanz ver­lie­ren. Zwar ge­hen Uwe Gens­hei­mer (Pa­ris SG), Ste­fan Kneer (HSG Wetz­lar) und Ste­fán Si­gur­manns­son (Aal­borg Hand­bold), doch der „Er­satz“ist hoch­ka­rä­tig: der is­län­di­sche Heim­keh­rer Gud­jón Valur Si­gurds­son (vor­her FC Bar­ce­lo­na) und der Ma­ze­do­ni­er De­jan Ma­naskov (RK Var­dar Skop­je) sind für die Links­au­ßen­po­si­ti­on ver­plant, der Schwe­den Andre­as Palicka (Aal­borg Hånd­bold) wird mit Lands­mann Mi­ka­el Ap­pel­g­ren das Tor­wart-Duo der „Lö­wen“bil­den. Da­mit hat man die sport­li­chen Lü­cken gut ge­schlos­sen. Was man aber nicht fül­len kann, das ist der lee­re Platz, den Gens­hei­mer hin­ter­lässt. Er war weit mehr als nur ein er­fol­g­reicher Tor­schüt­ze im Team des deut­schen Meis­ters. Er war Ka­pi­tän, Füh­rungs­spie­ler, ein ech­ter Le­a­der und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Der Mann, der gro­ßen An­teil dar­an hat, dass die in der Bun­des­li­ga nicht im­mer gut ge­lit­te­nen „Lö­wen“heu­te ein po­si­ti­ves Image ha­ben und vie­le Sym­pa­thi­en ge­nie­ßen. Die ag­gres­si­ve Trans­fer­po­li­tik ver­gan­ge­ner Jah­re ist ei­ner ver­nünf­ti­gen Per­so­nal­stra­te­gie ge- wi­chen. So muss man auch die Rück­hol­ak­ti­on von Si­gurds­son se­hen. Der ist zwar schon 35 Jah­re alt, doch auch des­halb prä­des­ti­niert, in die Rol­le ei­nes Füh­rungs­spie­lers zu schlüp­fen. Und die Bun­des­li­ga ist für ihn nach Sta­tio­nen bei TuSEM Es­sen, dem VfL Gum­mers­bach, den Rhein-Neckar Lö­wen und dem THW Kiel ein sehr ver­trau­tes Ter­rain. Lars La­ma­dé je­den­falls meint zum Gens­hei­mer-Nach­fol­ger: „Wir sind fest da­von über­zeugt, ei­ne erst­klas­si­ge Lö­sung ge­fun­den zu ha­ben.“Der bis­he­ri­ge Lö­wen-Ma­na­ger, der wie­der in den Auf­sichts­rat der „Lö­wen“wech­selt und Platz macht für die neue Ge­schäfts­füh­re­rin Jen­ni­fer Kett­mann, hin­ter­lässt ein gut be­stell­tes Feld: Mit Oli­ver Rog­gisch hat man ein wei­te­res „Ur­ge­stein“als sport­li­chen Lei­ter noch mehr in die Pflicht ge­nom­men und Leis­tungs­trä­ger wie Gro­etz­ki und Guar­dio­la lang­fris­tig (bis je­weils 2020) an den Ver­ein ge­bun­den. Die Vor­aus­set­zun­gen sind ge­schaf­fen, um wie­der deut­scher Meis­ter wer­den zu kön­nen. Nur ei­nen klei­nen Un­ter­schied gibt es jetzt: Die „Lö­wen“wis­sen jetzt end­lich, wie dies in der Pra­xis funk­tio­niert.

Gens­hei­mer hin­ter­lässt ei­ne ganz gro­ße Lü­cke

De­jan Ma­naskov ist die neue Al­ter­na­ti­ve auf der Links­au­ßen­po­si­ti­on. Der Ma­ze­do­ni­er kommt aus Skop­je an den Neckar und er­setzt Ste­fan Si­gur­manns­son, der nach Dä­ne­mark wech­selt. Foto: avs

Heim­keh­rer Gud­jón Valur Si­gurds­son be­erbt Uwe Gens­hei­mer als Links­au­ßen. Foto: GES/Prang

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